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Dmitri Koltakow: Selbst ist der Champion

Eine Stunde vor Rennbeginn steht Dmitri Koltakow vor dem Materialschuppen im Wilmersdorfer Horst-Dohm-Eisstadion. Der 28-Jährige wirkt entspannt, am Vortag gewann er das Rennen klar. Ein weiterer Fahrer lässt wenige Meter vor ihm den Motor seines Motorbikes heißlaufen. Mehr Gas, weniger Gas, ganz viel Gas. Das Geräusch ist ohrenbetäubend. Koltakow schaut sich das kurz in aller Seelenruhe an, danach geht er zurück in den Schuppen und präpariert seine Maschine für das sechste Rennen der aktuellen Eisspeedway-Weltmeisterschaft, die auf fünf Events in fünf Städten mit jeweils zwei Rennen ausgelegt ist.

Koltakow kann von dem Sport leben

Beobachtet man Koltakow in diesen Minuten, wirkt er wie ein Außenstehender. Dabei ist er mittendrin in dieser Sportart, bei der Menschen freiwillig auf Motorbikes mit 130 Stundenkilometern und 300 Spikes an den Reifen auf dem Eis ihre Runden drehen. Der Russe ist dreifacher und amtierender Weltmeister. Die letzten fünf WM-Rennen in Berlin gewann er alle. Allüren sind ihm aber fern. Koltakow nimmt persönlich die letzten Handgriffe an seinem Bike vor, statt seine Helfer zu beauftragen. Ein kurzes Interview Minuten vor dem Rennstart während des Werkelns? Auch kein Problem.

„Wir haben einen kälteren Winter als die meisten Länder Europas und dementsprechend auch mehr Möglichkeiten zu trainieren, auf zugefrorenen Seen zum Beispiel", antwortet Koltakow auf die Frage, warum Russland traditionell die mit Abstand stärkste Nation im Eisspeedway ist. Der Mann wirkt dabei beinahe schüchtern. Rund 1000 professionelle Fahrer kommen aus Russland, in Deutschland sind es keine 20. Koltakow kann von dem Sport leben, für fast alle deutschen Fahrer ist das ein undenkbares Szenario.

Rennen fährt er quasi auf der ganzen Welt, vornehmlich aber in Europa. Das in Berlin sei vom Niveau her „im Mittelmaß" anzuordnen. Dennoch fahre Koltakow gerne in Berlin. Mit dem künstlichen Eis, das eine Viertelstunde vor Rennstart bedrohlich matschig aussieht, habe er mittlerweile keine Probleme mehr.

Überraschende Niederlage

Bei der Vorstellung der Fahrer erhält sein Name den ehrfürchtigsten Applaus. Die Zuschauer sitzen unter der überdachten Tribüne und tragen Mützen mit aufgenähten Spikes. Sie sitzen auf der gegenüberliegenden Seite unter den vor dem Regen schützenden Baumkronen. Die Flaggen von Schweden, Österreich und Russland sind zu sehen. Koltakow läuft bei der Vorstellung an ihnen vorbei und winkt ihnen schüchtern zu. Als er sich in die Reihe der anderen Fahrer stellt, sticht er zum ersten Mal wirklich aus der Masse heraus. Als einziger Fahrer hat er einen Regenschirm über sich aufgespannt.

Kurz darauf tritt er zum ersten Lauf an und gewinnt ihn mühelos. Vom Start weg ist Koltakow zu schnell für seine Favoriten, die er nach nur einer Runde bereits abgehängt hat. Mit dem sechsten Sieg in Folge in Berlin wird es aber nichts, im Finale unterliegt er seinen Landsmännern Dinar Walejew und Daniel Ivanow.

Eine seltene Erfahrung für den Mann, der seit Jahren so gut wie immer gewinnt. Viel ändert sich aber nicht. Koltakow ist weiter der Favorit auf einen neuerlichen WM-Sieg. Weiter geht es in zwei Wochen in Inzell. Bis dahin wird sich der Weltmeister an seinem Bike nur umso mehr die Hände schmutzig machen.

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