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Reportage

Im Bauch der Natur

Nässe, Dunkelheit, Kälte, Stille. Diese Bedingungen klingen nicht sonderlich attraktiv für ein Ausflugsziel. Sind sie aber – wenn das Ziel eine Höhle ist. Wer sich in ihre Gänge und Schächte begibt, wird körperlich wie psychisch gefordert. Und mit einem ganz besonderen Erlebnis belohnt.

Ist die Felsstufe erklommen, die schwere Eisentüre passiert, taucht der Blick ein ins Dunkel. Kalte Luft durchzieht den langen, schwarzen Gang, der sich dort erstreckt. Sein Ende ist mit dem Lichtkegel der Stirnlampe nicht zu erreichen. Erste tastende Schritte hinein in die Düsternis. Die Hände gleiten links und rechts entlang am glatten Fels. Nach 20 Metern steht der Besucher dann im Hauptraum der fränkischen Schönsteinhöhle, in der „Großen Halle“. Ruhig verharrend wirken Stille und Dunkelheit wie ein Mantel, der sich erst schwer auf die Schultern legt, dann nach und nach an Gewicht verliert. Im Schein der Lampe tauchen die Überreste Jahrtausende alter Tropfsteine auf. Jede Wölbung, jede Mulde wird zu einem Mysterium, für einen kurzen Augenblick herausgelöst aus der ewigen Finsternis. 

Verschluckt von felsigem Gestein, fern der Reizflut des Alltags, scheint die Zeit stillzustehen. Eine ungewohnte Gefühlslage macht sich im Körper breit: Ruhe und Anspannung zugleich. Faszination, die zum Verweilen einlädt, und vorwärtstreibende Neugier. Wer dem Erkundungsdrang nachgibt und sich weiter ins Erdinnere vorwagt, muss bald Körpereinsatz zeigen. Durch Engstellen, Schlupflöcher und Pfützen kriechen, Gänge durchqueren und sich durch Schächte schieben. Dicht an die Wand gepresst werden metertiefe Spalten überklettert, Kamine erklommen, Kammern durchrobbt. Warum nur sollte man sich diese Strapazen antun?

„Höhlen sind eine ganz eigene Welt“, sagt Bärbel Vogel. „Sie sehen anders aus, riechen anders, fühlen sich anders an. Höhlen sind für alle Sinne besonders.“ Stunden und Tage hat die Vorsitzende des Verbandes der deutschen Höhlen- und Karstforscher in dunklen Gängen, Hallen und Schächten verbracht – in Deutschland, Europa und der Welt. Ihr gibt diese Umgebung ein Gefühl von Geborgenheit: „Man ist geschützt, im wörtlichsten Sinne im Bauch der Natur.“ Bernhard Nerreter von der Forschungsgruppe Höhle und Karst Franken genießt bei seinen Erkundungstouren auch die Alltagsflucht: „Man ist dort weit weg von der Außenwelt, unerreichbar für alles und jeden.“ 

Eine andere Wirklichkeit erleben – das treibt Menschen wie ihn und Bärbel Vogel in Höhlen. In natürlich entstandene, unterirdische Hohlräume, per Definition länger als fünf Meter lang und groß genug, um von Menschen betreten zu werden. Allein in Deutschland konnten bislang über 11.000 dieser Hohlräume erfasst werden, vor allem in den Mittelgebirgen und im Alpenraum. Doch das sind längst nicht alle, weiß Vogel. „Es gibt noch viele weiße Flecken auf der Landkarte und genug zu entdecken.“ Über Jahrhunderte sind die Höhlen durch Auswaschung, Verwitterung oder Gesteinsbewegung entstanden. Trotz ihrer unwirtlichen Bedingungen – der Dunkelheit, der gleichbleibend kalten Temperaturen, der hohen Luftfeuchtigkeit – sind sie ein wichtiger Lebensraum für unsere Tierwelt. Eine spezielle Artengemeinschaft hat sich an diese Umgebung angepasst: etwa Gliedertiere, Spinnen oder Fledermäuse. Sie leben ganzjährig im Erdinneren oder überwintern in den Höhlen.

Um ihren Lebensraum, die Bodenformationen und Sinterbildungen zu erhalten, setzen sich Höhlenforscher-Verbände und -Vereine stark für den Schutz der Höhlen ein. „Der wichtigste Grundsatz ist: Nimm nichts mit, lass nichts zurück, zerstöre nichts und schlag nichts tot“, sagt Bärbel Vogel. Lange war es nur ein kleiner Kreis an Höhlenforschern, der sich im Inneren der Erde bewegte. Doch mittlerweile sind viele der sensiblen Ökosysteme durch die touristische Erschließung und Nutzung gefährdet. Eventagenturen und Outdoorveranstalter bieten deutschlandweit „Cave-Action“, „Höhlentrekking“ und „Underground Experiences“ an. Solche Veranstaltungen bereiten Vogel Bauchschmerzen, denn: „Höhlenerkundungen sind kein Extremsport. Entscheidend ist der Respekt vor der Natur.“ 

Auch Bernhard Nerreter sieht diese Entwicklung kritisch: „Leute, die nur die sportive Seite sehen, gehören nicht in eine Höhle.“ Er mahnt zu Achtsamkeit und Rücksichtnahme. „Die Zeitrechnung der Höhle wird nicht in Jahrzehnten gemessen, sondern eher in Jahrtausenden oder -millionen. Was wir jetzt zerstören ist für immer verloren.“ Bei Höhlenbefahrungen, wie die Exkursionen korrekt genannt werden, steht für ihn der Erkenntnisgewinn im Vordergrund. „Nicht die Ausbeutung der Höhlen als Sportgerät und als Tummelplatz für eventgeile Adrenalinjunkies.“ Es spreche dann nichts gegen Touren, wenn gut ausgebildete Führer auf das Naturobjekt Höhle bedacht seien und interessierten Menschen diese Umgebung auf rücksichtsvolle Art und Weise näher brächten.

Eine die das tut, ist Jasmin Spiegler, Sozialpädagogin mit einer erlebnispädagogischen Zusatzausbildung für Höhlen. Sie führt vor allem Schulklassen in die Höhlen bei Bad Urach am Rande der Schwäbischen Alb. Und weiß, um den Mehrwert, den dieses Erlebnis für ihre Schützlinge hat. „Höhlenbefahrungen sind immer ein Gemeinschaftserlebnis. Die Gruppe wird zusammengeschweißt, die Teilnehmer müssen aufeinander achten und schwächere Mitglieder erfahren Empathie.“ Hinzu kommt das Naturerlebnis. „Alle Sinne sind gefordert. Man muss den Weg erspüren und Enge, Dunkelheit und Stille aushalten.“ Für viele sei das ein wahnsinniges Erlebnis, „aber immer auch eine Grenzerfahrung.“ Denn in Höhlen, das erfährt Jasmin Spiegler bei ihren Teilnehmern und sich selbst, kommt man seinen Ängsten und Gefühlen sehr nahe: „Das ist ein sehr tiefes, inneres Empfinden.“

Der einfachste Weg zu dieser Erfahrung ist ein Besuch in einer der 53 Schauhöhlen in Deutschland. Sie sind gut ausgebaut, meist beleuchtet und gefahrlos zu begehen. Wer dabei Blut leckt, kann sich geführten Touren anschließen oder an einen Höhlenverein in seiner Nähe wenden. Die dort organisierten Höhlenforscher haben zum Teil jahrzehntelang Erfahrungen auf Erkundungstouren gesammelt. Sie interessieren sich für Flora, Fauna, Klima, Gesteine und die Entstehungsgeschichte der Höhlen. Bei Expeditionen erkunden, vermessen und kartographieren sie völlig neue Systeme. Dabei ist es mit der Standardausrüstung, bestehend aus festen Schuhen, Erste-Hilfe-Set, Karte, Helm und Stirnlampe, nicht getan. Verpflegung, Biwakausrüstung, Vermessungstechnik, Behältnisse für die Toilette, Beleuchtung, Kletterausrüstung und Befestigungsmaterial – all das schleppen und schleifen die Forscher durch die dunkle Enge. 

Damit ihnen das gelingt, müssen sie einige Voraussetzungen mitbringen: „Eine gute Kondition, Gesundheit, Orientierungssinn“, zählt Bernhard Nerreter auf. „Man muss außerdem Kletter- und Seiltechniken unter Extrembedingungen beherrschen. Und natürlich darf man keine übermäßigen klaustrophobischen Ängste haben.“ Eine stabile Psyche sei sehr entscheidend, betont auch Bärbel Vogel. Denn: „1000 Meter Fels über sich, im Dunklen, das muss man abkönnen.“ Abkönnen und abschätzen muss man auch das Risiko: „Die größte Gefahr ist der Ausfall der Beleuchtung. Aber auch Selbstüberschätzung ist ein Thema“, sagt Nerreter. Daneben drohten Steinschläge, Hochwasser und Abstürze. Die Höhlenbesucher können stecken bleiben oder sich verirren. „Und selbst harmlose Verstauchungen werden in einer Höhle möglicherweise zum ernsthaften Problem.“ 

Vielleicht auch weil die Gefahr nicht unerheblich ist, liegt für Nerreter der Reiz von Höhlenbefahrungen mit an ihrem Ende. „Es ist ein sehr schönes Gefühl, wenn man wieder rauskommt“, sagt er und lacht. Hat man die „Große Halle“ der Schönsteinhöhle verlassen, den langen Gang zur Eisentüre zurückgelegt und die nass-kalte Dunkelheit verlassen, muss man ihm Recht geben. Nachdem die ersten blendenden Sonnenstrahlen weggeblinzelt sind und sich die Augen wieder an das Tageslicht gewöhnt haben, ist es, als würde man die Umgebung zum ersten Mal wahrnehmen. Knallig grüne Blätter strecken sich der Sonne entgegen. Vogelgezwitscher, ein warmer Lufthauch, das Rauschen der Bäume im Wind – satt, pulsierend und in ungewohnter Klarheit strömt die Natur auf ihren Betrachter ein. Leicht lässt es sich nachempfinden, warum Bärbel Vogel diesen einen Gedanken hat, wenn sie aus den Höhlensystemen auftaucht und an der Oberfläche erscheint. „Oh, wie ist die Welt schön.“