1 Abo und 0 Abonnenten
Artikel

„Es geht um Dinge, die tiefer gehen als das, was man mit Geld wiederherstellen kann"

„Mein Großvater war es, der mir das erste Mal von dem Völkermord erzählt hat. Damals war ich elf oder zwölf Jahre alt“, sagt Kaiho Rikambura aus Opuwo, einer Stadt in Namibia. „Er verriet mir, dass ich nach einem seiner Neffen benannt bin, der während des Massakers in den Ohamakari-Bergen umgekommen ist, als er selbst aus Angst vor den deutschen Truppen geflohen ist.“ Kaiho, 34,  spricht vom Völkermord an den Nama und Ovaherero – wie sich Hereros selbst nennen – durch deutsche Kolonialtruppen.  

Namibia war von 1884 bis 1915 deutsche Kolonie mit dem Namen Deutsch-Südwestafrika. Zwischen 1904 und 1908 töteten deutsche Soldaten etwa 60 000 von insgesamt 80 000 Ovahereros und etwa 10 000 von insgesamt 20 000 Namas. Die deutsche Regierung hat den Genozid nun anerkannt und angekündigt, sich beim namibischen Volk vor Ort zu entschuldigen. Außerdem sollen 1,1 Milliarden Euro über 30 Jahre hinweg für Entwicklungsprojekte zur Verfügung gestellt werden. Der Großteil des Geldes soll in Programme zugunsten der Nachkommen der betroffenen Bevölkerungsgruppen fließen, jedoch nicht direkt an sie ausgezahlt werden. Im Grunde eine historische Einigung. Allerdings stößt sie bei vielen Namibier*innen auf Ablehnung. Aus mehreren Gründen.

„Mir wurde klar, dass wir Glück haben, am Leben zu sein"

Der Generalleutnant Lothar von Trotha befahl damals, einen Aufstand der Ovaherero, die in deutschen Einrichtungen und Farmen arbeiteten und sich gegen die Besatzung wehrten, militärisch niederzuschlagen. Daraufhin flohen die Ovaherero vor den Deutschen in die fast wasserlose Omaheke Wüste im Osten Namibias. Die deutschen Soldaten riegelten die Wüste ab und vertrieben die Ovahereros von den wenigen Wasserquellen. Von Trotha schrieb in einem Brief an das Volk der Ovaherero:

„Die Herero sind nicht mehr deutsche Untertanen. (...) Innerhalb der deutschen Grenzen wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh, erschossen, ich nehme keine Weiber, keine Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volk zurück oder lasse auch auf sie schießen. Dies sind meine Worte an das Volk der Herero. Der große General des mächtigen deutschen Kaisers."

„Deutschland sollte als die schuldige Partei das Urteil bekommen, nicht andersherum"

Dass die deutsche Regierung die Geschehnisse als Genozid anerkennt, bedeutet Kaiho wenig. „Es ist eine Beleidigung für das Volk der Ovaherero und Nama. Weil wir nicht direkt an den Diskussionen beteiligt wurden, wird es weiteren Schaden und Schmerz zufügen."

Deutschland führte die jahrelangen Verhandlungen mit der namibischen Regierung, nicht mit den Vertreter*innen der betroffenen Bevölkerungsgruppen. Die Deutschen betonten dabei zudem, dass Namibia keine rechtlichen Ansprüche auf Reparationen hätte. Stattdessen sei die Auszahlung des Geldes eine „Geste der Anerkennung des unermesslichen Leid, das den Opfern zugefügt wurde". Kaiho stört vor allem die Art und Weise, in der die Verhandlungen geführt wurden. „Deutschland scheint die Verhandlungen zu diktieren", sagt er. „Doch Deutschland sollte als die schuldige Partei das Urteil bekommen, nicht andersherum."

„Es ist inakzeptabel. Die Vereinbarung hätte zuerst mit den Menschen aus den betroffenen Gemeinden getroffen werden sollen. Die Regierung von Namibia hätte als Vermittler auftreten können", schreibt die 30-Jährige per Mail auf Anfrage von jetzt. „Generationen von Ovaherero, Nama, Damara und San wurden ausgerottet. Das ist nicht nur etwas, das vor langer Zeit passiert ist und wir vergessen haben. Es ist buchstäblich etwas, das uns bis zum heutigen Tag betrifft, besonders wenn man die Ungleichheit des Reichtums in Namibia betrachtet", sagt sie. Auch die Bevölkerungsgruppen der Damara und San beanspruchen für sich, vom Völkermord betroffen zu sein. Die deutsche Regierung bezieht sich in ihrem Versöhnungsabkommen jedoch lediglich auf das Volk der Nama und Ovaherero.

„Bräuchten wir ‚Entwicklungshilfe', wenn wir nicht kolonialisiert worden wären?"

Namibia ist eines der Länder mit der größten sozialen Ungleichheit weltweit; die Arbeitslosenquote lag im Jahr 2020 bei 20,4 Prozent. Von der Armut, die in weiten Teilen der namibischen Bevölkerung herrscht, merken die Nachfahren der deutschen Siedler, die immer noch in Namibia leben, jedoch wenig. Obwohl Weiße nur sieben Prozent der Bevölkerung ausmachen, besitzen sie noch immer 70 Prozent des kommerziellen Farmlandes. Die sogenannten Deutschnamibier leben außerdem weitestgehend abgegrenzt vom Rest der Gesellschaft. Sie gehen auf deutsche Schulen, lesen die Allgemeine Zeitung Namibia und hören den deutschsprachigen Radiosender Hitradio Namibia. Austausch mit den anderen Bevölkerungsgruppen gibt es nur wenig.

Dass die betroffenen Bevölkerungsgruppen nicht in die Verhandlungen einbezogen wurden, überrascht Hildegard Titus nicht. Die Beziehung zwischen Deutschland und Namibia erlebt sie als bevormundend. „Wir erhalten eine Menge ‚Entwicklungshilfe‘. Aber bräuchten wir diese Hilfe, wenn wir nicht kolonialisiert worden wären und uns unser Land und unsere Ressourcen nicht von der kaiserlichen deutschen Regierung gestohlen worden wären?“, fragt sie.  

Hildegard Titus ist nicht die Einzige, die diese Fragen stellt. Auch Tommy Veundja Tjaronda ist der Meinung, dass die deutsche Regierung, aber auch die Nachfahren der deutschen Siedler*innen, ihrer historischen Verantwortung nicht nachkommen. „Hier haben wir einen Täter, der absolut keinen Versuch der Versöhnung unternommen hat und sich weigert, für seine Verbrechen zu bezahlen. Und derselbe Täter dirigiert und fordert weiterhin, wie seine Strafe für die von ihm begangenen Verbrechen aussehen soll“, sagt er.

Der 34-Jährige stammt vom Volk der Ovaherero ab und lebt in Windhoek. Weil die betroffenen Bevölkerungsgruppen nicht in die Verhandlungen eingebunden wurden und die vereinbarte Geldsumme zu niedrig sei, stellt auch das jetzige Abkommen keinen Versöhnungsversuch für ihn dar. „Ich kann mir nicht vorstellen, wie irgendein menschliches Wesen mit Verstand jemals den Bedingungen dieses ‚Abkommens‘ zustimmen würde, mit denen derzeit um sich geworfen wird.“  

Tommy ist wichtig, klarzustellen, dass die Schäden, die durch den Genozid entstanden sind, weit über das Monetäre hinaus gehen.

Dabei möchte der 34-Jährige den Fokus nicht nur auf den angebotenen Geldbetrag legen. „Die Zahlungen sind wichtig, ja. Aber die vollen und weitreichenden Auswirkungen des Völkermords auf menschlicher, wirtschaftlicher, sozialer und politischer Ebene werden dabei völlig außer Acht gelassen“, sagt er. Seiner Meinung nach wurde Namibia durch den Genozid und die Kolonialisierung in der Entwicklung eingeschränkt. Dieser Schaden sei unwiderruflich und der Grund dafür, dass Namibia auch heute noch wirtschaftlich hinter den Staaten des globalen Nordens steht.  

Diese Meinung teilt auch Melkies Ausiku aus Windhoek. Genau wie Hildegard stammt er dem Volk der Aawambo ab, als Jungunternehmer ist er in Projekte der deutsch-namibischen Entwicklungszusammenarbeit involviert. „Ich persönlich finde, dass keine Geldsumme ausgleichen kann, was Deutschland getan hat. Man kann die Kosten für die verlorenen und zerstörten Leben nicht beziffern“, schreibt der 31-Jährige über Whatsapp. Trotzdem möchte er nach vorne schauen. „Die Anerkennung des Genozids ist der erste Schritt. Jetzt muss diskutiert werden, was der beste Weg ist, um die Dinge richtig zu stellen.“ 

Das kann seiner Meinung nach funktionieren. Jedoch nur, wenn die richtigen Projekte finanziert werden: Indem Unterkünfte, Schulen, Universitäten, Autobahnen und Häfen gebaut werden, aber auch indem kleine Unternehmen mit Krediten unterstützt werden. Außerdem wünscht er sich, dass Namibier*innen der Zugang zu Deutschland erleichtert wird. „Was meiner Meinung nach am meisten bewirken würde, wäre ein besserer  Zugang zum deutschen Hochschulsystem für Namibier*innen. Bildung ist eines der wichtigsten Werkzeuge, die die koloniale Vergangenheit dem namibischen Volk geraubt hat.“ 

Doch nicht nur auf Seiten der Namibier*innen herrscht Handlungsbedarf, wie Nesindano Namises aus Windhoek findet. „Deutsche müssen miteinander kommunizieren. Sie sollten Gespräche führen, über sich und dieses Thema. Und sie müssen Namibier*innen eine Plattform geben, um zu erzählen, wie sie sich fühlen“, sagt sie am Telefon. Nesindano ist Künstlerin, derzeit befindet sie sich in einer Künstlerresidenz in Stuttgart. In ihrer Kunst verarbeitet sie auch die deutsch-namibische Beziehung.  

„Der Genozid war ein Moment, der uns etwas genommen hat. Nicht nur physische Objekte“, erklärt die 32-Jährige. „Der Genozid hat uns Identität genommen. Er hat Geschichten verschoben, anders platziert und ausgelöscht.“ 

Dass es bei der Debatte um die Versöhnung zwischen Deutschland und Namibia aus ihrer Sicht nur um Geld geht, enttäuscht Nesindano. „Dabei werden das Trauma und der entstandene Schaden nicht bedacht. Aber es geht um Dinge, die tiefer gehen als das, was man mit Geld wiederherstellen kann.“ Um die Würde der Namibier*innen wiederherzustellen, sei es nötig, einen Dialog zu beginnen. Das sei ihrer Meinung nach jedoch nicht passiert. „Wenn die Deutschen nicht über den Genozid sprechen, wenn sie zusammenkommen, kann dann dieses Geld zeigen, dass sich die Deutschen darum kümmern? Oder wird das Geld nur gezahlt, damit Deutschland politisch gesehen in ein paar Jahren besser dasteht?“  


Zum Original