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Kopfgefühl

Eine Entscheidung aus dem Bauch heraus – das klingt unvernünftig. Forscher zeigen jedoch: Intuition ist weit mehr als eine rätselhafte Eingebung. Die „Intelligenz des Unbewussten“ steuert und beeinflusst unser tägliches Leben – oft mit Erfolg.

Das letzte Wort hat das Gefühl. Wenn Ragna Krückels an einem Hang steht, Tourenski an den Füßen, Schaufel und Sonde im Rucksack, Verschüttetensuchgerät unter der Jacke, und überlegt, ob die Schneedecke ins Rutschen kommen könnte. Ob sich eine Lawine lösen wird, ob sie sich und ihre Kunden in Lebensgefahr bringen kann. In solchen Momenten macht sich die Bergführerin Gedanken über die Hangneigung, den Schneedeckenaufbau, das Wetter – und vertraut ihrem Bauchgefühl. Aus gutem Grund: „Intuition ist wichtig, wenn man im Bergsport alt werden will“, weiß die 47-Jährige. Situationen, die für den einen Bergsteiger höchst gefährlich sind, werden von einem anderen locker gemeistert. Wo es also keine allgemeingültigen Maßstäbe für Risiko und Gefahr geben könne, müsse jeder seiner eigenen Einschätzung folgen, so Ragna Krückels. „Deshalb ist es für mich überhaupt nicht möglich, gegen ein gutes oder schlechtes Bauchgefühl zu entscheiden.“

Beim Risikomanagement im Bergsport hat die Intuition ihren festen Platz. Was sagt mir mein Gefühl? Habe ich Grummeln im Bauch? Oder verspüre ich überbordende Euphorie? Bergsteiger und Tourengeher werden angehalten, sich diese Fragen zu stellen und die Antworten ernst zu nehmen. Einen so guten Ruf genießt unsere „innere Ahnung“ aber nicht überall. „In weiten Bereichen unserer Gesellschaft gilt Intuition als verdächtig“, sagt der Psychologe Gerd Gigerenzer, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Sie wird missverstanden als göttliche Eingebung, als mystischer sechster Sinn, als rätselhafte Eingebung, verstößt sie doch vermeintlich gegen die Gesetze der Logik und der Vernunft. Dabei hat die Forschung gezeigt: „Intuition ist nicht nur ein Impuls oder eine Laune, sondern eine eigene Gesetzmäßigkeit“, so Gigerenzer. Eine Gesetzmäßigkeit, die wissenschaftlich erklärbar ist und unser Leben maßgeblich beeinflusst.

Haben wir dieses Gesicht schon einmal gesehen? Können wir noch schnell über die rote Ampel huschen? Marmelade oder Nutella – welcher Brotaufstrich lacht uns mehr an? Tausende von kleinen und großen Entscheidungen wollen jeden Tag getroffen werden. Laut dem Kognitionspsychologen und Nobelpreisträger Daniel Kahneman können wir dafür zwei Arten des Denkens benutzen: System 1 funktioniert automatisch, mühelos, schnell – und intuitiv. System 2 ist dagegen zuständig für das zeitaufwändige, langsamere, logisch-rationale Denken. Je nachdem, welches System wir anwenden, kommen verschiedene neuronale Netzwerke zum Einsatz. Der große Vorteil intuitiver Entschlüsse: Sie sind effizient und sparen Energie. Ein Vorteil, der Jahrtausende lang überlebenswichtig war.

Doch auch heute, wo unser Leben nur noch selten von der Unterscheidung von hungrigem Bär und scheuem Reh abhängt, sind wir auf unser Bauchgefühl angewiesen. Zum Beispiel in der zwischenmenschlichen Kommunikation. „Ohne intuitive Gewissheit, was eine gegebene Situation unmittelbar nach sich ziehen wird, wäre das Zusammenleben von Menschen kaum denkbar“, stellte der Neurobiologe, Arzt und Psychotherapeut Joachim Bauer vom Uniklinikum Freiburg in seiner Forschung fest. Mimik, Gestik, Blick, Haltung – all das analysiert unser Gehirn, ohne dass wir etwas davon mitbekommen. Zum Glück. Denn mit den Millionen von Sinneswahrnehmung, die in jeder Sekunde auf uns einprasseln, wäre unser Bewusstsein heillos überfordert. Zwar funktioniert die systematische, bewusste Verarbeitung von Informationen sehr präzise, doch stößt unser Arbeitsgedächtnis schnell an seine Grenzen.

Nicht so das Unterbewusstsein. Es ist in der Lage, weitaus mehr Informationen zu berücksichtigen. Diese Fähigkeit ermöglicht es uns, ständig unterschwellig und beiläufig zu lernen. So sammeln wir einen großen Wissensschatz an, aus dem wir täglich schöpfen können. Unser Bauchgefühl ist deshalb eigentlich ein Kopfgefühl: Es speist sich aus dem Langzeitgedächtnis und bedient sich der Summe unserer Erfahrungen. Auf Basis des Gelernten bildet unser Gehirn Faustregeln, sogenannte Heuristiken, die es dann auf neue Situationen anwendet. „Die Intelligenz des Unbewussten liegt darin, dass es, ohne zu denken, weiß, welche Regel in welcher Situation vermutlich funktioniert“, so Gigerenzer.

Wissenschaftler wie er sind immer wieder erstaunt, wie gut dieses Prinzip funktioniert. Schneller als ein Wimpernschlag können Probanden Objekte in gut und schlecht einteilen. Innerhalb von Sekunden schätzen Versuchsperson die Qualität eines Unterrichts richtig ein. Schachmeister brauchen nur fünf Sekunden, um sich die Stellung ihrer Figuren einzuprägen und die Partie fortzuführen. Doch Intuition macht uns nicht nur effizient, sie ist auch eine moralische Instanz. Wer oft aus dem Bauch heraus handelt, schummelt seltener bei Tests und fühlt sich nach unmoralischem Verhalten eher schuldig, das fanden US-amerikanische Psychologen heraus.

Doch wie so oft gibt es einen Haken: Unser Bauchgefühl verleitet uns zu Schnellschüssen. Zahlreiche Experimente zeigen, dass wir bei neuen Bekanntschaften aus minimalen Hinweisen ein komplettes Charakterporträt basteln. Dass effektive Faustregeln manchmal zu handfesten Vorurteilen werden. Dass wir in unbekannten Situationen aus nur wenigen Anhaltspunkten ein wackeliges Gesamtbild fertigen– und sich die Stärke der Intuition zu ihrer größten Schwäche verkehrt. Deshalb sollte uns klar sein: Unser „Kopfgefühl“ ist nicht unfehlbar.

Einer, dem das sehr bewusst ist, ist Winfried Rohrbach. Als Brandinspektor und Rettungsassistent bei der Berufsfeuerwehr München hat er in seinen 14 Dienstjahren einige Einsätze erlebt. Ihm hilft seine Intuition dabei, Menschen richtig einzuschätzen, Gefahrensituationen zu erkennen und unter Zeitdruck wichtige Informationen von unwichtigen zu trennen. Trotzdem hat er gelernt, der ersten Eingebung nicht blind zu folgen. „Man darf sich trotz aller Routine, die sich mit der Zeit einstellt, nicht einfach von seinem Bauchgefühl leiten lassen“, sagt Rohrbach. „Sonst kann man sich schnell verrennen und dann wird es gefährlich.“ In seinem Beruf kann es Leben kosten, den Ausnahmefall zu übersehen, die Besonderheit nicht zu erkennen, das eigene Urteil nicht zu überprüfen. Der Intuition zu vertrauen.

„Es ist richtig, dass Intuition uns in die Irre führen kann“, bestätigt Gerd Gigerenzer. „Doch ist es ein großer Fehler anzunehmen, dass sich alle Probleme durch Berechnung besser lösen ließen.“ Denn auch wenn wir scheinbar rational an Dinge herangehen, unterlaufen uns ständig Denkfehler, das hat die Kognitions- und Entscheidungsforschung längst herausgefunden. Gut also, dass unserer Vernunft ein unbewusster Berater zur Seite steht. Besser, wenn wir wissen, wann wir auf welche Instanz bauen können. Forscher wie Kahneman und Gigerenzer haben da eine klare Empfehlung: Wenn wir vergleichbare Entscheidungen noch nie getroffen haben oder uns in einer Umgebung bewegen, die nicht vorhersagbar ist, befragen wir lieber unseren Verstand. Gezieltes Nachdenken ist auch dann von Vorteil, wenn wir unbewussten Vorlieben widerstehen oder – wie Winfried Rohrbach – Abweichungen im vermeintlich Bekannten erkennen müssen.

Unterliegt unsere Entscheidung dagegen wiederholbaren Bedingungen, konnten wir auf dem Gebiet bereits Erfahrung sammeln und hatten wir die Gelegenheit, aus unseren Fehlern zu lernen, dürfen wir ruhig unserer Intuition vertrauen. So wie Ragna Krückels es tut, die seit 15 Jahren als Bergführerin arbeitet. Am besten jedoch gehen Ratio und Intuition gleich Hand in Hand. Bei wichtigen Entscheidungen lohnt es sich, das Bauchgefühl mit Logik zu überprüfen. Und nach dem ersten nüchternen Abwägen das Gefühl zu befragen. Denn: „Ganz oft ist die Intuition an Fakten gekoppelt“, erlebt Ragna Krückels. Und auch Winfried Rohrbach meint: „Nur mit Fakten geht es ja auch nicht.“