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Ich nehme sie ja gleich

Die Pille danach kommt in einer übergoßen Packung für die kleine Tablette daher. Seit Jahren gibt es heftige Kontroversen um die Rezeptpflicht des kleinen runden Dings, das bei Verhütungskatastrophen zum Einsatz kommt. Obwohl sie nach nichts schmeckt, gab es Befürchtungen, gebärfähige Menschen könnten sie #wiesmarties in sich hineinstopfen.

Eigentlich verhüte ich nie. Ich mag die Existenzpanik und Überforderung, potenziell schwanger zu sein. & die süße #Pilledanach #wiesmarties

- Mina (@lasersushi) 15. Mai 2013

In allen europäischen Ländern außer Italien und Polen kann man die Pille danach schon lange ohne Rezept in Apotheken kaufen. Im Januar 2014 entließ die Europäische Kommission das Präparat ellaOne aus der Rezeptpflicht. Gezwungenermaßen hob die Bundesregierung die Verschreibungspflicht für die Pille danach mit dem schon länger getesteten Wirkstoff Levon­orgestrel ebenfalls auf, nicht ohne vorher noch ein paar antifeministische Tänze im Kreis aufzuführen. Seit März 2015 gibt es das Medikament für etwa 35 Euro in fast allen Apotheken, die Beratung durch den Apotheker gibt es umsonst, die geifernde Schlange an der Kasse gratis dazu. Twitter feierte diese Errungenschaft mit einer Party.

Nicht vergessen: Heute in der Apotheke Nachfüll-Familienpakung für den M&M-Spender kaufen. Das Muss für jede gute Party. #wiesmarties

- Alexander Nabert (@Nabertronic) 16. März 2015

Wir haben drei Menschen um einen Erfahrungsbericht gebeten, die sich dazu entschieden haben, die Pille danach zu nehmen; damit wir uns ein bisschen besser vorstellen können, wie der Smarties-Einkauf so abläuft.



Der Tag, an dem ich zum ersten Mal beschließe, die Pille danach zu nehmen, ist ein Montag. Es ist halb sieben am Abend. Wo bekomme ich um diese Uhrzeit in Hamburg noch ein Rezept? Ich suche im Internet, finde aber nur Berichte von Frauen, die vergeblich versucht haben, eins zu kriegen. Der ärztliche Notdienst kann mir auch keine Adresse nennen.

Schließlich wähle ich die Nummer vom Klinikum Altona. „Warum warten Sie nicht einfach bis morgen?", fragt die Krankenpflegerin am anderen Ende der Leitung. „Bis dahin habe ich keine Zeit mehr." „Wann war denn der ungeschützte Sex?" Es war kein ungeschützter Sex, sondern ein abgerutschtes Kondom. Ich spare mir den Kommentar und sage: „In der Nacht von Samstag auf Sonntag." „Warum melden Sie sich dann erst jetzt?" „Das ist kompliziert. Aber es ändert nichts daran, dass ich heute Abend ein Rezept brauche." Die Pflegerin zögert. Schließlich sagt sie: „Sie können ja mal vorbeikommen, aber ob Sie eins kriegen, weiß ich nicht."

Auf der gynäkologischen Station irre ich durch grüne Flure. Hinter einer der Türen schreit eine Frau. Die Pflegerinnen zwingen mich, einen Schwangerschaftstest zu machen und dafür zehn Euro extra zu bezahlen. Ich warte über eine Stunde, bis der Stationsarzt Zeit für mich hat.

„Zunächst mal möchte ich wissen, warum Sie meiner Kollegin am Telefon so eine patzige Antwort gegeben haben", sagt er. „Die Frage, warum Sie jetzt erst kommen, war doch sehr berechtigt." Ich hole tief Luft und antworte so höflich ich kann: „Ich sehe nicht, was das mit der Situation zu tun hat." „Wissen Sie, ich muss Ihnen dieses Rezept nicht ausstellen. Eigentlich ist das nicht meine Zuständigkeit." Er wartet. Ich balle meine Faust in der Tasche und schweige. „Ich mache es trotzdem", sagt er schließlich. Er nimmt einen Block, schreibt ein Medikament auf und stempelt. Er informiert mich über nichts, fragt keine Kontraindikationen ab. Immerhin ist er so gnädig, mir die Adresse der nächsten Notfallapotheke zu verraten. Sie hat nur noch bis 22.00 Uhr auf und ist mit dem Fahrrad eine halbe Stunde entfernt. Ich rase, um rechtzeitig anzukommen.

Seit diesem Abend habe ich noch zwei Mal die Pille danach genommen. Beide Male war es umständlich und demütigend. Dann habe ich mir in Belgien zwei Packungen auf Vorrat gekauft. Egal, was im deutschen Gesetz steht: Ich werde diese Prozedur kein weiteres Mal über mich ergehen lassen.


Mir passiert das nie. Die Pille danach ist etwas für Frauen die nach einer durchzechten Partynacht in irgendeinem wildfremden Bett landen und sich dann ohne einen Gedanken an Sicherheit zu verschwenden ins Abenteuer stürzen.

So kopflos bin ich nicht - mir passiert das nie. Tatsächlich hatte ich eine abweisende Haltung zur „Pille danach". Hatte Frauen innerlich belächelt, die auf sie angewiesen waren. Bis ich selbst einmal heilfroh darüber war, dass es sie gibt.

An diesem Samstag war ich mit Freunden unterwegs, wir lachten, tranken, hatten einen guten Abend. Um neun Uhr klingelte mein Handywecker. Ich bin schon seit über fünf Jahren mit meinem Freund zusammen. Uns beiden ist Sicherheit sehr wichtig. Jeden Abend um Punkt neun Uhr klingelt mein „Pillen-Wecker". An diesem Tag drückte ich ihn weg: Ich nehme sie ja gleich. Am Sonntag nach einem ausgedehnten Frühstück dann das Schäferstündchen. Wie immer ohne zusätzliche Verhütung.

Montagmorgen dann im Zug zur Arbeit. Der Gedanke kam wie ein Blitz: Ich hatte die Pille vergessen! Sofort überschlugen sich meine Gedanken: Bin ich schwanger? Will ich überhaupt Kinder? Käme eine Abtreibung in Frage? Wie würde ich die Wohnsituation lösen? Die Ausbildung: abbrechen? Bewegt sich da etwa schon was?

Schnurstracks ging ich in die Apotheke. Mein Selbstvertrauen bei der Eingangstüre liegen gelassen, druckste ich mich mit undeutlichen Worten vor der Apothekerin herum. Zum Glück waren nicht viele Leute im Laden. Sie wollte alles haargenau wissen. Welche Pille ich nehme, in welcher Woche ich mich befinde, den genauen Sex-Zeitpunkt, wie lange ich schon mit der Pille verhüte und so weiter. Kurz und knapp gab ich Antwort. Dann bat sie mich, mitzukommen.

Das helle Licht in dem kleinen Raum entsprach meiner Stimmung: nervös und angestrengt. Wie hatte mir das nur passieren können? Was muss ich jetzt machen? Kann ich danach überhaupt noch zur Arbeit?

Die Apothekerin kam mit einer verpackten Pille und einem Formular zurück. Da ich die Pille schon fast seit zehn Jahren nehme, sei es sehr unwahrscheinlich, dass ich bei einmaligem Vergessen gleich schwanger werde, erklärte sie mir. Aber zur Sicherheit solle ich sie trotzdem nehmen, denn der Anfang der zweiten Pillenwoche sei ein heikles Datum. Sorgfältig klärte sie mich über mögliche Nebenwirkungen auf und gab mir dabei das Gefühl, die „Pille danach" sei etwas ganz Normales und dass fast jede Frau sie schon einmal genommen hätte.

Ich legte die Pille in den Mund und spülte sie rasch mit einem grossen Schluck Wasser runter. Sofort überrollte mich die Erleichterung. Zum Glück hatte ich's im Zug gemerkt! Ich verließ die Apotheke und zückte draußen mein Handy. Ich wollte meinem Freund von dem Missgeschick berichten. Er reagierte zuerst schockiert, lobte mich aber für mein schnelles Handeln. Während der Arbeit verschwendete ich keinen Gedanken mehr daran. Die möglichen Nebenwirkungen blieben glücklicherweise alle aus.

Seitdem sind viele Freundinnen auf mich zugekommen und haben mich gefragt, ob ich schon Erfahrungen mit der „Pille danach" gemacht hätte. Jeder, die mich fragt, gebe ich gerne Auskunft. Von mir aus erzähle ich die Geschichte aber nicht. Seit diesem Tag schreibt mir mein Freund zusätzlich zum „Pillen-Wecker" jeden Abend um neun Uhr eine SMS. Erst nach der Einnahme schick ich ein „ok" zurück.


Ich kenne die kleine, weiße letzte Rettung vorm angstvollen Warten auf das nächste Ziehen im Unterleib leider ziemlich genau. Gut, dass es sie gibt, denn Unfälle passieren. Schlecht, dass es einem so schwer gemacht wird, sie zu gebrauchen. Außer in der Parallelwelt. Da war es ziemlich einfach. Fusion 2012: Mein bisher letztes Mal Pille danach.

Der Morgen nach einer langen Nacht. Ich stehe wankend vor Freude, Müdigkeit und Alkohol mit meinem Fusion-Gelände-Plan in den Händen und einem Fragezeichen im Gesicht an einer Kreuzung. Da kommt ein charmanter Herr mit Ahnung, aber ohne Fusion-Gelände-Plan, ums Eck. Also tauschen wir unsere Informationen aus. Und bald darauf unsere Körperflüssigkeiten. Das macht Spaß, deshalb beschließen wir, von der Party in seinen Bus umzuziehen. Der hat schon Einiges mitgemacht. Und sieht mich an diesem Abend in Tränen ausbrechen, als das Kondom platzt. Tränen vor allem deshalb, weil das letzte geplatzte Kondom noch gar nicht so lange her ist.

Mir ist schon klar, was zu tun ist. Aber: Wir sind hier auf einem Festival. Gibts die Pille danach hier überhaupt irgendwo? Außerdem bin ich immer noch betrunken, fühle mich nicht in der Lage, zu kommunizieren. Ich vermute schon, meine neue Bekanntschaft sei eingepennt. Doch jetzt sagt sie: „Komm, am besten wir erledigen das gleich. Wir gehen zusammen und ich bezahl die Hälfte." Eigentlich selbstverständlich, aber leider meiner Erfahrung nach doch etwas Besonderes. Er weiß sogar den Weg zum Ärztezelt und alles läuft dann ganz unkompliziert ab - die Helfer dort interessiert es nicht, in welchem Zustand wir sind. Wir sind wohl noch relativ harmlos.

Weil Hormonbombe und Festival sich erstaunlich gut vertragen, ist die Sache schnell vergessen. Trotzdem bleibt die Erinnerung an diese erste Sache, die wir gemeinsam durchgestanden haben. Und obwohl es nach dem Ende eines Kitschfilms klingt: Wir sind immer noch zusammen.

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