Lisa Pausch

Freie Journalistin, zur Zeit: Ulm/München/Chemnitz

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Artikel

Angriff auf Kunst- und Kulturszene in Brasilien

Dieses Bild beinhaltet laut Brasiliens Regierung sexuellen Inhalt für Minderjährige. Es stammt aus dem Comic "Rächer – Der Kreuzzug der Kinder" (Vingadores - A Cruzada das Crianças).


Etat für audiovisuelle Produktionen um 43 Prozent gekürzt. Präsident Bolsonaro will moralische Filter für Förderungen. Proteste in Rio de Janeiro
amerika21

Filmschaffende in Brasilien sorgen sich um die Zukunft ihrer Branche. Grund ist ein Gesetzesvorschlag, der für das Jahr 2020 eine Kürzung von 43 Prozent für den Audiovisuellen Bereich (FSA) vorsieht und damit den größten Fördertopf für Filmschaffende im Land betrifft. Sollte das Gesetz im Parlament durchkommen, sinkt der Etat im nächsten Jahr auf 415,3 Millionen Reais (90,6 Millionen Euro), das wäre der geringste Wert seit 2012. Der Einschnitt betrifft vor allem Gelder für die Teilnahme an Unternehmen und Projekten. Darunter fallen Produktionskosten oder Reise- und Unterkunftskosten für internationale Filmfestivals.


"Es ist ein Recht, das uns genommen wird, und wieder eines mehr", sagte die Filmemacherin Camila Kater im Gespräch mit Amerika21. In der Animation "Carne"1 (Dt. Fleisch), gleichzeitig ihr Debütfilm, behandelt die 29-Jährige das Thema Frauen und die Beziehung zu ihrem Körper. Die nationale Filmförderagentur Ancine (Agência Nacional de Cinema) hatte Förderungen für insgesamt fünf Festivals zugesagt. "Als ich auf dem zweiten Festival in Toronto war, erhielt ich per Mail die Nachricht, dass nun Schluss sein würde". Nur wenige Festivals übernehmen Anfahrt- und Unterkunftkosten, so Kater. "Ich bin als Freiberufliche auf die Unterstützung der Ancine angewiesen". Angedacht waren weitere Vorstellungen in Asien und Europe, darunter zwei Festivals in Deutschland.

El País Brasil berichtet von weiteren Kunstschaffenden, die ihre Arbeiten auf Festivals in Städten wie London, San Sebastian oder New York vorstellen wollten. Auch hier hatte die Ancine Zusagen kurzfristig zurückgenommen. Am 18. September kam es in Rio de Janeiro vor der Zentrale der Agentur zu Protesten.


Die nationale Filmförderagentur Ancine ist seit Wochen Zielscheibe der ultrarechten Regierung unter Jair Bolsonaro. Im Juli hatte Bolsonaro "Filter" für die Vergabe von Förderungen gefordert und gedroht, die Agentur andernfalls abzuschaffen. Im Rahmen der Feierlichkeiten zum 200-tägigen Bestehen der Regierung sagte er: "Es wird einen Filter geben, ja, zumal es sich hier um ein Bundesorgan handelt. Es kann kein öffentliches Geld für pornographische Filme ausgegeben werden". Der Staatschef bezog sich mit der Aussage auf den Spielfilm Bruna Surfistinha, der 2011 in die Kinos kam und mehr als zwei Millionen Besucher anzog. Er porträtiert das Leben der ehemaligen Sexarbeiterin, Bloggerin und Bestseller-Autorin Raquel Pacheco. Man könne diesen "Aktivismus" nicht dulden, sagte Bolsonaro, "aus Respekt vor den Familien".

Wenige Tage später wiederholte er seine Drohungen, als bekannt wurde, dass die Ancine den Regisseur Josias Teófilo und dessen Dokumentarfilm über Bolsonaros Wahlkampagne mit 530.000 Reais (115.600 Euro) bezuschussen würde. "Wir stimmen der Verwendung öffentlicher Gelder für diese Zwecke nicht zu", erklärte der Präsident über Twitter und fügte hinzu: "Wir arbeiten an einer Neuformulierung oder der Abschaffung der Ancine". Der Film soll im Dezember erscheinen.


Für einen direkteren Zugriff auf die Ancine übertrug Bolsonaro am 18. Juli die Zuständigkeit für den Kinorat und damit die zentrale Instanz für audiovisuelle Politik vom Ministerium für Staatsbürgerschaft auf das Kabinett (Casa Civil). Parallel hatte er angekündigt, den Sitz der Ancine 2020 von Rio de Janeiro nach Brasília zu verlegen - und damit in die Nähe des Regierungssitzes. Bis zum Amtsantritt Bolsonaros im Januar war die Ancine dem Kulturministerium untergeordnet. Dieses hatte Bolsonaro als eine seiner ersten Amtshandlungen gestrichen und auf eine Abteilung im neugeschaffenen Ministerium für Bürgerschaft reduziert.


Auch personell wird sich die Agentur wohl grundlegend erneuern. Ende August wurde Ancine-Direktor Christian de Castro Oliveira per Dekret seines Amtes enthoben. Castro und weiteren Mitarbeitern wird vorgeworfen, im Jahr 2017 Kollegen verleumdet zu haben. Als Straftatbestand listet das zuständige Ministerium Geheimnisverrat, Pflichtverletzung sowie Straftaten gegen die Ehre wie Beleidigung und kriminelle Vereinigung. Kurze Zeit später sprach sich der Präsident ausdrücklich für einen Nachfolger mit evangelikalem Profil aus. Bürgerschafts-Minister Osmar Terra wünscht sich diesen der Regierung entsprechend "in Gebräuchen konservativ und in der Wirtschaft liberal".


Die ersten konkreten Streichungen treffen nun in erster Linie Produktionen, deren Themen ein Bolsonaro nicht gerne auf den Leinwänden sehen möchte: Homosexualität, Gender, Schwarzsein. Zu Beginn der Woche wurde den Filmen Greta und Negrum3 die finanzielle Hilfe von 4.600 Reais (etwa 1.000 Euro) gekappt, sie sollten am 20. September beim Internationalen Festival für Queeres Kino in Lissabon laufen.


Für den Ex-Kulturminister und Parlamentsabgeordneten Marcelo Calero (Cidadania-RJ), ist der Einschnitt eine " Kriegserklärung der Regierung gegenüber einem Sektor, der Arbeitsplätze schafft und in der neuen Wirtschaft als ikonisch gilt". Im Grunde handle es sich um ein Element mehr in einem umfassenden autoritären Prozess. Dieses Fazit liegt nicht fern, wenn man ähnliche Vorkommnisse im Verlauf der Monate betrachtet.

Zu Beginn des Jahres mussten sich Kulturveranstaltungen wie Musicals aber auch Filmfestivals auf weniger Geld einstellen, als die Gesetzesänderung für das Lei Rouanet bekannt gegeben wurde (Amerika21 berichtete).


Im April stoppte Bolsonaro die Verbreitung eines Werbeclips der brasilianischen Bank Banco do Brasil. Der Clip richtet sich an ein junges Publikum und zeigte Menschen mit unterschiedlicher Hautfarbe oder sexueller Orientierung, Teil der Kampagne waren bekannte Influencer aus Brasilien.


Zensiert werden sollte auch ein Comic auf der Buchmesse in Rio de Janeiro. Anfang September forderte der Präfekt Marcelo Crivella (PRB) in den sozialen Netzwerken die Organisatoren dazu auf, den Comic "Rächer - Der Kreuzzug der Kinder" (Vingadores - A Cruzada das Crianças) einzusammeln da er "sexuellen Inhalt für Minderjährige" beinhalte. Dieser Inhalt war eine Zeichnung, die zwei komplett bekleidete, sich küssende junge Männer zeigt.


Die Zensur zeigte jedoch einen gegenteiligen Effekt. Für das Fünffache des Originalpreises wurden die vergriffenen Bücher inzwischen im Netz verkauft. Zudem hatte der Youtuber Felipe Neto auf der Messe kurzerhand 14.000 Bücher mit LGBT Bezug gekauft und kostenlos unter den Besuchern verteilt.


Die geplante Premiere in Brasilien für den Film Marighella wurde vorerst abgesagt. Der Film über den gleichnamigen brasilianischen Untergrundkämpfer zur Zeit der Militärdiktatur, Carlos Marighella, hatte in diesem Jahr auf der Berlinale Weltpremiere gefeiert. Dort gab es für das Produktionsteam zum ersten Mal in der Geschichte der Berlinale keinen Empfang in der brasilianischen Botschaft. In einer öffentlichen Mitteilung der Produzentin heißt es, man habe ursprünglich den 20. November als Tag des Schwarzen Bewusstseins ausgewählt, aber die von der Ancine geforderten Auflagen nicht rechtzeitig erfüllt.


In Uruguay legte die brasilianische Botschaft in der vergangenen Woche ein Veto für das brasilianische Kinofestival ein. Regisseur Miguel Farias Junior darf seinen Film über den weltbekannten Schriftsteller, Komponisten und Sänger Chico Buarque in Montevideo nun doch nicht zeigen. Chico Buarque war zur Zeit der Militärdiktatur (1964-1985) einer der meist zensierten Künstler gewesen.


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