Lisa Neal

Freie Journalistin , Berlin / Kopenhagen

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Im Abseits - Afghaninnen in Iran

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Wenn von Frauen im Iran berichtet wird, dann meist von jenen, die der gesellschaftlichen Mittelschicht angehören. Dadurch gehen viele Schicksale unter - etwa die der Afghaninnen, die oft unter prekären Bedingungen im Land leben. 

Von Lisa Neal.


Wie es sich als Frau im Iran lebt, hat mit der Zugehörigkeit zu einer gesellschaftlichen Klasse und ihrer Ethnizität zu tun. Die Verhältnisse können sehr unterschiedlich sein, denn der Iran ist ein Vielvölkerstaat. Eine der größten Minderheiten sind die rund drei Millionen Afghaninnen und Afghanen. Über ihre Situation gibt es nur wenige zuverlässige Daten. Ein Grund mehr, genauer hinzuschauen. Denn wenn die Frauenrechte von der Ethnie abhängen - wie ergeht es dann den Afghaninnen im Iran?


Viele von ihnen leben schon lange in dem Land im Mittleren Osten. 1979 kam es dort zur alles verändernden Revolution und zur Gründung der Islamischen Republik. Fast zeitgleich marschierte die sowjetische Armee in Afghanistan ein. Deshalb flüchteten viele Afghaninnen und Afghanen ins Nachbarland. Die seit mehr als 40 Jahren von Machtkämpfen geprägte Geschichte Afghanistans verursachte weitere Fluchtwellen. Iran und Afghanistan verbindet zwar eine lange Kulturgeschichte, doch bleiben Afghaninnen und Afghanen auch in dritter Generation im neuen Heimatland afghanisch - im Iran oft eine Benachteiligung.


Afghanistan und Iran

Afghanistan und Iran verbindet eine enge kulturelle Geschichte mit wechselseitiger Beeinflussung. Beide Länder sind ethnische Vielvölkerstaaten, vorwiegend muslimisch geprägt (Afghanistan: Sunnitisch, Iran: Schiitisch) und wehren sich mit allen Mitteln gegen westliche Einflüsse im Land. Die jeweiligen meistgesprochenen Amtssprachen Farsi (Iran) und Dari (Afghanistan) gehören beide zur indogermanischen Sprachfamilie. Sie verhalten sich - plakativ gesprochen - in etwa so wie Hochdeutsch und Bayerisch zueinander.

Die sowjetische Armee marschierte fast zeitgleich zur Revolution 1979 in Afghanistan ein. Deshalb flüchteten viele Afghaninnen und Afghanen ins Nachbarland Iran. Heute machen sie etwa drei Millionen von den 81 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern im Iran aus. Die seit mehr als 40 Jahren vor allem von Gewalt geprägte Geschichte Afghanistans verursachte aber weitere Fluchtwellen.


Zu Beginn nahm Iran die afghanischen Brüder und Schwestern offen auf, bis sich Anfang der 1990er Jahre die Stimmung veränderte. Der Iran hatte von 1980 bis 1988 einen entbehrungsreichen Krieg mit dem Irak geführt, der iranischen Wirtschaft ging es schlecht. Da Afghaninnen und Afghanen verschiedene Sozialleistungen vom Staat bekamen und vor allem handwerkliche Jobs hatten, wurden Anschuldigungen gegen sie erhoben. Etwa, dass sie den Iranerinnen und Iranern Geld und Arbeit wegnähmen und ihre Kultur rückständig sei.

Der iranische Staat versorgte bis 1995 Afghaninnen und Afghanen mit Lebensmitteln, kostenloser Bildung und Zugang zu medizinischer Grundversorgung. Danach wurde vieles davon gestrichen und eine Arbeitserlaubnis zu bekommen wurde teurer: Die iranische Regierung forderte die Afghaninnen und Afghanen zur Rückkehr in ihre Heimat auf. Ab 1992 bildeten der UNHCR, Iran und Afghanistan eine Kommission, die sich um die Rückführung von mehr als 1,3 Millionen Menschen kümmerte. Laut einem Bericht der Bundeszentrale für politische Bildung stellt die iranische Regierung seit 2003 keine neuen Amayesh-Karten für Afghaninnen und Afghanen mehr aus. 


Fatemeh Jafari lässt sich davon nicht unterkriegen und nutzt ihre afghanische Herkunft als Vorteil. Sie ist 21 Jahre alt, Jura-Studentin und führt seit Herbst 2019 ihr eigenes Café namens „Telma" - zu Deutsch „Traum". Gemeinsam mit ihrem Geschäftspartner Hamed Azar, einem Ingenieursstudenten, hat sie das erste afghanische Café in der iranischen Hauptstadt Teheran eröffnet. Beide sind afghanisch, obwohl sie im Iran geboren und aufgewachsen sind. Das hat nichts mit eigener Wahl, sondern mit der iranischen Gesetzeslage zu tun. Es ist für Afghaninnen und Afghanen unmöglich, die iranische Staatsbürgerschaft zu bekommen.

Jafari ist die Tochter afghanischer Geflüchteter und wohnt mit einer Aufenthaltsgenehmigung in Teheran. Afghaninnen und Afghanen müssen in festgelegten Provinzen bleiben. Viele leben in Teheran und in Mashad, der zweitgrößten Stadt des Iran. Ungefähr eine Million Afghaninnen und Afghanen haben so eine Aufenthaltsgenehmigung, eine Amayesh-Karte. Diese müssen sie jedes Jahr kostenpflichtig verlängern.


Schätzungsweise 500 000 Menschen haben eine kurzfristige Aufenthalts- und eingeschränkte Arbeitserlaubnis. Die verbleibenden 1,5 Millionen Afghaninnen und Afghanen leben inoffiziell geduldet, aber in dauernder Gefahr, abgeschoben zu werden. Viele bleiben trotzdem, weil sie im Iran mehr Geld verdienen und sicherer leben können als in Afghanistan. Die höchste Arbeitslosigkeit herrscht unter Afghaninnen und Afghanen mit akademischen Abschlüssen, denn viele Jobs sind für sie tabu.


Für Afghaninnen und Afghanen mit Arbeitserlaubnis gibt es aktuell 87 Berufskategorien, denen sie nachgehen dürfen. Dazu gehören unter anderem Handwerksarbeiten. Wer keine Arbeitserlaubnis hat, arbeitet oft auf dem Bau, bei der Ernte oder im Straßenverkauf. Weil es so viele Afghaninnen und Afghanen ohne Arbeitserlaubnis gibt, machen sie einen großen Teil der Schattenwirtschaft aus. Das bedeutet auch, dass sie oft schlecht bezahlt werden, sich als Tagelöhnerinnen und Tagelöhner verdingen, weder Versicherungen noch Rechte haben.

Außerdem gibt es gesonderte Schulen für Afghaninnen und Afghanen sowie eine beschränkte Studienfachwahl. Zum Beispiel dürfen sie keine Fächer wie Luftfahrttechnik oder Kernphysik studieren, wohl aber Jura wie Fatemeh Jafari. Zusätzlich gilt für Afghaninnen - wie für alle anderen Frauen im Iran -, dass sie von vielen Ingenieurswissenschaften und Studiengängen wie Englische Literatur per se ausgeschlossen sind. Offiziell sollen Frauen damit vor angeblicher Unsittlichkeit geschützt werden. In Wirklichkeit geht es aber nicht zuletzt auch darum, die Männerquote an den Universitäten zu erhöhen, weil etwa 60 Prozent der Studierenden Frauen sind.

Gleichzeitig muss man für viele Geschäfte im Iran die iranische Staatsbürgerschaft haben, zum Beispiel um ein Auto zu kaufen oder ein Bankkonto zu eröffnen. In diesem Fall suchen sich die meisten Afghaninnen und Afghanen Menschen im Iran, denen sie vertrauen, damit diese Person für sie das Geschäft abwickelt. Dadurch entstehen zwar enge Beziehungen, es führt jedoch auch zu Abhängigkeiten. Wann immer sie etwas verändern oder investieren wollen, sind die Afghaninnen und Afghanen auf den guten Willen anderer angewiesen.

Auch Fatemeh Jafari bekommt diese Grenzen zu spüren, denn der Betrieb oder Besitz eines Cafés gehört eigentlich nicht zu den erlaubten Arbeiten für Afghaninnen und Afghanen. Wenn sie ein Unternehmen gründen will, braucht sie als Ausländerin für ein Gemeinschaftsunternehmen eine Geschäftspartnerin oder einen Geschäftspartner mit iranischer Staatsangehörigkeit.


Sie haben hart daran gearbeitet, um eine Erlaubnis vom iranischen Arbeitsministerium zu erhalten. Sie investierten ihr Erspartes und erhielten Geld von ihren Eltern, denn Afghaninnen und Afghanen bekommen in der Regel keinen Kredit einer iranischen Bank. Sie haben Stühle selbst gebaut und statt auf Dekoration auf eine bessere Kaffeemaschine gesetzt, sagt Jafari.

Das Café „Telma" befand sich bis vor kurzem in einem Kellergeschoss im Zentrum Teherans. Nun ist es in einen größeren Raum gezogen, inklusive Außenbereich. Im Café stehen Bücher über die Geschichte Afghanistans und afghanische Romane wie Khaled Hosseinis „Drachenläufer". Das solle die geistige Nähe zwischen den Ländern sichtbar machen, heißt es.


Iran Closer, einer iranisch-deutschen Reise- und Kulturvermittlungsagentur, erklärt sie ihren Erfolg so: „Es liegt nicht daran, dass ich besonders klug bin, ich bin eigentlich ganz normal. Ich bin halt geduldig und gebe niemals auf." Wie sie es letztlich geschafft hat, das Café eröffnen zu können, bleibt ihr Geheimnis. Fest steht, dass es Jafari gelungen ist, eine Ausnahme auszuhandeln. Ein leises Anzeichen dafür, dass sich insgesamt Verbesserungen für Afghaninnen und Afghanen anbahnen.

Die Iranerin Salome Ghodsi-Moghaddam, Mitgründerin von Iran Closer, bemerkt zunehmend Veränderungen. „Vor zehn Jahren war kaum etwas über die Situation der Afghaninnen und Afghanen bekannt", erklärt sie. „Ich dachte damals auch, dass viele auf der Durchreise wären. Inzwischen sind ihre Anliegen sichtbar geworden." Sie sieht aber auch die Diskriminierungen, denen sie ausgesetzt sind. „Männer und Frauen sind davon gleichermaßen betroffen", so Ghodsi-Moghaddam.


Aus Netzwerken wie Instagram kommen Stimmen, die während der internationalen #BlackLivesMatter-Proteste auch auf die Lage der afghanischen Geflüchteten im Land aufmerksam machen. In diese Zeit fallen erschreckende Ereignisse: Afghanische Wanderarbeiter kamen an der iranisch-afghanischen Grenze ums Leben.

Deshalb wurden im Iran die Hashtags #StopKillingAfghans und #AfghanLivesMatter solidarisch von vielen Menschen geteilt. „Ich glaube, dass immer mehr junge Iranerinnen und Iraner die afghanischen Bürgerinnen und Bürger unterstützen und ihnen helfen wollen", sagt Ghodsi-Moghaddam. Sie selbst habe afghanische Freunde, es sei in ihrer Generation um die 30 normal, miteinander Zeit zu verbringen.

Dass diese Offenheit nicht übergreifend gelebt wird, davon berichtet Elke Grawert. Die Politikwissenschaftlerin arbeitet am Bonner International Center for Conversion (BICC) und hat 2015 und 2016 zur Situation der Afghaninnen und Afghanen im Iran und den Rückkehrerinnen und Rückkehrern in Afghanistan geforscht. Afghaninnen und Iranerinnen gingen im Alltag zwar höflich miteinander um, aber Voreingenommenheit bestimme ihre Begegnungen.

„Es gibt eine Art Herablassung von vielen Iranern gegenüber Afghanen", so Grawert. Dazu gehörten Vorurteile, dass Afghaninnen und Afghanen gar nicht so arm wären, sondern heimlichen Reichtum versteckten, oder dass sie Iranerinnen und Iranern Arbeitsplätze wegnähmen. Die Afghaninnen, mit denen Grawert gesprochen hat, erklärten, dass sie und die Iranerinnen keine Freundinnen würden - egal, ob sie zusammen studierten oder arbeiteten.


Wie viel Austausch stattfindet, hat aber auch etwas mit der Generation zu tun. Grawert erklärt das so: „Viele Afghanen leben schon in der zweiten oder dritten Generation im Iran und sind in der Gesellschaft aufgewachsen - zwar immer ein bisschen am Rand, aber sie kennen sich aus und können gut mit Iranern umgehen. Es gibt auch Geschichten von einem sehr hilfsbereiten Umgang."

Einige Afghaninnen sagten, dass ihnen zwar im Iran mehr möglich sei als in ihrem Heimatland, sie aber trotzdem eingeschränkt blieben. Zwar hätten sie als Frauen inzwischen etwa einen besseren Zugang zu Bildung als in Afghanistan und der Lebensstandard sei bedeutend höher. Doch würden ihnen als Frauen dennoch immer wieder Grenzen aufgezeigt.


Eigentlich könnten diese gesellschaftlichen Grenzen Iranerinnen und Afghaninnen zusammenbringen, weil sie gleichermaßen von religiösen Zwängen oder rechtlichen Benachteiligungen betroffen sind. Doch die Kluft, die durch die institutionalisierte und soziale Diskriminierung hervorgerufen wird, verhindert das in den meisten Fällen bis heute.

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