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»Jesus Is King«: Kanye West und die Religion // Feature

Kanye West steht allein auf einer runden Bühne in der New Birth Missionary Baptist Church vor vollbesetzten Bänken einer aufmerksam-filmenden Gemeinde. Mit finsterer Miene verfolgt er die musikalische Darbietung seines Gospel-Chors, mal wippt er mit, mal zwinkert er dem Publikum zu, mal verlässt der die Bühne, mal ist er voll dabei und spielt Klavier oder singt. Seit nun bereits einem Jahr steht Ye jeden Sonntag mit dem Chor auf der Bühne und predigt von Liebe und Gott. Huldigungen für Donald Trump oder Streitigkeiten mit anderen Prominenten ("I made that b**** famous") scheinen weit zurück zu liegen. Stattdessen soll Kanyes christliches Projekt nun sogar in einem neuen Album münden. Die Ankündigung für dieses befindet sich auf dem 148 Millionen Follower starken Instagram-Acount seiner Frau Kim Kardashian zwischen einem Werbebild, auf dem sie sich für ihre KKW-BEAUTY-Kollektion räkelt und einem Urlaubs-Foto, das sie in Badeanzug mit durchgedrückter Wirbelsäule am Strand zeigt.


Es ist der Gegensatz eines handschriftlichen Dokuments auf der multimedialen Oberfläche dieses monströsen Social-Media-Profils, die Unvereinbarkeit aus Religion und aufreizend beworbener Bademode und auch der gefühlte Kontrast zwischen dem so oft kontrovers diskutierten Kanye West und Jesus Christus, der für eine schwer greifbare Faszination sorgt. Dabei zeigte sich im Leben und der Kunst von Yeezus seit jeher eine starke Auseinandersetzung mit dem Thema Religion - Zeit für einen Blick in die Vergangenheit.


»Jesus Walks«  - Gospelchöre und Kopfkrieg  

Ein Grammy in der Kategorie bester Rap-Song, Goldstatus und vier Videoauskopplungen. Der Track "Jesus Walks" öffnete die Türen zur Kirche des Erfolgs und führte den Jungen aus Chicago mit seinem Debutalbum " College Dropout " an den Rap-Altar, von dem aus er noch heute zu uns predigt. Der von Mr. West selbstproduzierte Track vereinte Pop- und Rap-Elemente mit der bereits im Titel proklamierten religiösen Färbung des Songs. Das Gospel-Sample von Curtis Lundy ("Walk With Me") ließ Kanye dabei vom ARC-Chor (Addicts Rehabilitation Center Choir) einsingen, eine Entscheidung mit der West die christliche Message des Songs unterstrich: "hustlers, killers, murderers, drug dealers, even the scrippers (Jesus walks for them)". Auch die Dropout-Single "Two Words" zeigte durch den Gesang des "Harlem Boy Choir" eben dieses gospellastige Soundbild.

Doch wer Kanye kennt, der weiß, wie schnell er seine selbstgebauten Paläste (bzw. Kirchen) niederbrennt. In der zweiten Version des Musikvideos zu "Jesus Walks" ließ Ye ein Kreuz von einem Mann mit Ku-Klux-Klan-Kaputze aufstellen, später brennt es. Gefragt nach eben dieser ambivalenten Inszenierung christlicher Motive, entgegnete Kanye damals: "I don't wanna fuckin' be Christ-like. I want to be me-like".

Kanye ging es nie um die christliche Religion, sondern um die Auseinandersetzung mit sich selbst, was diese unvergessene Line aus dem Song "Jesus Walks" unterstreicht: "We at war/ We at war with terrorism, racism/ But most of all we at war with ourselves". Der Kampf mit sich selbst brachte Kanye bereits in seinen Anfängen musikalisch zu der Auseinandersetzung mit der eigenen Spiritualität, wofür er Gospel-Einflüsse und Glaubenssymbole seiner Jugend nutzte (und anzündete). Oder wie Kanye es ausdrückte: "I made Jesus Walks, I'm never going to hell".


»No Church In Wild« - die Ablehnung religiöser Dogmatismen 

Watch The Throne " war als Album die Symbiose der Auflehnung gegen etablierte Mächte und zugleich die Proklamierung des eigenen Machtanspruchs. Bereits Frank Oceans einleitender, melodramatischer Autotune-Gesang schlug in diese Kerbe: "What's a god to a non-believer, who don't believe in anything?/ Will he make it out alive? Alright, alright, no church in the wild". Was klingt wie eine Ablehnung des eigenen Glaubens, ist auch eine.

"We formed a new religion"

Noch im Jahr vor den Aufnahmen zu "Watch the Throne" behauptet Kanye, der Sohn protestantischer Eltern, in einem Interview mit dem Bossip Magazin: "You're not given a decision of what religion you want. Your parents just give it to you. I would never go into a religion - I feel like religion is more about separation and judgment than bringing people together and understanding. That's all I'm about". " No Church In The Wild " griff diese Ablehnung der aufgezwungenen, dogmatischen religiösen Prägung auf, während Kanye in seinem Part unterstrich: "We formed a new religion/No sins as long as there's permission".


»I AM A GOD« UND DER PROTEST DURCH SELBSTERHÖHUNG

»I just talked to Jesus/ He said ‘what up, Yeezus’«. Kanye Wests stärkster Glauben war seit jeher der in seine eigene Genialität. In seinem rohen und aggressiven Album »Yeezus« schlug sich diese Selbsterhöhung am deutlichsten nieder. Als direkter Nachfolger von Jesus präsentierte sich Ye nun als Yeezus, ließ sich mit Dornenkranz auf dem Cover des Rolling Stone Magazins ablichten, einen Jesus-Double auf Konzerten auftreten und proklamierte mit »I Am A God« seinen Status als Schöpfer und Influencer der modernen Rap-Musik.

»I AM A GOD«

In einem Interview mit BBC Radio 1 erklärte West, dass er die Inszenierung seiner selbst als Gott nicht nur zur Unterstreichung des eigenen Erfolgs wählte, sondern zugleich als Statement des gewonnen Selbstbewusstseins der Black-Community sah: »Would it have been better if I had a song that said I was a gangsta? Or if I had a song that said I was a pimp? All those colors and patinas fit better on a person like me, right? But to say you are a god, especially when you got shipped over to the country you’re in, and your last name is a slave owner’s, how could you say that?«. Die religiöse Selbsterhöhung Kanyes zeigte sich auch in der »Cruel Summer«-Single »New God Flow«, auf der sich der G.O.O.D head mit seinem Label-Kollegen Pusha-T zeigte.

Die Folgen der gott-gleichen Inszenierung Kanyes führen 2014 zur anonymen Gründung einer Glaubensgemeinschaft namens »Yeezianity«, der sich im Internet zahlreiche Fans anschließen. Der darin vertretene Glauben stützt sich auf die folgenden fünf Säulen:

1. All things created must be for the good of all
2. No human being’s right to express themselves must ever be repressed
3. Money is unnecessary except as a means of exchange
4. Man possesses the power to create everything he wants and needs
5. All human suffering exists to stimulate the creative powers of Man



»ULTRALIGHT BEAM« – RUHM UND ERLEUCHTUNG

Mit »Life Of Pablo« brachte Kanye 2016 sein Album mit dem wohl stärksten religiösen Ausschlag. Ye selbst betitelte das Album als ein Gospel Album und zeigte mit der Planung zum Bau einer eigenen Kirche, wie auch mit der Taufe seiner Tochter Sainth West in Jerusalem, eine Hinwendung zur christlichen Religion. Die ersten Worte Kanyes auf seinem siebten Studioalbum unterstreichen dies, mit dem ihnen inneliegenden religiösen Pathos: »I’m tryna keep my faith / We’re on a ultralight beam/ This is a god dream / This is everything«. Auf dem von Rick Rubin und Chance The Rapper produzierten Song sind die drei markantesten Charakteristika der Inszenierung von Religion in Kanyes Kunst zu erkennen: Da wäre als erstes die bereits bei »Jesus Walks« und »I Am A God« festgestellte Verknüpfung des Themas Religion mit der eigenen Person, in diesem Fall die im Song erzählte Verknüpfung von Kanyes Alter-Ego Pablo mit der Geschichte des Apostel Paulus.

»I’M TRYNA KEEP MY FAITH.«

Zum anderen zeigt sich die Verwendung des Licht-Motivs. Dieses war für Ye schon immer Ausdruck für Prominenz und Ruhm (»All Of The Lights«, »Flashing Lights«, »Highlights«, »Low Lights« und »Streetlights«) und zugleich Motiv seiner Spiritualität (»Ultralight Beam«), in Form des auf ihn fallenden göttlichen Lichts. Das dritte Charakteristika ist das wohl am wenigsten streitbare: der schon immer dagewesene Einfluss von Gospel-Musik auf Kanyes Schaffen, der in »Ultralight Beam« durch den Gesang des Pastors, Gospel-Grammy-Gewinners und Freund Kanyes Kirk Franklin verkörpert wird.



SUNDAY SERVICE  – KANYE BRINGT DIE KIRCHE INS 21. JAHRHUNDERT

Es ist Sonntagmorgen, die Blumen-Ketten der Vortage sind weggefegt und die yeezy-tragenden Hippie-Kids Kaliforniens kehren nach einer kurzen Nacht mit ihren zerschnittenen Jeans und Bandanas bereits zu früher Stunde zurück auf das Gelände des Coachella Festivals, um der angekündigten Sunday Service Session beizuwohnen. Auf einem extra für diesen Anlass aufgeschütteten und mit Roll-Rasen überdeckten Hügel am Rand des Festivalgeländes spielt Kanye West, begleitet von seinem Chor, eine Auswahl seiner bekanntesten Tracks als Gospel-Version. Die Menge hört gebannt zu, während sich die Familie West/Kardashian/Jenner (inklusive Travis Scott) in den Zuschauerreihen in minimalistisch gehaltenen, lila-ausgeblichenen Outfits präsentiert. Die Farbe Lila steht im Christentum als Zeichen für Buße im Übergangszustand wie z.B. der Fastenzeit. Genau diese Outfits füllen in den nächsten Wochen den Insta-Feed all derer, die der Influencer-Szene Kaliforniens folgen. Ein einstündiger Gottesdienst mutiert im Internet zum Highlight des High-Society-Events Coachella. Kanye hat es geschafft, eine Sonntagsmesse für eine junge, im Internet lebende Generation zugänglich zu machen. Er hat gezeigt, wie Kirche im 21. Jahrhundert für eine breite Masse junger Zuschauer funktionieren kann. Als Kanye seinen bis dahin unbekannten Gospelsong »Water« performt, wird vielen klar, dass das seit zwei Jahren angekündigte Album »Yandhi« wohl vorerst nicht erscheinen wird. Stattdessen stehen die Zeichen auf ein Sunday-Service-Album. Doch wozu das ganze?

»KANYE STARTED SUNDAY SERVICE FOR HEALING FOR HIMSELF«

Die Antwort finden wir erneut auf der Instagram-Seite seiner Frau. Unter einem Bild von Kanye, der beide Arme zum Himmel streckt, wird erklärt: »Kanye started Sunday Service for healing for himself and his close friends and family. He had this vision of starting a church for few years and it was magical seeing everyone else get to experience it. I’m so proud of you babe for doing exactly whats in your heart. The choir and band work so hard and have so much fun! It’s so inspiring to watch.«



»JESUS IS KING« – DIE WIEDERGEBURT

Zurück in der New Birth Baptiste Church. Der Gospel-Chor ist verstummt, Kanye steht allein auf der Bühne und setzt an zur Predigt. Sein Kopf ist leicht gesenkt, seine Augen geschlossen, zwischen seinen Sätzen entstehen große Pausen, er spricht langsam und andächtig: »Thank you for saving me, for replenishing me, for delivering me. When I found out about you (Jesus Christ), when I got closer to you, I got closer to my chilrdren, got closer to my family«. Was seine Frau noch als Selbstheilung bezeichnete, wirkt an dieser Stelle wie eine Wiedergeburt. Eine Wiedergeburt, die in gewisser Hinsicht nötig war. Noch vor einem Jahr stand Ye mit seinem Bekenntnis zu Präsident Trump und seiner Kritik am politischen Urteilsvermögen der Black-Community im Kugelhagel eines schier endlosen Shitstorms, der erst im Zuge seines Wyoming-Release-Marathons abriss. Das daraus hervorgegangene Album »Ye« malte ein düsteres Bild, dessen thematische Grundierung psychische Krankheiten und Mordphantasien offenbarte. Die Konsequenz dieser schweren Zeit: Kanye zog sich zurück und begann aus der Stille heraus, ein Jahr lang Sonntagsmessen zu halten. Eine typische Reaktion Kanye Wests auf zu stark gewordene öffentliche Kritik, die er bereits im Jahr 2009 zeigte. Vor 10 Jahren flüchtete Kanye in Folge zu laut gewordener öffentlicher Kritik an seiner Person ins italienische Exil. Damals kam er zurück mit seinem wohl rundesten und beliebtesten Album »My Dark Twisted Fantasy«.


Statt dem Cinderella-Märchen (»My Dark Twisted FantasY«) kehrt Ye dieses mal zurück mit einer religiösen Vision. Nicht nur weil er durch seinen Mitstreiter Chance The Rapper 2018 angeblich den Weg zurück zu Jesus fand, sondern vor allem, weil der Hang zum christlichen Glauben und zur damit zusammenhängenden Gospel-Musik schon immer in seinem Werk präsent war. Mit »Jesus is King« nutzt Kanye wie schon bei »Jesus Walks«, »Yeezus« oder »Life Of Pablo« die christliche Religion als künstlerisches Experimentierfeld und zugleich als Instrument der Auseinandersetzung mit sich selbst. Vor allem aber, war eine Heilung/Wiedergeburt, seiner im letzten Jahr in der Öffentlichkeit in Mitleidenschaft gezogenen Person, nötig. Am Ende geht es also nicht nur um die Frage wie sich Religion und Gospel-Musik im Jahr 2019 künstlerisch verarbeiten und inszenieren lässt, sondern vor allem um eine Person: Kanye West.


Text: Lukas Hildebrand


Erstellt am 17.01.2021 
Bearbeitet am 17.01.2021
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