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Zwo, eins, Risiko

Was bringt die einen dazu, freiwillig aus Flugzeugen zu springen, während die anderen lieber eine ruhige Kugel schieben? Unsere Persönlichkeit, unsere Kultur und unsere Biologie, sagt die Forschung.

In fast freiem Fall rauscht sie in die Tiefe. Die Arme ausgebreitet wie Flügel, die Beine weit gespreizt. Ihr Kopf steckt in einem Helm, ihr Körper in einem Wingsuit. Einem Anzug aus Nylon, mit dem sie wie ein Flughörnchen durch die Luft gleiten kann. Auf dem Rücken ein Fallschirm. Mit einem Ruck platzt er aus dem Rucksack. Adrenalin strömt durch den Körper. Glücksgefühle. Fliegen wie ein Vogel.

„Ich war immer ein äußerst vorsichtiger und ängstlicher Mensch.“ Das sagt die Frau, die in dem Video zu sehen ist. Eine Frau, die sich mit einem Fallschirm auf dem Rücken von hohen Felsen stürzt. Die aus Flugzeugen springt, mit rasantem Tempo vom Himmel fällt und eine der gefährlichsten Sportarten betreibt, die man sich aussuchen kann: Base-Jumpen – das Fallschirmspringen von festen Objekten. Mit gerade einmal 16 Jahren entdeckte Susanne Böhme ihre Leidenschaft für den Luftsport. Ende der Neunziger begann die heute 37-Jährige dann als eine der ersten Deutschen mit dem Wingsuit-Springen. Bei dieser Variante des Base-Jumpens versuchen die Piloten dem Traum vom Fliegen durch einen speziellen Flügelanzug möglichst nahe zu kommen. Ein riskanter Traum: Allein im Jahr 2016 starben 25 Menschen bei diesem Sport.


Ihre Leidenschaft sei aus reiner Neugier auf das Fliegen entstanden, erzählt Susanne Böhme. Für die Wingsuit-Pilotin war es nur ein kleiner Schritt, bis auf diese Neugier auch Taten folgten. Taten, die für andere undenkbar wären. Was bringt jemanden wie Susanne Böhme dazu, durch die Lüfte zu schießen, während andere aus Angst vor verstauchten Knöcheln schon die winterliche Joggingrunde fürchten? Wieso zieht die einen das Risiko an, das die anderen um jeden Preis meiden? Fragen, die auch die Wissenschaft umtreiben.

Die definiert Risiko als Produkt aus Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadenshöhe eines unerwünschten Ereignisses. Wie wir mit diesem Produkt umgehen hängt von einer Vielzahl unterschiedlicher Faktoren ab, das wissen Forscher heute. Ein Gesamtmodell des Risikoverhaltens gibt es deshalb bislang nicht. Psychologen, Neurologen und Verhaltensbiologen haben allerdings Parameter ausgemacht, die unseren Umgang mit Gefahren beeinflussen.

„Für mich haben neue Herausforderungen einen großen Reiz“, sagt Susanne Böhme und ihre Flugkarriere unterstreicht ihren Satz. Mit diesem Wesenszug passt sie gut in das Bild, das Wissenschaftler von risikofreudigeren Zeitgenossen zeichnen. „Menschen, die offen sind für neue Erfahrungen, die nach Abwechslung und Spannung suchen und emotional sehr stabil sind, sind insgesamt risikofreudiger“, weiß Prof. Eva Lermer, Psychologin an der Ludwig-Maximilians Universität München. Das bestätigt auch eine Langzeitstudie unter der Federführung des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin. „Wird eine Person im Laufe ihres Lebens offener beziehungsweise extravertierter, so nimmt auch ihre Bereitschaft zu, Risiken einzugehen – und umgekehrt“, erklärt Co-Autor Dr. David Richter vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Unsere Risikobereitschaft ist also nicht für immer festgeschrieben – sie verändert sich im Laufe des Lebens. Und sie kann von Bereich zu Bereich ganz unterschiedlich ausfallen. „Man geht davon aus, dass jeder sein eigenes Risikolevel hat und dass dieses Level domänenspezifisch ist“, sagt Lermer. „Wer riskante Aktienpakete kauft, fährt nicht zwangsläufig riskanter Ski.“

Egal ob Anlagenstrategie oder Wintersport: Wie groß unsere Risikofreude ausfällt wird auch durch unsere Biologie bestimmt. Zum Beispiel durch unser Geschlecht. Auf diesem Feld ist Susanne Böhme eher eine der Ausnahmen, die die Regel zu bestätigen scheinen. Denn – da sind sich Wissenschaftler einig – Frauen sind durchwegs weniger risikoaffin als Männer. „Dafür gibt es eine evolutionstheoretische Begründung“, sagt Prof. Gerd Gigerenzer, Risikoforscher am Max-Planck-Institut. „Männer können durch riskantes Verhalten ihren Status und damit ihren Reproduktionserfolg erhöhen.“

Neben dem Geschlecht entscheidet auch unser Alter darüber, ob wir uns in neue Wagnisse stürzen oder uns ans Altbekannte halten. Während wir als Teenager die riskantesten Entscheidungen treffen, sind wir mit zunehmendem Alter immer weniger gewillt, uns Gefahren auszusetzen oder Unsicherheiten zuzulassen. Warum das so ist, dazu liefert eine aktuelle Studie spannende Hinweise. Zusammen mit amerikanischen, britischen und australischen Kollegen fand Michael Grubb, Professor am Trinity College in Hartford, heraus, dass das Volumen an grauer Substanz im hinteren Teil des Scheitellappen des Gehirns dafür verantwortlich sein könnte. Probanden mit mehr Nervenzellkörpern in diesem Teil des Großhirns verhielten sich risikobereiter als Personen mit weniger grauer Substanz. Weil deren Volumen mit dem Alter abnimmt, könnte der Befund erklären, warum ältere Menschen weniger riskant handeln als die jüngeren.

Vielleicht werden Risikofreunde wie Susanne Böhme also mit dem Alter von ganz alleine zu gemütlichen Stubenhockern. Vielleicht ist ihnen der Hang zur Grenzerfahrung aber auch in die Wiege gelegt. Denn die Risikobereitschaft könnte zum Teil in unseren Genen angelegt sein. In Experimenten haben Forscher einen Zusammenhang entdeckt zwischen menschlichem Risikoverhalten und verschiedenen genetischen Varianten, die den Haushalt von Botenstoffen im Gehirn beeinflussen. Im Verdacht stehen etwa der Serotonintransporter 5-HTT, der Dopaminrezeptor DRD4 und Monoaminooxidase-A (MAOA). Andere Studien zeigen wiederum, dass auch die Dosis von Hormonen wie Cortisol, Testosteron und Adrenalin eine Auswirkung auf unsere Risikobereitschaft hat.

Doch sind die wissenschaftlichen Ergebnisse auf diesem Gebiet zum Teil widersprüchlich und die Methoden so mancher Untersuchung nicht einwandfrei. Einige der Forscher geben selbst zu bedenken, dass erst das Zusammenspiel von körperlicher Veranlagung und Umwelt über unser Verhalten entscheidet. Denn Risiko- und Angstempfinden sind auch sozial erlernt. „Man fürchtet, was die Peer-group fürchtet“, sagt Prof. Gerd Gigerenzer. „Und das ist von Kultur zu Kultur ganz unterschiedlich. In Deutschland haben wir beispielsweise eine sehr negative Einstellung zu Risiko.“ Schade eigentlich. Risiken sind nämlich auch eine Chance, wie Prof. Eva Lermer weiß. „Wir lernen über Ausprobieren und werden mit Glückgefühlen belohnt, wenn wir ein Abenteuer bestehen. Evolutionär ist riskantes Verhalten bis zu einer gewissen Grenze durchaus vorteilhaft.“

Diese Grenze hat Susanne Böhme unfreiwillig überschritten. Ende 2012 kollidierte sie bei einem Base-Sprung mit der Felswand – ein Unfall, der in den allermeisten Fällen tödlich endet. Sie überlebte mit einer schweren Rückenverletzung. Seitdem ist sie von der Hüfte abwärts inkomplett querschnittgelähmt. Das Verhältnis zu ihrem Risikosport hat diese Erfahrung jedoch nicht dramatisch verändert. „Ich war ja vorher schon extrem vorsichtig und akribisch“, sagt sie. „Das kleine, bestehende Restrisiko war mir immer bewusst.“ Nur neun Monate nach ihrem Unfall war Susanne Böhme wieder in der Luft. Heute ist sie eine von weltweit etwa zehn querschnittgelähmten Solo-Fallschirmspringern. Trotzdem ist sie in ihrer Freizeit kürzer getreten: „Seit der Geburt meines Sohnes habe ich das Base-Springen aufgegeben. Es würde mir nicht mehr das Gleiche geben. Heute springe ich nur noch aus Flugzeugen.“