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"Hertha für Alle" setzt sich gegen Antiziganismus ein

Am Ende der 98 Minuten ist es für einige Momente still. Während der Abspann des ungarischen Films „Just the Wind" läuft, geht das Licht an im Haus der Fußballkulturen in Prenzlauer Berg, in dem sich rund 30 Menschen eingefunden haben. Die Stimmung ist ob der gesammelten Eindrücke getrübt.

Die Faninitiative „Hertha für Alle" lud am Montagabend zur Filmvorführung mit anschließender Diskussionsrunde zum Thema Antiziganismus ein, dem Rassismus gegen Sinti, Roma und weitere Bevölkerungsgruppen. Den Mitgliedern von „Hertha für Alle" liegt das Thema am Herzen. Im vergangenen Dezember besuchten sie gemeinsam mit etwa 50 Hertha-Fans die Ausstellung „Ausgegrenzt, verfolgt, ermordet - Sinti und Roma in Lichtenberg 1933-1945". Die Gruppe möchte sich nicht damit abfinden, dass „roma- und sintifeindliche Gesänge auch gegenwärtig noch in deutschen Stadien zu hören sind", heißt es im Veranstaltungstext des Filmabends.

Die Initiative engagiert sich laut eigenem Leitbild „für Vielfalt, ein menschliches Miteinander und gegen Rassismus". In der Vergangenheit veranstaltete sie bereits Abende zu den Themen Flucht und Fußball oder der Grenze des guten Geschmacks bei Spruchbändern im Stadion.

Film über Mordserie in Ungarn

„Die Gruppe entstand ursprünglich aus der Idee, Geflüchteten im Kontext von Hertha BSC zu helfen, also zum Beispiel gemeinsame Stadionbesuche zu organisieren oder an Turnieren teilzunehmen", sagt Marcel im Namen der Initiative. Auf Grund von gesellschaftlichen Veränderungen und dem erhöhten Aufkommen von öffentlich-rassistischen Aussagen habe sich die Gruppe „immer weiter auf Themenfelder der Anti-Diskriminierung" fokussiert. Am Montag gibt es für wenig Geld frisch gedruckte Sticker mit der Aufschrift „Love Hertha. Hate Racism" zu kaufen.

Der traurige Film „Just the Wind" thematisiert eine Mordserie, bei der in Ungarn zwischen 2008 und 2009 sechs Roma getötet und 55 Menschen schwer verletzt wurden. Der gelebte Rassismus gegen die Sinti und Roma begleitet den im Film dargestellten Tagesablauf einer Familie, die ihr Leben zwischen Versteck und Schule oder Arbeit meistern muss.

Zigeuner als Schimpfwort

Auch in Deutschland werden Sinti und Roma noch benachteiligt, laut der Bundeszentrale für politische Bildung zum Beispiel bei der Wohnungssuche. Einer Umfrage zufolge hätten 57 Prozent der Befragten ein Problem damit, wenn Sinti und Roma in ihrer Nähe wohnen würden. „Mit Blick auf die Gedenk- und Erinnerungskultur für die NS-Zeit fällt auf, dass dieser Teil der NS-Hetze und -Verfolgung noch gar nicht richtig thematisiert wird im gesellschaftlichen Kontext", sagt Marcel.

Während der Diskussion wird auch von antiziganistischen Gesängen im Stadion erzählt, die noch viel zu häufig zu hören seien. „Noch immer scheint ,Zigeuner' ein normales Schimpfwort zu sein. Das passiert meistens unbewusst, allerdings spiegelt es eben auch die gesellschaftlichen Verhältnisse wider", sagt Marcel. Es gelte, dem entgegenzutreten und die Mitmenschen über die historischen Hintergründe aufzuklären. Auch im Stadion.

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