1 Abo und 3 Abonnenten
Artikel

Ein Spiegel der Gesellschaft

Export

Und wie sieht die weibliche Arbeitswelt auf Ihrer Facebook-Timeline aus? Foto: Science Photo Library/ AKG

Technik: Von der Vision, Geschlechtergrenzen im Digitalen zu überwinden, ist heute nicht mehr viel übrig


Die ersten „Computer" waren Frauen. Anfang der 1940er Jahre stand der Begriff nämlich noch nicht für den PC, sondern für die Mathematikerinnen, die den allerersten rein elektronischen Rechner der Welt, den ENIAC (Electronic Numerical Integrator and Calculator), in den USA bedienten. Die Rechenfunktionen mussten damals noch per Kabelverbindungen gesteckt werden. Aber trotz dieser Vorreiterinnen blieb gesellschaftlich weiter die Vorstellung fest verankert, Frauen könnten mit Technik nicht umgehen.

Mit dem Aufkommen des Internets entstand dann die Utopie einer genderstereotypfreien Welt - der Verschmelzung von Mensch und Online-Profil zum geschlechtslosen Wesen, das Donna Haraway 1983 in ihrem Essay A Cyborg Manifesto entwarf.

Die Realität hat sich auch hier anders entwickelt. Seit Programmieren als kreative und intellektuell herausfordernde Tätigkeit anerkannt ist, wird es nicht nur meist gut bezahlt, sondern auch von Männern dominiert. Und von geschlechterklischeefreier Anonymität im Netz kann im Zeitalter von Facebook, Instagram und Dating-Apps keine Rede sein. Die Technik des 21. Jahrhunderts definieren vor allem soziale Medien und Netzwerke - und diese scheinen eher dazu zu neigen, Geschlechterstereotype zu reproduzieren, statt sie aufzubrechen.

Rollenklischees auf Instagram

Heute mag es nicht mehr so unüblich sein, dass Mann den Abwasch macht und Frau das Auto repariert, doch bei einem Blick in die eigene Timeline müssen wohl die meisten zugeben, dass Männer eher Fotos vom letzten Fußballspiel und Frauen von der Strandparty posten. Die Verschmelzung mit dem Internet ist ein gutes Stück vorangekommen, inzwischen sind wir fast alle auch Online-Cyborgs, aber von Überwindung der Vorurteile keine Spur. Vielmehr verstärkten die sozialen Medien oftmals klassisch-binäre Geschlechterbilder, sagt die Soziologin Tanja Carstensen, Gender-Forscherin an der Ludwig-Maximilians-Universität München: „Natürlich machen wir uns bei Facebook alle schöner und toller, als wir sind, aber trotzdem steckt da die Idee dahinter, dass das ich bin. In Apps und Facebook entwickeln sich aber total viele Stereotype, die sich sogar stärker in Geschlechterbildern bewegen, als das in der Realität der Fall ist."

So haben Untersuchungen zu Instagram-Selfies gezeigt, dass die Selbstdarstellungen der User häufig stereotyper sind als die Bilder in der Werbung, die ja sonst immer als besonders sexistisch gegeißelt werden - aber das Bikini- oder Bier-Foto wird freiwillig hochgeladen. Dem Bild zu entsprechen, das Gesellschaft und Internet vom eigenen Geschlecht haben, scheint für viele elementarer Bestandteil der Identität zu sein.

Dazu gehören auch Desinteresse und Selbstunterschätzung gegenüber Mathematik, Informatik und Technikberufen, die dem weiblichen Geschlecht häufig anerzogen sind. Wenn Frauen versuchen müssen, sich im männlich dominierten MINT-Bereich durchzusetzen, ist vielen der Preis, einen Teil der Geschlechtsidentität aufzugeben, zu hoch. Initiativen, die Frauen für Mathe oder Naturwissenschaften begeistern sollen, gebe es genug, meint Lena Ulbricht vom Wissenschaftszentrum für Sozialforschung in Berlin. Ändern müsse sich aber das berufliche Klima in der Wissenschaft und in vielen Unternehmen. Auch dort müssten flexible Arbeitszeiten und Teilzeitarbeit möglich sein. Um mit Worten der Techniksoziologin und Feministin Judy Wajcman zu sprechen: Das Wesen der Technik muss sich ändern, bevor Gleichberechtigungsstrategien greifen können.

Aufgrund der Beobachtung, dass technische „Errungenschaften" häufig der Ausbeutung der Natur und anderer Kulturen, Kriegen und Beherrschung dienten, grenzten sich in den 1970er Jahren viele Feministinnen bewusst von Technik ab. Sie empfanden sich als der „Natur" näher stehend, oder zumindest dem gedanklichen Konstrukt, dass sie von dieser hatten. Sie beriefen sich auf „weibliche" Eigenschaften wie Mutterschaft, Fürsorge und Pazifismus und überließen die Technikentwicklung männlichen Wissenschaftlern.

„Technik ist gewissermaßen ein Spiegel der gesellschaftlichen Verhältnisse", sagt Tanja Carstensen. „Technik ist nicht neutral, sie entwickelt sich nicht nur aufgrund von naturwissenschaftlichen Fakten oder weil etwas technisch möglich ist. Die Menschen, die Technik gestalten, leben im Kapitalismus, im Patriarchat und haben dementsprechende Vorstellungen, wie die Gesellschaft funktionieren sollte. Die fließen natürlich bewusst oder unbewusst in die Technik mit ein."

Sexismus und Feminismus

In der digitalen Welt sind in unzähligen Foren „digitale Stammtische" entstanden, die eine andere Dynamik als Offline-Stammtische haben: Sie geben die Möglichkeit, Meinungen auszutauschen, ohne das Gegenüber ansehen zu müssen. Und Standpunkte zu vertreten, die man sonst nicht so vor anderen aussprechen würde. „So bilden sich Nischen, die es analog nicht gibt", sagt Lena Ulbricht. Nur fördert das nicht zwangsläufig das Überwinden von Geschlechterstereotypen, denn die Online-Gruppendynamik hat eine dunkle Seite. „Wenn Menschen ihre eigene Identität auf das Internet übertragen, können auch Hate Speech und Cybermobbing gegen andere eine Form gesellschaftlicher Anerkennung sein", sagt Ulbricht.

Online haben sowohl Sexismus als auch Feminismus ihre Foren gefunden: #aufschrei ist ein gutes Beispiel dafür, wie Feministinnen sich Social Media zunutze gemacht haben und dass das Internet auch emanzipatorische Bestrebungen widerspiegeln kann. Andererseits organisieren sich auch die Maskulisten online - und unter anderem in der Gamer-Szene hält sich ein hartnäckiger Sexismus, bei dem frauenverachtende Inhalte auch als Teil der Unterhaltungskultur verstanden werden.

Öffentlich seien deutlich mehr Männer im Internet aktiv, sagt Leonie Maria Tanczer vom Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft (HIIG). Männer würden häufiger auf öffentlichen Boards oder in Foren posten, Frauen tendenzieller eher private Kommunikation bevorzugen. Das sichert Männern weiter eine Dominanz im Umgang mit digitaler Technik und der öffentlichen Meinungsbildung im Netz. Technik spiegelt diese Machtverhältnisse wider.

Lena Ulbricht ist überzeugt, um etwas an der Dominanz von Männern im technischen Bereich zu ändern, braucht es zwingend Veränderungen in der Arbeitskultur. „Unternehmen werden klassischerweise von Männern geleitet, die Vollzeit oder mehr als Vollzeit arbeiten - die Alternative wäre, dass zwei Leute sich diesen Job teilen. Die sammeln dann beide Führungserfahrung, bekommen ein besseres Gehalt und die Chance, sich im Unternehmen zu bewähren, ohne aber so einen hohen Stundeneinsatz erbringen zu müssen." Vielleicht würden dann mehr Frauen, sogar mehr Frauen mit Kindern, der Technik ihren Stempel aufdrücken.

Dass sie das können und die Kongruenz zwischen Mann und Maschine nicht unveränderlich ist, zeigt nicht nur das Beispiel der sechs als „ENIAC-Mädchen" bekannt gewordenen Programmiererinnen der ersten Stunde. Auch die Tatsache, dass Feministinnen das Netz für Plattformen wie Mädchenmannschaft und pinkstinks oder Hashtags wie #aufschrei oder #ausnahmslos nutzen. Und dass Wissenschaftlerinnen wie Lena Ulbricht sich dafür einsetzen, dass Technik erstens mehr kontrolliert wird, und das Netz zweitens bestimmte Informationen - etwa, um welches Geschlecht es sich bei den Nutzern handelt - nicht mehr aufnimmt. Ulbricht ist überzeugt: „Allein die Tatsache, dass ich und andere Frauen sich heute dafür interessieren und einsetzen, führt ja schon zu einem Diskurs, der bewirken kann, dass Technik sich ändert."

Zum Original