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Promotion: "Ich bin Rapper und promoviere in Physik"

Elf Promovierende erzählen von Leidenschaft und Einsamkeit. Von Perfektionismus und Stolz. Und warum man als Doktorandin nie Feierabend hat.

"Mich hat die Frage nicht mehr losgelassen"

"Als ich meine Masterarbeit schrieb, kam ich kaum zum Ende. Ich habe über die Entwicklung des antimuslimischen Rassismus in Deutschland geschrieben. Ein Aspekt, den ich untersuchte, war die Rolle der Medien. Ich fand heraus, dass sie meist negativ über Muslime berichten, im Kontext von Frauenunterdrückung, Terrorismus oder Gewalt. Ich habe schon länger alle Nachrichten-Apps von meinem Smartphone gelöscht, weil mich viele Push-Mitteilungen verletzt haben. Viele Schlagzeilen erzeugen ein völlig falsches Bild meiner Religion. Mich hat die Frage nicht mehr losgelassen, wie sich die mediale Abwertung auf das Medienvertrauen von Muslimen auswirkt. Doch die hätte den Rahmen meiner Masterarbeit gesprengt. Darum schreibe ich jetzt meine Dissertation darüber. Ich möchte, dass das Thema einen Platz in der Wissenschaft bekommt. Ich plane, 50 türkischstämmige Muslime zu interviewen. Mich interessiert, welche Medien sie nutzen und was negative Berichte über Muslime in ihnen auslösen. Meine These ist, dass die einseitige Berichterstattung zu einer Entfremdung zwischen Muslimen und deutschen Medien führt. Mit meinen Ergebnissen möchte ich ein Bewusstsein für die Gefahren schaffen, die solche Schlagzeilen bergen. Und Redaktionen wachrütteln. Sie dürfen nicht nach dem Motto ›Hate sells‹ arbeiten."

Elif Köroğlu, 30, hat ihren Master in Politikwissenschaften gemacht. Seit September 2019 promoviert sie an der Freien Universität Berlin.

"Meine Eltern sagen mir oft, dass sie stolz auf mich sind"

"Im Master habe ich drei Semester lang überlegt, ob ich promovieren möchte: Einerseits hatte ich noch nicht so richtig Lust aufs Berufsleben, andererseits war ich unsicher, ob mir das Forschen über mehrere Jahre hinweg Spaß machen würde. Und ich fragte mich: Kann ich das? Würde ich den Erwartungen der Betreuer genügen?

Meine Eltern sind keine Akademiker, ich bin der Erste in meiner Familie, der studiert hat. Erst als ich auf dem Weg zum Vorstellungsgespräch bei meinem Doktorvater war, habe ich meinen Eltern bei meinen Plan geschrieben. Ich treffe solche Entscheidungen lieber alleine. Nach dem Gespräch habe ich mit meiner Mutter telefoniert. Sie hat sich sehr gefreut.

Zwei Jahre vorher hatte ich angefangen, als studentische Hilfskraft am Lehrstuhl zu arbeiten. So wollte ich herausfinden, ob Promovieren etwas für mich wäre. Ich lernte, wie der Hochschulbetrieb funktioniert. Mir gefiel, dass Doktoranden nicht nur an ihrer Dissertation arbeiten, sondern auch Hausarbeiten korrigieren und Seminare geben. Das Unterrichten war ein wichtiger Grund für meine Entscheidung.

Meine Eltern sagen mir oft, dass sie viel Respekt davor haben, was ich mache, und dass sie stolz auf mich sind. Mein Thema ist für Fachfremde abstrakt, aber vielleicht überschätzen meine Eltern das auch etwas. Wir sprechen kaum detailliert über meine Forschung. Trotzdem bin ich froh, aus einer Familie ohne akademischen Hintergrund zu kommen. Ich vermute, der Erwartungsdruck in Akademikerfamilien ist größer und die Eltern mischen sich mehr ein."

Moritz Tischer, 30, promoviert seit vier Jahren an der Uni Mannheim in BWL. Sein Thema: Kundenerfahrungsmanagement.

"Ich hätte nicht gedacht, dass ich in Oxford eine Chance habe"

"Meine Mutter ist Engländerin. Ich bin zwar zweisprachig aufgewachsen, aber Großbritannien kannte ich nur von wenigen Kurzurlauben. Das wollte ich mit meiner Promotion endlich ändern. Auf findaphd.com schaute ich nach Themenausschreibungen englischer Unis. Am Anfang habe ich die großen Namen wie Oxford und Cambridge übersprungen. Ich hatte zwar einen Master-Schnitt von 1,3, hätte aber nicht gedacht, dass ich dort eine Chance habe.

Dann habe ich eine Ausschreibung für ein superspannendes Thema entdeckt. Ich habe dem Professor eine E-Mail geschickt, Motivationsschreiben und Lebenslauf angehängt. Er hat mir geantwortet, dass er mir empfehlen würde, mich erst mal am Graduiertenkolleg von zu bewerben, um eine Finanzierung zu bekommen. Sein Eindruck: Ich würde gut passen. Also habe ich mich getraut. Erst reichte ich eine schriftliche Bewerbung mit Empfehlungsschreiben von drei Professoren ein, dann folgte ein 40-minütiges Skype-Gespräch mit Vortrag. Am nächsten Tag bekam ich meine Zusage und ein Vollstipendium.

Inzwischen bin ich gut angekommen, obwohl ich nach den ersten sechs Monaten wegen Corona wieder zurück nach Deutschland musste. Im Labor ist hier manches strenger geregelt, als ich das im Master an der FU Berlin erlebt habe. Das Massenspektrometer zum Beispiel, mit dem man die Masse von Teilchen analysiert, darf ich erst nach einer persönlichen Einweisung benutzen. Die gibt es aber während der Pandemie nicht. Und ich darf gerade auch nur alle zwei Wochen ins Labor. Aber es geht endlich voran!"

Clara von Randow, 29, promoviert an der Universität Oxford in anorganischer Chemie. Sie erforscht Eigenschaften von Platin- und Goldkomplexen.

"In Brasilien gelte ich als Ideologin, nicht als Wissenschaftlerin"

"Der brasilianische Präsident, Jair Bolsonaro, bezeichnet Geisteswissenschaftlerinnen wie mich als Ideologinnen. Seit er im Oktober 2018 gewählt wurde, werden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in sozialen Medien diffamiert. Ich wurde nicht bedroht, aber wollte in so einem Umfeld nicht forschen. Im Internet habe ich die Arbeit eines Professors der TU Darmstadt gefunden, der wie ich zu digitaler Linguistik arbeitet, und dann habe ich ihm eine E-Mail geschrieben. Heute ist er mein Betreuer. Ich erforsche, wie Medien über Rassismus im Fußball berichten.

Vor eineinhalb Jahren bin ich dann nach Darmstadt gezogen. Bei der Studienstiftung habe ich mich erfolgreich um ein Stipendium beworben. Schwer war es, eine Wohnung zu finden. Fünf Monate habe ich gesucht. Ich spreche noch nicht gut Deutsch, vielleicht lag es daran. Nun wohne ich mit zwei netten Mitbewohnerinnen in einer WG - zum Glück! Ich bin nicht angestellt, sondern forsche extern. Auch schon vor Corona habe ich zu Hause in meinem Zimmer gearbeitet.

Früher, in Campinas in Brasilien, habe ich es genossen, auf dem Campus mit Kolleginnen und Kollegen zu diskutieren und zu feiern. Jetzt fühle ich mich oft einsam. Zurück möchte ich trotzdem nicht. Ich komme gut voran und skype einmal im Monat mit meinem Betreuer. Sobald es geht, möchte ich Kurse an der Uni belegen. Welche? Egal! Hauptsache, ich lerne nette Leute kennen."

Izadora Silva Pimenta, 28, promoviert in Sprach- und Literaturwissenschaft an der Technischen Universität Darmstadt. Sie stammt aus Campinas in Brasilien.

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