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Das Fenster zur Kunst

Ausschließlich fürs Schaufenster des Hotels Flushing Meadows in München hat Künstler Gabriel Holzner (alias Gabe) aus Winhöring im Landkreis Altötting die Ausstellung "In this together" konzipiert. Foto: Quentin Strohmeier

Auch wenn vereinzelt Ausstellungen und Museen, wie in Passau, jetzt wieder geöffnet haben: Künstler und Aussteller mussten in den letzten Monaten Wege finden, ihre Arbeit trotz geschlossener kultureller Institutionen zu präsentieren. Statt in Ausstellungen wurde Kunst oft mitten im Alltag gezeigt – im Schaufenster.

Solche Konzepte gab es schon vor der Pandemie. Bei der jährlichen Aktion "Kunst im Schaufenster" in Plattling im Landkreis Deggendorf, im Atelierfenster in Staudach-Egerdach im Kreis Traunstein, in der Produzentengalerie in Passau und im Glasbau in Pfarrkirchen im Landkreis Rottal-Inn sind die Schaufenster fester Bestandteil der Ausstellungsfläche.

Franziska Lankes, künstlerische Leiterin des Glasbaus in Pfarrkirchen, hält solche Angebote im Moment für wichtiger denn je. "Schaufenstergalerien haben während der Pandemie eine viel größere Bedeutung. Es gibt ja ansonsten gerade viel zu wenig, was man sich ansehen kann", sagt sie. Das gilt nicht nur für Kunstliebhaber. Auch Künstler aus der Region nutzen die Schaufenster, um ihre Arbeit zu präsentieren und ihre Verkaufszahlen zu steigern.

"Die Ausstellungen im Schaufenster zu zeigen, war unsere einzige Möglichkeit", sagt Hubert Huber von der Produzentengalerie Passau. Alle geplanten Ausstellungen fanden statt und waren durch das Fenster zu sehen. Das sollte es den Künstlern ermöglichen, weiterhin ihre Werke verkaufen zu können.

Doch was bedeutet es für die Kunst, wenn sie aus dem Kontext einer Ausstellung genommen wird und nur noch im Schaufenster, also im öffentlichen Raum, stattfindet? Wird Kunst dadurch für ein breiteres Publikum zugänglich? Und kann das Konzept der Schaufensterkunst auch nach der Pandemie noch attraktiv sein?

Gabriel Holzner aus Winhöring im Kreis Altötting hat eine Ausstellung konzipiert, die ausschließlich im Schaufenster stattfand. Er zeigte seine bunten Grafiken mit dem Titel "In this together" im Schaufenster des Flushing Meadows Hotels in München. Das Thema: Wie geht es Kunstschaffenden während der Pandemie?

Seine Arbeit in einem Schaufenster zu zeigen, war für ihn etwas Besonderes. "Bei einer klassischen Vernissage kann man die Resonanz gut an den Leuten ablesen, das ging dieses Mal nicht", erzählt er. Resonanz erhielt er stattdessen auf den sozialen Netzwerken. "Die Leute haben es im Alltag ungeplant entdeckt und fotografiert. Das ist eigentlich das Coolste daran."

Wie viele Leute sich das Kunstwerk wirklich bewusst angesehen haben, weiß er nicht. "Ich glaube aber, dass man dadurch mehr und vor allem andere Leute erreicht", sagt er. Trotzdem weiß er, dass er nicht jeden erreichen kann und nicht jeder seine Umgebung so bewusst wahrnimmt. Nichtsdestotrotz hofft er, mit seiner Kunst Menschen inspirieren zu können "Wenn ich mit 13 oder 14 nach München gekommen bin und mir die Graffitis aufgefallen sind, dann würde mir die Ausstellung im Schaufenster bestimmt auch auffallen."

Marion Bornscheuer, die Leiterin des "Museums Moderner Kunst – Wörlen" in Passau, teilt diese Meinung. "Wenn die Kunst die Alltagswelt unterwandert, erlebt man sie in einem Kontext, in dem man gar nicht damit rechnet", sagt sie am Telefon. "Man kommt aus dem Alltagstrott heraus und denkt über das Gesehene nach. Und dafür ist Kunst ja da." Auch sie weiß, dass sich nicht jeder auf die Kunst im öffentlichen Raum einlassen wird. Nur weil sie in einem Schaufenster gezeigt wird, wird deren Zugänglichkeit nicht unbedingt erleichtert. Der Grund: Das Verständnis und die Wertschätzung von Kunst verlangen gewisses Vorwissen. "Aber wer weiß, vielleicht lässt sich der ein oder andere auf den Weg bringen", sagt sie.

Ähnlich sieht es Birgit Löffler, Leiterin des Museums "Das Maximum" in Traunreut im Landkreis Traunstein. "Auf den ersten Blick klingt das großartig. Mehr Menschen werden dadurch näher an die Kunst gebracht, das ist prinzipiell eine gute Sache", sagt sie. "Genauer betrachtet ist es aber nicht so einfach." Die Umsetzung sei schwierig, vor allem für Museen. "In ein Schaufenster kann ich nichts Wertvolles stellen. Schon allein wegen der Diebstahlgefahr, wegen der Lichtverhältnisse und der Klimabedingungen. Ganz abgesehen davon wäre das nicht mit den Vorgaben unserer Versicherung zu vereinbaren", erklärt sie. Selbiges gilt für die Werke im MMK Passau, wie Marion Bornscheuer erklärt.

Doch das ist nicht der einzige Grund, weshalb Löffler zurückhaltend reagiert. "In dem Moment, in dem ich Kunst in ein Schaufenster stelle, degradiere ich es zu einer Ware." Eine sorgfältig kuratierte Ausstellung in einem Museum könne einem Kunstwerk etwas mitgeben, einen Wow-Effekt erzeugen. Bei einer Schaufensterausstellung sieht sie das Risiko, dass sich die Betrachter nur oberflächlich mit den Kunstwerken befassen, statt sich darauf einzulassen. "Bei der Kunstbetrachtung geht es ja nicht – wie sonst bei einer Ware im Schaufenster – darum, ob mir gefällt, was ich sehe. Es geht um etwas, das über uns steht. Um die Frage, was die Kunst in uns auslöst – und wir brauchen Raum, um uns darauf einzulassen", sagt sie.

Trotzdem sieht sie in Schaufensterausstellungen eine Chance. "Wenn eine solche Ausstellung gut konzipiert ist und die Eigentümer die Bedingungen mittragen oder sogar mitgestalten, kann sie ein Gewinn für einen Ort sein. Vor allem, wenn immer mehr Läden schließen müssen, könnte man durch Schaufensterausstellungen den Raum nutzen und so Innenstädte wieder attraktiver machen."

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