Markus Kaiser

Journalist, Professor für digitale Medien, Berater bei Change-Prozessen, Nürnberg

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Markus Kaiser: Nur eine Zertifizierung kann Orientierung bieten - Aktuelle Meldungen - News - newsroom.de

Newsroom de

München - Markus Kaiser, Leiter vom MedienCampus Bayern e.V., steigt in die große Newsroom.de-Debatte ein und erklärt den Qualitätssiegel, den sein Verein vergibt. Zudem widerspricht Markus Kaiser dem Hamburger Dozenten Christian Sauer, der die Debatte auf Newsroom.de angestoßen hat: „Seine Aussage, die Vielfalt der Angebote würde leiden, ist völliger Schwachsinn."

Die Zahl der Schulen, Akademien und sonstigen Einrichtungen im Bereich der journalistischen Aus- und Weiterbildung ist in den vergangenen Jahren stetig gestiegen.

Manche bieten ein breites Spektrum an Weiterbildungen an: von Kosmetik über Musik bis hin zu Journalismus. Ratlos sind deshalb etliche, die sich für eine Aus- oder Weiterbildung interessieren: Wo sind die paar hundert, manchmal sogar paar tausend Euro gut angelegt für das eigene berufliche Fortkommen?

Und wo wird man nur abgezockt, werden die Versprechungen aus den Hochglanz-Broschüren und Internetseiten nicht eingelöst?

In einer derart heterogenen Branche wie der der Medien (in der es zudem sehr viele regionale Unterschiede gibt), lässt sich diese Frage nur durch die Zertifizierung von Aus- und Weiterbildungseinrichtungen lösen.

Schließlich will wohl niemand, dass ein Abiturient mehrere tausend Euro und mehrere Jahre seiner Lebenszeit für eine Ausbildung in eine Sackgasse investiert.

Genau diese Enttäuschten lassen sich - leider oft erst im Nachhinein - auch immer wieder vom MedienCampus Bayern e. V. beraten.

Eine Zertifizierung darf allerdings nicht - wie von Christian Sauer - mit einer Standardisierung verwechselt werden.

Natürlich haben völlig unterschiedliche Zielgruppen, völlig unterschiedliche Formate und völlig unterschiedliche Zeitdauern von Weiterbildungen ihre Berechtigung.

Es ist keine Frage, dass ein Print-Redakteur in einem Seminar über Suchmaschinenoptimierung andere Fragen stellt als ein Online-Redaktionsleiter, der sich über die neuesten Trends und SEO-Strategien informieren will. Ein Volontär hat andere Anforderungen an ein Seminar als ein 50-Jähriger, der sich auf dem Laufenden halten will. Ein eintägiges Presserechtsseminar hat genauso seine Berechtigung wie ein Jura-Studium mit Schwerpunkt Medienrecht.

Diese Diversifizierung im Medienbereich ist nicht nur wichtig, in Bayern sogar das Erfolgsrezept für den Medienstandort mit seiner Vielzahl an unterschiedlichen Aus- und Weiterbildungseinrichtungen.

Deshalb ist die Aussage von Christian Sauer, die Vielfalt der Angebote würde leiden, völliger Schwachsinn.

Man erkennt daran, dass Sauer nicht recherchiert hat, was zum Beispiel hinter dem Qualitätssiegel des MedienCampus Bayern e. V. steckt.

Wichtig ist aber (und hier kommt die Zertifizierung ins Spiel), dass jeweils das im Seminar oder in der Weiterbildung drin steckt, was außen drauf steht.

Leider ist dies nicht immer der Fall. Auf Flyern und auf Internetseiten wird teils sehr viel versprochen, was nicht immer eingehalten wird. Sich an den selbst gesteckten und kommunizierten Zielen messen zu lassen, dies ist der wichtigste Baustein bei der Akkreditierung einer Aus- und Fortbildungseinrichtung.

Es kommt nicht selten vor, dass sich Teilnehmer an Seminaren und Fortbildungen im Anschluss ärgern, weil die vollmundigen Versprechungen nicht eingehalten worden sind. Dass unabhängige Gutachter dies verglichen haben, kommt den Teilnehmern zugute. Denn Hochglanz-Flyer und riesige Messestände, bei dem die Akademien für den ersten Eindruck beim potenziellen Kunden sorgen, sagen rein gar nichts über die Qualität der Fortbildung aus.

Ein wesentlicher Baustein, der von den Gutachtern geprüft wird, ist die Qualitätssicherung, die eine Einrichtung betreibt.

Christian Sauer selbst drückt dies laienhaft so aus: „Die Wahrheit über Erfolg oder Misserfolg eines Seminars hängt ganz wesentlich davon ab, was im Verlauf des Seminars geschieht, also von der Interaktion zwischen Anbieter, Dozent und Teilnehmern." Dass dies ermöglicht und Feedback von den Dozenten, Akademiedirektoren usw. auch regelmäßig eingefordert wird (Stichwort Evaluation), ist wichtig für eine qualitätsvolle Aus- und Fortbildung.

Der von Sauer konstruierte Widerspruch ist damit überhaupt keiner, zumal er selbst fordert: „Noch einmal: Ja, ein Veranstalter kann und soll seine Dozenten auf Herz und Nieren prüfen." Dass der Veranstalter dies auch wirklich macht und bei der Auswahl seiner Dozenten nicht nur auf seinen eigenen Geldbeutel schaut bzw. die Evaluation im Alltagsstress schlichtweg vergisst, dies prüfen die Gutachter bei der Zertifizierung (die im Übrigen nicht ausschließlich aus einem „Standard-Fragebogen" (Sauer) besteht, sondern als Herzstück die Vor-Ort-Begehung von externen, unabhängigen und erfahrenen Gutachtern mit Gesprächen mit der Akademieleitung, Dozierenden, Seminarteilnehmern und im besten Fall Alumni beinhaltet).

Zentraler Punkt muss eine individuelle Prüfung der Einrichtung sein.

Hier stimme ich Christian Sauer zu, dass es problematisch werde, wolle man Zertifizierungsverfahren eins zu eins auf ganz normale journalistische Weiterbildung übertragen. Sprich: Messen, ob die Tischhöhe passt usw. Zum Glück wird dies auch nicht gemacht.

Natürlich braucht eine Fernsehakademie eine ganz andere technische Ausstattung als jemand im Seminar „Kreatives Schreiben". Aber je nach Ziel und Aufgabe muss überprüft werden, ob die technische Ausstattung zum angebotenen Kurs passt und vorhanden ist. Dies ist ähnlich bei der Qualifikation des Dozenten: Natürlich sind nicht automatisch Akademiker mit Doktor-Titel die besseren Referenten. Ob die Dozenten für ihr jeweiliges Thema die nötige Qualifikation (und auch didaktischen Kenntnisse) mitbringen, lässt sich nur individuell im Einzelfall feststellen.

Beim MedienCampus Bayern e. V. gibt es seit Anfang 2012 die Möglichkeit, nach einem aufwändigen Prüfverfahren das Qualitätssiegel zu erhalten.

Jörg Sadrozinski, Leiter der Deutschen Journalistenschule in München, hat zu Zertifizierungen gesagt: „Ich könnte mir vorstellen, dass hier der Deutsche Journalisten-Verband und die Deutsche Journalisten-Union eine Rolle spielen." Auch der MedienCampus Bayern sei hier gefordert. „Mit dem Qualitätssiegel ist der MedienCampus Bayern auf einem guten Weg."

Unser Gastautor: Markus Kaiser, Jahrgang 1978, ist Geschäftsstellenleiter des Vereins MedienCampus Bayern. Er hat bei der „Nürnberger Zeitung" volontiert und als Redakteur gearbeitet. Heute lehrt Markus Kaiser zudem unter anderem an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg sowie an der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation.

Auch der Deutsche Journalisten-Verband wirbt im neuen Memorandum für Aus- und Fortbildung für ein „Gütesiegel"; den MedienCampus Bayern bezeichnet er als Vorbild für ganz Deutschland. Bei der Initiative Qualität im Journalismus hat der MedienCampus im Frühjahr sein Modell vorgestellt.

Dies zeigt: Selbstverständlich ist der Blick über Bayern hinaus beim Qualitätssiegel sinnvoll. Sehr gerne arbeiten wir mit Einrichtungen aus ganz Deutschland zusammen. In Hessen, das laut Christian Sauer ja angeblich nicht gerade darauf wartet, einen eigenen MedienCampus zu bekommen, ist dies die Hessische Film- und Medienakademie (hFMA).

Das Spektrum bei der hFMA ist nicht so breit wie das des MedienCampus, dem neben Akademien, Hochschulen und Universitäten auch Medienunternehmen und Verbände angehören. Aber eine vergleichbare Einrichtung gibt es in Hessen bereits, auch wenn sie Christian Sauer nicht zu kennen scheint. Hier, aber auch mit dem Deutschen Journalisten-Verband können wir uns sehr gut Kooperationen auch im Bereich der Qualitätssicherung vorstellen.

Wichtig ist, dass nicht der MedienCampus Bayern, also der Vorstand oder die Geschäftsstelle, die Prüfung vornimmt. Es geht um eine völlig unabhängige Prüfung. Deshalb gibt es (nach dem System der Akkreditierungsagenturen, wie zum Beispiel ACQUIN in Bayreuth) unabhängige Gutachter.

Zu diesen zählt unter anderem Prof. Dr. Michael Haller, emeritierter Journalistik-Professor der Universität Leipzig.

Die MedienCampus-Geschäftsstelle ist nur für die Verwaltung zuständig.

Wichtig ist auch, dass es sich um kein kommerzielles Unternehmen, sondern einen gemeinnützigen e. V. handelt. Denn damit schließt man aus, dass der Eindruck entstehen könnte, man kann sich ein Qualitätssiegel „kaufen". Entstandene Kosten (insbesondere Reisekosten) werden auf die zertifizierte Einrichtung umgelegt. Mehr nicht.

Wichtig ist außerdem, dass wir einen unabhängigen Beirat eingerichtet haben, der die Verfahren überwacht und ständig nachbessern kann, sollte es Probleme geben.

Unsere bisherigen Prüfungen haben gezeigt, dass dies sehr gut funktioniert.

Womit wir anfangs nicht gerechnet hatten: Neben der Vergabe des Qualitätssiegels spielt der Consulting-Aspekt eine zunehmend große Rolle.

Uns wird immer wieder berichtet, dass die Anmerkungen im Gutachten eine wertvolle Beratungsleistung darstellen. Beispielsweise hat uns die renommierte und mit dem Qualitätssiegel ausgezeichnete Akademie der Bayerischen Presse mehrfach bestätigt, dass sie die Verbesserungsvorschläge umgehend umgesetzt hat. Dies ist natürlich ein sehr schöner Nebenaspekt der Zertifizierung.

Markus Kaiser

Ihre Meinung interessiert uns. Was halten Sie von Zertifizierungen für Weiterbildungen im Mediensektor? Was macht ein gutes Seminar aus? Wie kann die Spreu vom Weizen getrennt werden? Schreiben Sie uns an redaktion@newsroom.de.

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