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Identität: Ein Versteckspiel

Als meine Mutter mit meiner Schwester und mir 1992 in den Bus stieg, dachte sie nicht an Flucht oder Vertreibung oder gar Krieg. Sie dachte an den Geburtstag unserer Großmutter. Kurz bevor wir uns auf den Weg von einer kleinen Stadt im ehemaligen Jugoslawien nach Kärnten zu unserem Gastarbeiter-Onkel machten, hatte ­Mutter für das Fest eingekauft. Oblaten, Kraut, ein Huhn, Eier, Zucker, Bier und Wein. Der Plan war, dass wir für kurze Zeit wegfahren, wie auf Urlaub, und pünktlich zu Großmutters Geburtstag wiederkommen. Nur kurz, nur zur Sicherheit. Mutter verließ ihre Wohnung, der Kühlschrank blieb voll. Dass sie diese Wohnung nie wieder betreten würde, daran dachte Mutter nicht.

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