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„Ich habe noch extrem viel zu lernen"

Herr Wagner, nach Ihrer ersten Saison in der NBA haben Sie im Sommer drei Wochen in Berlin verbracht. Zehren Sie lange von solchen Heimaturlauben? Es bringt mir schon etwas. Vor allem, weil ich meine Familie sehen möchte und meine Freunde. Dann kann man kurz so tun, als wäre alles wieder wie früher. Gerade nach so einer langen Saison mit 82 Spielen war es nötig, in die Heimat zu kommen. Es ist aber nicht mehr so, dass ich Berlin jeden Tag vermisse oder nicht mehr ohne leben könnte - obwohl ich die Stadt sehr liebe.

In Michigan waren Sie auf dem College, danach ging es nach Los Angeles zu den Lakers. Von dort wurden Sie im Sommer zu den Washington Wizards transferiert. Ist es dort besser? Die Stadt ist geil! Es macht echt Spaß, hier zu leben. Es ist nicht zu viel los, trotzdem gerade genug. Man kann hier auch mal sein eigenes Ding machen und sich auf sich selbst fokussieren. Das ist ein guter Mix. Ich habe wieder mal Glück gehabt.

Haben Sie in den Vorbereitungsspielen gemerkt, dass Sie bestimmte Sachen bereits besser machen als in Ihrer ersten Saison? Ja, definitiv. Das Spiel ist nicht mehr so schnell für mich. Ich bin natürlich noch kein Veteran, ich habe noch extrem viel zu lernen. Ich kenne die gegnerischen Spieler und ihre Fähigkeiten aber bereits deutlich besser. Auch an das Regelwerk der NBA, das Unterschiede zum Spiel auf dem College und in Europa aufweist, habe ich mich gewöhnt. Viele Spieler in der NBA sind auch einfach so gut, dass man sie gar nicht komplett stoppen kann. Da muss man abwägen, welche Freiräume man ihnen als Verteidiger gibt und welche Fähigkeiten man deshalb umso mehr versucht einzuschränken. Das sind kleine Sachen, über die ich mir mittlerweile deutlich weniger Gedanken mache. Das ist für den Energieverbrauch natürlich hilfreich.

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Wer hat Sie denn bisher am meisten beeindruckt? Man spielt in der NBA ständig gegen sehr gute Spieler, hier ist niemand schlecht. Aber: James Harden von den Houston Rockets ist schon sehr beeindruckend, weil er nach Belieben punkten kann. Gegen den kann man nicht wirklich etwas machen. Paul George von den Los Angeles Clippers fand ich immer schon beeindruckend - und umso mehr, als ich ihn dann live gesehen habe. Ich habe selten einen Spieler so einfach 48 Punkte machen sehen wie ihn gegen uns bei den Lakers im vergangenen Jahr. Generell lebt diese Liga von einer extrem hohen individuellen Klasse. Das merkt man dann auf dem Spielfeld.

Ein geflügeltes Wort in der NBA, das immer dann verwendet wird, wenn ein Team sich auf lange Sicht komplett neu aufstellen will - und das viele Experten auch Ihren Wizards anheften. Warum mögen Sie es nicht? Der Begriff steht oft dafür, dass ein Team alles einreißt und sich in ein reines Entwicklungsjahr begibt. Dieses Einreißen finde ich respektlos den Leuten gegenüber, die schon da sind und die auch ihren Job machen und sich reinhängen. Und wenn man mit dem Anspruch eines Entwicklungsjahres in die Saison geht und nicht ums Gewinnen mitspielt, entwickelt man sich sowieso nicht. Das wirkt dann fast schon wie ein Trostpreis - und dafür spiele ich nicht Basketball. Ohne Ehrgeiz kann man sich nicht verbessern. Aber, ich glaube, dass das auch jedem hier bewusst ist. Jeder hier bei den Wizards arbeitet hart, damit wir in der kommenden Saison so viele Spiele wie möglich gewinnen.

Am 6. Oktober haben Sie getwittert „ALBA!!!". Zuvor hatten die Berliner in Bamberg gewonnen. Sie verfolgen das Geschehen hier in Berlin also weiterhin? O ja! Alba ist mein Team und wird das auch immer bleiben. Seitdem ich sechs oder sieben Jahre alt bin, bin ich zu den Spielen gegangen. Ich erinnere mich noch gut an Spieler wie Rouben Boumtje-Boumtje; Julius Jenkins war damals mein Idol. Das bleibt natürlich im Blut. Ich mag die Leute im Verein, die machen einen super Job und bauen ein tolles Programm auf mit Marco Baldi. Außerdem ist Aito ein unglaublich guter Trainer - wie er den jungen Spielern Vertrauen schenkt. Malte Delow ist jetzt bei den Profis dabei, Jonas Mattisseck spielt immer mehr. Ich bin wirklich stolz, aus diesem Verein zu kommen.

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