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Interview

"Ein winziger Moment kann alles entscheiden"

Er rückt an, wenn das Schlimmste passiert ist: der Kriseninterventionsdienst der Bergwacht. Zum Beispiel in der Person von Heiner Brunner. Der Mitinitiator des KID Berg in Bayern weiß, was Angehörigen und Beteiligten nach schweren Bergunfällen hilft – und warum sie die öffentliche Diskussion traumatisieren kann.

Herr Brunner, Sie will wahrscheinlich niemand freiwillig in den Bergen treffen, oder? Wenn Sie mit dem Kriseninterventionsdienst der Bergwacht anrücken, ist etwas Schlimmes passiert.

Ja, wir werden hinzugerufen, wenn ein Mensch reanimiert werden musste oder gestorben ist. Zum Beispiel bei Lawinenunfällen, Vermisstensuchen, Seilbahn- oder Liftunglücken. Aber auch wenn es um einen schweren Verkehrs- oder Arbeitsunfall am Berg geht, bei Suizid oder Suizidversuchen und wenn ein Kind schwer verletzt wurde oder tödlich verunglückt ist. Unsere Aufgabe ist es außerdem, Hinterbliebenen die Todesnachricht zu überbringen. Häufig betreuen wir die Betroffenen und Angehörigen in den Bergrettungswachen, manchmal aber auch direkt am Berg – je nach Situation.

Das KID kümmert sich um die "psychosoziale Notfallversorgung" der Angehörigen und Beteiligten. Was können Sie in solchen Momenten ausrichten?

Wir sind nicht die Tröster vom Dienst, auch wenn das manche so sehen wollen. Wir versuchen, Sicherheit und Stabilität zu vermitteln. Außerdem geht es darum, zusätzliche Stressfaktoren zu reduzieren. Die Menschen, die wir betreuen, sind ja meist schon viele Stunden auf den Beinen, da geht es auch schlicht um Grundbedürfnisse: Essen, Trinken, etwas Trockenes zum Anziehen. Dann klären wir auch über mögliche psychische Reaktionen auf: Was ist eine akute Belastungsreaktion? Welche Symptome können auftauchen? Ein weiterer Schritt ist, Struktur und Orientierung zu geben. Was passiert gerade? Wie kommst du jetzt heim? Wer ist für dich da? Wie geht es in den nächsten Tagen weiter? Ganz wichtig ist, das soziale Netz zu aktivieren, soweit es bei den Betroffenen vorhanden ist.

Das KID leistet quasi erste Hilfe für die Psyche.

Genau. Wir geben in den ersten Stunden Stabilität und rücken in dieser Zeit die Bedürfnisse der Betroffenen in den Mittelpunkt. Was wir auch anstoßen und begleiten, ist das Abschiednehmen. Wir klären auf über den Zustand des Toten, schaffen einen Rahmen und bieten Schutz. Das ist für die Hinterbliebenen ein sehr wichtiger Schritt. Ein Mensch stürzt lebend ab und bleibt deshalb auch lebend in der Erinnerung. Den Toten zu sehen hilft, den Tod zu begreifen.

Was bedeutet es für Angehörige, dass der Unfallort am Berg ist?

Das wird unterschiedlich wahrgenommen und kommt darauf an, welche Einstellung die Angehörigen zum Bergsport haben. Für manche ist es tröstlich, dass sich der Tote bis zu dem Moment des Unfalls in dem Umfeld aufgehalten hat, in dem er sich in der Vergangenheit glücklich gefühlt hat. Bei anderen kommt große Wut auf, da wird der Berg als Gegner wahrgenommen und die Warum-Frage als sehr schmerzhaft erlebt.

Bei Nachrufen liest man häufig Sätze wie "Er ist bei der Ausübung seiner Leidenschaft gestorben" oder "Er starb in seinem Element". In der Öffentlichkeit wird das als tröstlicher Aspekt verkauft. Wie erleben es die Hinterbliebenen?

Wenn die Angehörigen das selbst so formulieren und der Satz nicht nur als Floskel auftaucht, werden sie es vermutlich auch so wahrnehmen. Entscheidend ist aber, von wem diese Interpretation stammt. Die Angehörigen sollten da die alleinige Deutungsmacht haben. Niemandem sonst steht es zu, darüber zu urteilen.

Gerne übernehmen Medien diese Deutungshoheit. Wie erleben Sie die Berichterstattung über Bergunfälle?

In den Nachrichten werden Unfälle häufig auf eine Schlagzeile und die Schuldfrage reduziert. Ich erlebe die Berichterstattung oft als kontraproduktiv und belastend für die Angehörigen. Vor einiger Zeit gab es zum Beispiel im Sellrain drei Lawinentote, alles Männer zwischen 68 und 74 Jahren. In den TV-Nachrichten hieß es dann: „Sie suchten den Kick und fanden den Tod.“ Wenn ich mir vorstelle, dass da die Enkelin vor dem Fernseher sitzt… Häufig ist der Unfall noch nicht richtig passiert und schon wird die Schuldfrage gestellt. Das ist gerade Mode und ein simpler Schutzreflex. Wenn wir dem Ereignis Schuld zuweisen können, erklären wir einen Unfall als zukünftig vermeidbar. Wir haben das befreiende Gefühl: Mir kann dieser Fehler nicht unterlaufen.

Ist es nicht aber wichtig, die Ursachen zu analysieren?

Natürlich sind kompetent recherchierte Unfallanalysen notwendig und gut. Nur so können wir aus dem Unfallgeschehen lernen. Aber selten sind die Ursachen eines Unfalls so offenkundig, dass kurz nach dem Ereignis eine Kausalität hergestellt werden kann. Das ist in der Regel die Aufgabe von Spezialisten und Fachmedien, weniger die der Tagespresse oder der sozialen Medien. Es benötigt sehr viel Zeit, alle Fakten zu sammeln und auszuwerten. Die Staatsanwaltschaft, Alpinpolizei und sachverständige Gutachter des Gerichts benötigen in der Regel mehrere Monate, bis sie fundierte Erkenntnisse haben. Nach so einer Zeitspanne berichtet niemand mehr über den Ausgang.

Was machen die Spekulationen mit den Angehörigen?

Für die kann das sehr belastend sein. Wir raten ihnen dazu, sich der Medienberichterstattung nicht auszusetzen. Die meisten machen es aber doch. Sie wollen wissen, wie es zu dem Unfall kam. Wenn dann der Verstorbene verurteilt wird, ist das mehr als schmerzhaft und abwertend. Erst fundierte Analysen von Experten geben Gewissheit und Erklärungen.

Kommentarschreiber in den sozialen Medien prangern immer wieder “die Dummheit” der Verunglückten an und kritisieren, dass durch Fehlverhalten Einsätze der Bergwacht provoziert würden. Wie stehen Sie zu diesen Vorwürfen?

Aufgabe der Bergwacht ist es, Verunfallte und in Not geratene Personen am Berg zu retten. Die Unfallursache spielt für die Retter keine Rolle, außer sie beeinflusst das Vorgehen des Rettungseinsatzes. Die öffentliche Diskussion erlebe ich deshalb als anmaßend und überheblich. Auch wenn jemand augenscheinlich leichtsinnig unterwegs war und mit Flip-Flops am steilen Bergpfad gewandert ist, hat er sich vermutlich sicher gefühlt. Wahrscheinlich war er der vollen Überzeugung, dass es gutgeht. Das ist doch nachvollziehbar. Wir bekommen so viele Filme von spektakulären Aktionen im Bergsport zu sehen, das beeinflusst natürlich unser Risikobewusstsein. Da ist immer alles gut, alles leicht. Das wollen andere auch erleben.

Sie rümpfen nie die Nase, wenn sich jemand aus objektiver Sicht leichtfertig in eine Notsituation manövriert hat?

Jein. Manchmal wundere ich mich schon, dass nicht mehr passiert. Aber jeder, der selbst alpin unterwegs ist, hat sicher schon öfter gedacht: Oh, jetzt habe ich aber Schwein gehabt. Und in noch mehr Situationen ist uns gar nicht bewusst, wie viel Glück wir hatten. Wer weiß bei einer Skitourenabfahrt schon, über wie viele riskante Stellen er gefahren ist und wie kurz er vor einem Lawinenabgang stand? Das verzerrt unsere Wahrnehmung. Ich bin  seit über 40 Jahren alpin unterwegs. Da habe ich den ein oder anderen Unfall miterlebt. Es ist vermessen, zu glauben, dass mir nichts passieren kann. Ich weiß, ich kann mein Leben verlieren. Wir sollten uns also hüten, vorschnell zu bewerten.

Welcher Umgang in der Öffentlichkeit mit tödlichen Unfällen wäre aus Sicht der Hinterbliebenen denn angemessen und hilfreich?

Ich wünsche mir größtmögliche Zurückhaltung. Angehörige erleben die öffentliche Diskussion häufig als zusätzlich traumatisierend. Sie ist oft überzeichnet und überemotional. Vor zwei Jahren ist zum Beispiel ein junger Mann in den Dolomiten verunglückt. Ein Reporter rief die Lebensgefährtin an und wollte von ihr wissen, wie es ihr jetzt geht. Sie hatte von dem Unfall aber noch gar nicht erfahren, weil das Paar nicht verheiratet war und sie deshalb nicht zu den Familienangehörigen gehörte, die zuerst verständigt wurden. Auch in den sozialen Medien wünsche ich mir Zurückhaltung. Das gilt für Schuldzuweisungen genauso wie für geheuchelte Betroffenheit. Niemand sollte mit den Gefühlen der Angehörigen spielen. Diese ganzen Kommentare und Ferndiagnosen von Fremden: Was sollen die helfen? Was machen die für einen Sinn?

Welche Einsätze sind für die beteiligten Helfer besonders schwer?

Das wird von den Einsatzkräften sehr unterschiedlich wahrgenommen. Was für den einen belastend ist, kann vom anderen als „normaler“ Einsatz wahrgenommen werden. Je nachdem, welche eigenen Erlebnisse und Erfahrungen ich mitbringe. Wenn ich einen Freund bei einem Kletterunfall verloren habe, berührt mich ein ähnlicher Unfall wahrscheinlich mehr als den Kollegen. Ansonsten ist es sehr belastend, wenn Kinder betroffen sind, wenn es mehrere Verletzte oder Tote gibt und wenn Kollegen verunglücken. Auch eigene Verletzungen oder Lebensgefahr beim Einsatz machen die Sache schwerer. Genauso, wenn die Einsatzsituation unerwartet ist, man nicht helfen kann und sich daraus möglicherweise Schuldgefühle entwickeln.

Können Sie selbst noch unbeschwert in die Berge gehen, wo Sie nicht nur Unfälle miterleben, sondern sich auch mit den Emotionen der Hinterbliebenen auseinandersetzen müssen?

Ja, mit großer Leidenschaft. Ich bin sehr bewusst und genussvoll in den Bergen unterwegs. Durch meine Arbeit bei der Bergwacht weiß ich: Auch ein breiter Wanderweg kann tödlich sein. Ein winziger Moment kann alles entscheiden. Das macht ein Stück weit demütig, schränkt mich aber nicht in meiner Risikobereitschaft ein. Ich bin sehr dankbar, dass ich nach wie vor in die Berge gehen kann, weil ich erlebe, dass immer und überall etwas geschehen kann.


Heiner Brunner ist Regionalleiter der Bergwacht Hochland und seit fast 20 Jahren im Kriseninterventionsdienst (KID) der Bergwacht Bayern aktiv. 


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