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Das Mädchen und der Pflaumenbaum

Familie im Park

Es war Frühsommer, es duftete nach Wiesenblüten und die ersten reifen Kirschen verlockten alle, die am Garten vorbeigingen, auf die kleine Steinmauer zu klettern und nach den verführerischen Früchten zu greifen. Dieses Jahr war es früh sehr warm geworden und die Sonne hatte die Kirschen besonders süß werden lassen. Die kleine Nascherei ließ die Wanderer mit verzückten Gesichtern weitergehen und erfüllte sie mit neuer Energie und Freude für diesen perfekten Tag.


Die Vögel, Mäuse und andere versammelten sich zahlreich auf seinen Ästen und unter seinen Wurzeln, dankbar für Nahrung und Schutz. Der alte Kirschbaum freute sich darüber, dass sein Werk so willkommen war, denn sein Herz wusste, dass ihm nicht mehr viele Jahre bleiben würden, seine Aufgabe zu erfüllen. Im Garten nahe der Scheune, ein alter Kuhstall der seinen Besitzern heute als Lagerschuppen diente, standen viele Obstbäume. Viele Generationen lebten bereits hier und man hatte es sich zur Tradition gemacht, zu jeder Hochzeit einen neuen Obstbaum zu pflanzen, der im gleichen Monat Früchte tragen sollte, wie sich auch die Hochzeit des Ehepaares jährte, das den Hof führt.


Vor wenigen Jahren wurde der Hof an die neue Generation weitergegeben und man hatte einen Pflaumenbaum gepflanzt, um die Hochzeit und die Übernahme des Hofes von nun an im September zu feiern, denn dann sollte auch der Pflaumenbaum die ersten reifen Früchte tragen. Er war von einer ganz besonders aromatischen Sorte und die Familie hoffte schon lange, endlich einen Pflaumenkuchen mit den eigenen Früchten backen zu können. Aber die Jahre zuvor sahen leider kalte Sommer, so dass der Pflaumenbaum zwar wuchs, aber noch keine Früchte getragen hatte.


Etwa ein Jahr nachdem der Baum gepflanzt worden war, wurde ein Mädchen geboren und seine fröhliche Natur sollte alle Bewohner des Hofes für lange Zeit glücklich machen. Wie alle anderen liebte es auch der Pflaumenbaum ihre Anwesenheit zu spüren, wie sie den Garten mit ihrem unschuldigen Kinderlachen erfüllte. Es machte ihn aber traurig, dass sie nie zu ihm kam, wenn die Zeit der Fruchtreife angebrochen war. Denn er gab noch nicht viel Schatten und auch seine Blüten wollten sich einfach nicht entwickeln. Selbst die Bienen schienen ihn zu meiden.


Das war jedenfalls seine Auffassung. Es wäre ja auch Zeitverschwendung ihm zu helfen, denn Früchte wollten sich ja sowieso nicht sehen lassen und wenn, dann waren sie klein und sauer und niemand wollte sie haben. Nicht einmal die Mäuse. Gerne wäre er wie der alte Kirschbaum, so groß und prachtvoll, voller schmackhafter Früchte und Lebendigkeit. Und er bemerkte, wie auch das kleine Mädchen gerne zu ihm ging und sich bediente.


Als es aber einmal tatsächlich zum Pflaumenbaum kam und von seinen Früchten aß, die gerade einmal so klein wie Kirschen und total sauer waren, da musste sie die Frucht auf der Stelle ausspucken. Das brach dem Pflaumenbaum das Herz. Von diesem Zeitpunkt an tat er sich noch schwerer seinen Früchten die Liebe und Kraft zu schenken, welche sie brauchten. Er wünschte sich immer mehr doch wie der Kirschbaum zu sein und Kirschen zu tragen, statt saurer Pflaumen, die niemand haben wollte.


Vielleicht dachte er, machte er irgendetwas falsch. Vielleicht sollte er aus seinen Pflaumen Kirschen machen, damit sie die gleiche Begeisterung auslösten, allen Freude brachten und er sich nicht mehr so alleine fühlen würde. Aber so sehr er sich bemühte Jahr um Jahr, seine Früchte wurden immer kleiner, fast schon kleiner als Kirschen. Und süß wollten sie auch nicht werden. Einsam fühlte er sich so mitten im Zentrum des Gartens, wo man ihn gepflanzt hatte. Weit weg von allen anderen Bäumen und den Tieren, welche lieber unter dem Schutz der Steinmauer und den größeren Bäumen ihren Tag verbrachten. Am Ende wünschte er sich nie als Pflaumenbaum geboren worden zu sein.


Der alte Kirschbaum betrachtete ihn seit einiger Zeit und versuchte ihn aufzumuntern. Es war schließlich ein besonders sonniges Jahr angebrochen und es tat ihm Leid, dass der Pflaumenbaum nicht einmal mehr die Sonne zu genießen schien. Er konnte ihm nicht helfen, aber oft wandte er sich ihm zu und erinnerte ihn an all die Schönheit um ihn herum und dass er lernen könnte sie zu genießen. Der Pflaumenbaum ließ sich etwas anstecken und begann zu akzeptieren, was er nicht ändern konnte. Er mochte den Kirschbaum und war nicht neidisch auf ihn, sondern konnte sich bald sogar für ihn freuen und irgendwie half ihm das ein bisschen nicht mehr so traurig zu sein.


Als der Hochsommer kam begann er die Sonne wieder zu genießen und die Insekten, welche seine Rinde kitzelten und Lebendigkeit unter seine dürren Zweige brachten. Sogar ein paar Pflaumen waren ihm wieder gewachsen, auch wenn er ihnen keine Beachtung schenkte. Er hatte sie vollkommen vergessen und ließ geschehen, was auch immer geschehen wollte. Der Altweibersommer näherte sich und seine kleinen Kirsch-förmigen Pflaumen hatten tatsächlich ein schönes Lila angenommen. Das Mädchen war bereits gewachsen und spielte oft alleine im Hof mit Hund und Katze, oder es beobachtete die Insekten, wie sie über das Gras kletterten und kleine Spuren auf der sandigen Erde hinterließen.


Ein dicker Käfer mit schillerndem Panzer grünlich leuchtend wie ein Edelstein gewann ihre Aufmerksamkeit und sie folgte ihm eine Weile auf seiner Wanderung über die Wiese. Als der Käfer die Mitte der Wiese erreicht hatte, fand er ein Loch unter den Wurzeln des Pflaumenbaums und versteckte sich vor den hungrigen Vögeln und dem Menschenkind, dass ihm doch zu neugierig erschien. So stand das kleine Mädchen mit einem Mal vor dem Pflaumenbaum, der ihm schon lange nicht mehr aufgefallen war. Er war schließlich auch keine beeindruckende Gestalt, als wollte er unsichtbar bleiben, damit ihn niemand bemerken würde. Lange Zeit glitt ihr Blick über die vielen Äste und die kleinen seltsamen lila Früchte.


Von ihren Eltern hatte sie gelernt, nichts zu essen, das sie nicht kannte. Aber ihre Neugierde war stärker und sie streckte die Hand nach der ersten Frucht die sie erreichen konnte. Im Mund angekommen verbreitete sie ihren säuerlichen, nur leicht süßen Geschmack und das Mädchen verzog den Mund. Sie stoß einen leisen Laut der Überraschung aus. Nun aber breiteten sich die tieferen Aromen aus und lockten ihre Neugierde auf eine zweite Frucht. Vielleicht schmeckte die ja besser und wäre etwas süßer. Sie griff nach einer zweiten und schüttelte sich erneut. Irgendwie schien es ihr Spaß zu machen, zu fühlen wie sich ihre Zunge auf Grund des ungewohnten Geschmacks zusammenzog.


Erneut betrachtete sie den Pflaumenbaum, diesmal mit mehr Ruhe und etwas Abstand. In den oberen Zweigen war eine Frucht gewachsen, die ganz anders aussah als die anderen. Sie war rund und oval und sah viel satter aus, als all die anderen. Sie griff nach der Frucht, schob sie sich mit einem mal in den Mund und es entfaltete sich eine überraschende Süße, voll und so gar nicht wie das, was sie jetzt erwartet hatte. Der Pflaumenbaum hatte alle Bewegungen und Gefühle des Mädchens auf seine Früchte beobachtet und voller Freude und eigener Überraschung sah er, wie sie die Pflaume aus den obersten Zweigen genoss. Da nahm er sich vor, genau diese Pflaume die so viel Begeisterung auszulösen vermochte, im kommenden Jahr erneut wachsen zu lassen.


Und als das Jahr vergangen war, da kam ein neuer Sommer mit viel Licht und Wärme, wie er schon lange nicht mehr vorgekommen war. Seit dem Frühjahr schon hatte die Bauernfamilie den Pflaumenbaum beobachtet und seine Früchte gezählt. Dieses Jahr sollte es also soweit sein, dass man endlich den September mit einem Pflaumenkuchen ausklingen lassen konnte. Die Früchte reiften gut heran und das Mädchen besuchte immer öfter den Baum, um die Pflaumen zu zählen und ihnen beim Reifen zuzuschauen. Hin und wieder stahl sie sich eine der Früchte, auch wenn sie wusste, dass sie für den Kuchen bestimmt waren. Als dann die Zeit gekommen war, erntete die Magd alle Pflaumen und weil es überraschend viele waren, lud man die Verwandtschaft zu einem kleinen Fest.


Vier volle Bleche Pflaumenkuchen und ein großer Topf Schlagsahne standen auf zwei Tischen neben dem Pflaumenbaum. Voller Freude beobachtete er sein Werk und sein Herz klopfte vor Freude, als er die geladenen Gäste beobachtete, wie sie den Kuchen voller Genuss verschlangen. Am Ende des Festes war kein einziges Stück Kuchen mehr übrig geblieben. Von diesem Tag an wurde der Jahrestag des Bauernpaares immer mit großen Blechen Pflaumenkuchen gefeiert. Der Pflaumenbaum war nun dankbar geworden ein Pflaumenbaum zu sein. Niemals wieder sollte er sich wünschen etwas anderes zu sein und wurde der prächtigste und stärkste Obstbaum auf seinem Platz mitten in der Hofwiese. Er überlebte viele Bäume und auch den alten Kirschbaum.


Das Mädchen wuchs heran und eines Tages sollte sie selbst heiraten. Und da ihr Ehemann wie es der Tradition entsprach einen neuen Baum pflanzen musste, wurde eine Stelle neben dem Pflaumenbaum ausgesucht und ein junger Kirschbaum leistete ihm von diesem Tag an Gesellschaft.

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