Marlene Halser

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Microdosing: Kein Trip, sondern eine Suche nach Balance

In höheren Dosen erweitert LSD die Pupillen und führt zu Halluzinationen © Mark Tomalty/​Getty Images

Einige experimentierfreudige Patienten nehmen winzige Mengen LSD gegen Depressionen. Sie glauben, es hilft. Ist das mehr als Einbildung?


Dopamin und Serotonin. Julian Rolfes hat sich die chemischen Strukturformeln dieser beiden Stoffe auf seine Unterarme tätowieren lassen. Dopamin rechts, Serotonin links. "Um mich selbst daran zu erinnern, dass ich die Dosis dieser Hormone in meinem Körper erhöhen muss", sagt der schmale, zerbrechlich wirkende 27-Jährige. Er leidet unter Depressionen, und die beiden Botenstoffe spielen für das psychische Wohlbefinden eine wichtige Rolle.

Um mehr davon in sein Hirn strömen zu lassen, hat Rolfes etwas ausprobiert, das meist illegal und noch wenig erforscht ist. Sein Experiment habe ihm in einer Hochphase seiner Depression das Leben gerettet, sagt er. Rolfes holt eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank seiner WG, darin: ein Stück Pappe mit 100 Mikrogramm 1P-LSD. "Davon habe ich alle drei Tage morgens vier große Schlucke genommen, also jeweils relativ genau zehn Mikrogramm LSD."

Das ist viel weniger als die Dosis, die für einen psychedelischen Trip nötig ist. "Microdosing" nennt sich deshalb, was Julian Rolfes getestet hat. Seit etwa fünf Jahren erfährt das Phänomen zunehmend Aufmerksamkeit - vor allem im Netz und in der Presse, aber auch bei einigen Forscherinnen und Forschern. Es geht um die regelmäßige Einnahme von sehr kleinen Dosen psychedelischer Substanzen wie oder Psilocybin, die fast überall auf der Welt als illegale Drogen eingestuft sind. Psilocybin ist der psychoaktive Wirkstoff aus bestimmten Pilzen, den Magic Mushrooms. Statt einen kompletten Trip zu erleben, der mit starken Halluzinationen einhergehen kann und den Nutzer in der Regel ziemlich außer Gefecht setzt, experimentieren Microdoser mit einer Dosierung, die unter oder nahe an der Wahrnehmungsschwelle liegen soll.

Die Wirkungen, die Anwender schildern, sind breit gefächert: Gesunde Menschen berichten, die Einnahme habe sie leistungsfähiger und oft auch kreativer gemacht. Sie könnten sich besser konzentrieren und leichter Lösungen für komplexe Probleme finden. Auch habe Microdosing ihr allgemeines Wohlbefinden verbessert, sie seien besser gelaunt und kämen mit Stress, belastenden Situationen und den Menschen in ihrem Umfeld besser zurecht. Menschen, die wie Rolfes an einer psychischen Störung oder unter chronischen Schmerzen leiden, behaupten, Microdosing habe ihre Symptome gelindert. Ein vielversprechendes Allheilmittel also, das anders als eine volle Dosis LSD oder Psilocybin alltagstauglich ist? Kein Wunder, dass sich dafür eine Menge Menschen interessieren.

Gibt man "Microdosing" bei Google Trends ein, stellt man fest, dass die Suchanfragen, beginnend ab dem Jahr 2015, weltweit ansteigen. Und eine Gruppe von finnischen, niederländischen und US-amerikanischen Forschern ermittelte, dass die Zahl der YouTube-Videos zum Thema zwischen 2016 und 2018 um 290 Prozent zunahm. "Das Phänomen wächst, zumindest online", schreiben die Autoren und kommen zu dem Schluss, hier etablierten sich "informelle Online-Drogen-Experimente (...) außerhalb der offiziellen wissenschaftlichen Forschung".

Studien, welche die Wirkung von Microdosing unter wissenschaftlichen Bedingungen untersuchen, sind selten. Bisher gibt es vor allem Online-Befragungen von Menschen, die Microdosing zu Hause ausprobiert haben. Insgesamt sieben Analysen wurden seit 2018 veröffentlicht. Die meisten der teilnehmenden Microdoser geben an, zahlreiche der im Netz immer wieder beschriebenen positiven Effekte an sich zu bemerken, mitunter auch Linderung bei Krankheiten, wie Julian Rolfes sie beschreibt. Eine Minderheit berichtet auch von negativen Auswirkungen wie körperlichem Unwohlsein, Angstzuständen, Überstimulation, kognitiven Beeinträchtigungen und belastenden Gefühlsausbrüchen. Deshalb warnt Tomislav Majić, Oberarzt und Leiter der Arbeitsgemeinschaft Psychotrope Substanzen am Berliner St. Hedwig-Krankenhaus, das zur Charité gehört, vor eigenmächtigen Experimenten mit psychedelischen Stoffen: "Von einer Selbstmedikation ist aus medizinischer und psychologischer Sicht abzuraten."

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