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"Wir machen Battlerap mit Haltung" // Die Argonautiks im Interview (Teil 1)

New York. Houston. Berlin Die Argonautiks machen keine Pausen. Knapp 13 Monate nach dem Szeneliebling "Gaffa" releasen Timm und Paul mit "Trauben über Gold" ihr drittes Album in drei Jahren. Für dessen Entstehung haben die Teltow-Natives wieder den Keller im Elternhaus eines Freundes unsicher gemacht und dort aufgenommen, wo ihre musikalische Reise vor über acht Jahren einst Fahrt aufnahm. "TÜG" ist dabei ganz bewusst ein reines Battlerap-Album geworden. Das heißt in Argonautiks-Slang: Es wird gepöbelt, aber mit Herz, Verstand und Weitblick. "Battlerap mit Haltung", wird Paul den eigenen Style in diesem Gespräch treffend beschreiben. Und der klingt 2020 dank upgesteptem Produktions-Game noch frischer als zuvor.

Anfang Januar schauten die Argonautiks in der JUICE-Redaktion vorbei. Es entstand ein langes Gespräch über ihre musikalische Entwicklung, wie sie als Jungs aus dem Osten die letzten Jahre wahrnahmen und ob Rap es wert sei, den "richtigen" Beruf aufzugeben. Nebenbei driften wir tief und unaufhaltsam in wilde Geschichten von ausgearteten Homepartys, Bare-Knuckle-Fights am S-Bahnhof Teltow und frühe und umso mehr erzählenswerte HipHop-Anekdoten ab.

Ich würde gerne mit eurem letzten Album einsteigen. Was hat "Gaffa" für euch verändert? Paul: Zu dem Album haben wir unseren ersten Vertrag unterschrieben bei Das Maschine. Es war das erste, das wir über ein Label veröffentlicht haben. Das war ein krasser Ansporn für uns. Timm: Damals kam über Facebook die Anfrage, ob wir nicht mal vorbeikommen wollen. Paul: Wir dachten zuerst, dass uns da safe jemand verarschen will. Was bei "Gaffa" noch anders war, war der Umstand, dass wir uns in ein Studio in Neukölln eingemietet haben, wo wir ziemlich über den Tisch gezogen wurden.

Finanziell? Paul: Auch das, generell waren es aber einfach keine guten Bedingungen zum Arbeiten. Das neue Album haben wir jetzt wieder in Teltow in einem Keller der Eltern eines Freundes von uns aufgenommen. In genau diesem Keller haben wir damals auch angefangen Musik zu machen. Timm: Da ist man wie zuhause. Uns wurde auch immer gesagt, dass wir wie Familie sind (lacht). Paul: Es wurde teilweise sogar für uns mitgekocht.

Foto: Emma Weh

Ich hatte bei der Vorbereitung den Gedanken, dass ihr mit "Gaffa" final eure Nische gefunden hättet. Dann ist mir aber aufgefallen, dass ich selbst gar nicht wüsste, in welcher Nische ich euch ansiedeln würde. Eure Musik ist für mich weder straighter Battlerap, noch klarer Links-Rap. Wie oder wo seht ihr euch eigentlich? Timm: Ich würde uns, auch wenn das jeder von sich sagt, nicht in eine Schublade stecken. Das geht mit uns nicht. Die Basis ist auf jeden Fall immer Battlerap, auch wenn wir Themen behandeln. Aber es geht halt schon darüber hinaus. Paul: Battlerap mit Haltung, so würde ich uns beschreiben. Timm: Wir denken uns schon mehr bei unseren Tracks, als einfach nur einen Battlerap-Part zu schreiben. Wir wollen schon etwas mitgeben, etwas auch wirklich sagen. Oder besser gesagt: Etwas aussagen.

"Trauben über Gold" klingt im Vergleich zu "Gaffa" für mich weiter. Es ist kein klassischer Boombap, aber basiert trotzdem noch auf harten Drums. Dazu kommt dank Cowbells und Vocal-Chops erstmalig auch eine offensiver ausgelegte Südstaaten-Ästhetik. "New York. Houston. Berlin", heißt es auf dem Album selbst dazu. Wie nah ist dieser Sound an euer musikalischen Sozialisation dran? Paul: Damit aufgewachsen sind wir nicht. Aber wir haben uns, je älter wir wurden, mehr an diesem Sound orientiert. Timm: Das Soundbild gleicht eher dem, was wir heute hören. Die Musik beim Aufwachsen kam eigentlich nur aus West-Berlin. Paul: Es ging damals los mit Aggro Berlin, Savas, Die Sekte, aber auch Hiob oder Dilemma. Dann kam irgendwann New-York-Rap dazu. Timm hat sich dann, früher als ich, auch für diesen Südstaaten-Sound begeistert. Timm: Und da klebe ich heute noch drauf fest. Der Albumtitel ist ja auch eine Hommage an "Wineberry Over Gold" von DJ Screw, der für mich einfach die Untergrund-Legende schlechthin ist. Wenn Donnie Bombay (Produzent, Anm. d. Re.d) Sachen produziert, hat das eh immer diesen Vibe von alten Chopped-and-Screwed-Tapes. Der Sound spielt sich irgendwo in den Tiefen ab, nicht unbedingt in den Höhen. Paul: Und der Titel sagt halt auch genau das aus, wofür wir stehen und was wir aussagen wollen.

"Wir hatten natürlich überhaupt keine Ahnung von Akustik, aber dachten halt: ‚Eierpappen an der Wand? Ja klar, das muss so sein. Macht doch jeder so'"

Paul

Wie bist du denn an DJ Screw gekommen? Und was hat dich so an ihm begeistert? Timm: Über einen Kumpel, der früher auch mal als Künstler bei uns dabei war. Der hat was von SpaceGhostPurrp rumgeschickt. Das war das erste Mal, dass ich Südstaaten-Sound wirklich gefeiert habe. Und dann bin einfach komplett darin versunken. Ich wollte alles wissen. Wenn mir davor jemand etwas von Three 6 Mafia erzählt hat, habe ich vielleicht an "Stay high" gedacht, aber nicht an das, was die davor gemacht haben. Wenn man sich dann einmal damit auseinandersetzt, kommt man an Screw ja eh nicht mehr vorbei. Ich habe in der Folge enorm viel Musik von ihm gehört und Dokus über ihn geschaut. Wie sich vor dessen Haus mehrere hundert Meter lange Schlagen gebildet haben, weil er da gerade Kassetten verkauft hat. Völlig krass. Der steht in Sachen Untergrund für mich über allem.

Wie war es denn für euch, nach mehreren Jahren wieder in dem Keller aufzunehmen, wo ihr damals angefangen habt? Paul: Wir waren sicherlich sieben oder acht Jahre nicht da zum Musik machen. Zwischenzeitlich aber immer mal wieder zu Besuch da, da ist aus dem Keller aber schon ein normales Zimmer geworden. Davor war dort alles mit Eierkartons beklebt. Da waren wir 17 oder 18, haben "Hustle & Flow" geguckt und wollten unser Studio genau nach diesem Vorbild aufbauen. Timm: Aber wirklich genau so (lacht). Paul: Und so haben wir es dann auch gemacht. Wir hatten natürlich überhaupt keine Ahnung von Akustik, aber dachten halt: "Eierpappen an der Wand? Ja klar, das muss so sein. Macht doch jeder so" (lacht). Die Rückkehr dorthin hat sich jetzt einfach sehr richtig angefühlt.

Wie habt ihr damals gearbeitet? Paul: Wir haben unsere ersten Tapes in kleinen Bootcamps aufgenommen. Wir haben uns da getroffen, alles abgedunkelt, die Uhren um- und das Internet ausgestellt und einfach losgelegt. Ich hatte in dem Zuge auch eine kleine Videokamera gekauft und das alles gefilmt. Die Festplatte mit diesen Aufnahmen habe ich letztens mal wieder rausgeholt. Das kann ich mir heute aber kaum angucken. Timm: Das ist richtig peinlich (lacht). Paul: Wir haben uns ein Sixpack von anderthalb Liter Flaschen Energy Drink geholt. Damals wussten wir noch nicht, dass man daran unter Umständen auch verrecken kann. Timm: Seit diesen Tagen habe ich kein Energy Drink mehr getrunken. Ich muss kotzen wenn ich das rieche. Paul: Wir haben den Scheiß damals aber richtig weggezogen (lacht). Zusätzlich hatten wir noch eine Mikrowelle. Dann haben wir Milchbrötchen aufgeschnitten und die mit weißer Schokolade belegt. Timm: Die einzige Alternative zu diesem Energy-Drink-Schrott war auch einfach Jim Beam. Es gab kein Wasser oder so (lacht). Dazu haben wir damals auch noch gekifft, und auch nicht wenig. Und dazu Shisha geraucht.

Und das alles in einem geschlossenen Raum? Komplett Hotbox? Timm: Komplett. Hardcore. Aber geraucht wurde immerhin in einem separaten Raum. Paul: Weil es da auch keine Betten gab, haben Timm und ich mit unseren Köpfen neben der Toilette geschlafen. Dabei haben wir über Kopfhörer unsere Musik gehört und gedacht: ‚Dicker, wir werden auf jeden Fall Stars!'.

"Kurz zuvor gab es auch noch die Myspace-Zeit. Da ging es richtig ab. Die Musik war richtig schlimm, aber du hast auf irgendein Lied 20.000 Klicks bekommen"

Timm

Aber dieser Moment ist auch enorm wichtig, oder? Sich zum ersten Mal so richtig zu feiern. Zu denken, dass wirklich was gehen könnte. Timm: Safe. Und die Zeit war einfach eine ganz andere. Man wurde von allen Seiten bestätigt. Du hast ein Release zum Free-Download Online gestellt und wurdest auf jedem gottverdammten Untergrund-Blog gefeatured. Oder in der JUICE! Das war heftig. Ich hatte nicht mal Geld dafür, die JUICE zu kaufen.

Wie haben sich diese ersten Bestätigungen angefühlt? Das Wissen, dass andere Leute das Zeug, was ihr da im Keller gemacht habt, wirklich gerne hören? Timm: Ich hatte da früher gar kein Gefühl für. Kurz zuvor gab es auch noch die Myspace-Zeit. Da ging es richtig ab. Die Musik war richtig schlimm, aber du hast auf irgendein Lied 20.000 Klicks bekommen, was heute immer noch gut ist für unsere Verhältnisse. Das ist aber alles eingebrochen, als wir zwischenzeitlich aufgehört haben. Als es dann wieder losging, Ende 2016, war das wie ein kompletter Neustart. Das war unglaublich. Man musste sich alles wieder zurückholen.

Im zweiten Teil des Interviews lest ihr u.a., warum es für die Argonautiks Sinn macht, auf großangelegte Themen zu verzichten, wie wild es auf Homepartys reicher Nachbarn zuging und wie sie als Wendekinder im Osten aufwuchsen.
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