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Reportage

Der Tod, sein Leben

Zufrieden ist kein Begriff, mit dem man einen gebrochenen Mann beschreiben würde. Einen Überlebenden an einem Ort für Tote. Zufrieden ist er, gebrochen müsste er sein: Parker O`Donnald, 61, „freiberuflicher Historiker“, wie er sagt, tätig am Vietnam Veterans Memorial in Washington, D.C. Er hat einen festen Händedruck, die Augenlider sind halb geschlossen. O´Donnalds Eltern: tot. Der Bruder: tot. Die Frau: tot. Der Sohn: tot. Sein Beruf: Erinnern an Tote. „Ich bin zufrieden“, sagt O´Donnald. Er wird nur noch ein paar Jahre leben.

Mit schlurfenden Schritten spaziert er an der fast 80 Meter langen Wand entlang. Die hängenden Schultern und die gedrungene Figur wollen nicht zu seinem bubenhaften Lächeln passen. Auf Granitplatten sind die Namen der 58.261 gefallenen oder vermissten amerikanischen Vietnam-Soldaten eingraviert. Während die Regentropfen von seiner schwarzen Jacke perlen, saugt die dunkelblaue Kappe auf dem haarlosen Kopf alles Wasser auf. Sie hat bessere Tage gesehen; in einst goldenen, jetzt dreckig-gelben Lettern steht darauf: Vietnam Veteran.

Jeden Tag kommt O’Donnald zu der Gedenkstätte. Mit dem Mittelfinger streicht er über den schwarzen Stein, er fühlt die Namen während er ihre Geschichten erzählt. An der Stelle seines rechten Zeigefingers ist nur noch ein kleiner Stumpf. Die eigentlichen Verletzungen aus dem Krieg aber waren nicht auf einem OP-Tisch zu verarzten. „Mindestens 25.000 Opfer waren 20 Jahre oder jünger. Der jüngste Soldat war erst 15 als er starb. Die meisten Opfer an einem einzigen Tag gab es am 31. Januar 1968 mit 245 Toten.“ Die Fakten sprudeln mit monotoner Stimme aus O’Donnalds Mund. Er erzählt sie jeden Tag.

Mit 17 trat er der Armee bei, als Soldat der Infanterie kämpfte er vier Jahre lang im Vietnamkrieg. Zweimal wurde er verwundet, beide Male überlebte er nur knapp. „Das Gesicht des Mannes, den ich als erstes direkt erschossen habe, sehe ich fast täglich vor mir“, sagt O’Donnald. An seiner Brust hängen die Abzeichen seiner Militärlaufbahn, ein „Vietnam Veterans“-Wimpel baumelt von dem zerschlissenen Rucksack.

Die Wand scheint sich in der Ferne auszudehnen; wie ein aufgeschlagenes Buch steht das Memorial im Constitution Garden. „Es könnte keine bessere Gedenkstätte für Vietnam Veteranen geben“, sagt O’Donnald. Speichel sammelt sich in seinen Mundwinkeln. Die Augen tränen im Wind. Viele Besucher brauchen Hilfe bei der Suche nach den Namen ihrer Angehörigen an der Wand. Die Logik der Anordnung ist nicht leicht zu verstehen, O’Donnald kann helfen. Mit stockender Stimme bedankt sich eine zierliche Frau aus Minnesota wieder und wieder. Von grauen Haarsträhnen verdeckt, sind ihre Augen auf den Namen ihres Mannes fixiert. Mit der Kamera ihres Handys hat sie versucht, ihn festzuhalten. O’Donnald trocknet die Stelle mit einem gelben Tuch, er reicht ihr ein Blatt Papier und einen Bleistift.

„Viele Besucher sind selbst Vietnam Veteranen oder Angehörige von gefallenen Soldaten“, sagt O’Donnald. Sie erzählen ihre Geschichten, O’Donnald erzählt die seine. Das Memorial habe sein Leben gerettet, sagt O’Donnald. 2001 kam er zum ersten Mal an die Gedenkstätte. Diese Konfrontation hat ihm geholfen, mit den schlimmen Erinnerungen besser umgehen zu können: „Wir Veteranen sind der Abfall dieser Gesellschaft. Alleine das Memorial zeigt uns: Du bist nicht allein. Die Opfer, die du gebracht hast, sind nicht vergessen.“ Seitdem kommt er täglich. Als er alles verloren hatte, gab ihm die Gedenkstätte nicht nur neue Kraft, sondern auch eine neue Berufung. Alles, was es über den Krieg zu wissen gibt, hat O’Donnald aufgesogen und sich angelernt.

„Manchmal ist es hart, jeden Tag mit dem Tod konfrontiert zu werden“, sagt er. Frische Blumen und vergilbte Fotos lehnen an der Mauer, durchweicht vom Dauerregen dieser Tage. „Aber es ist ja auch eine Gedenkstätte für die Lebenden. Die Besucher sehen und spüren die Namen ihrer Kameraden und Angehörigen. Das ist ein unglaublicher Trost“. O’Donnald ist hier, um sich und den anderen zu helfen. Er begleitet sie bei dem Prozess, die gesuchten Namen an der Wand zu finden. Er erzählt nüchterne Fakten und gibt ihnen persönliche Gesichter. Der Tod ist sein Leben – nicht nur beruflich.

„Meine Frau starb an Krebs, mein Bruder bei einem Auto-, mein Sohn bei einem Motorradunfall“, sagt O’Donnald ohne Regung. Auf der glatten Oberfläche der Granitplatten spiegelt sich sein Gesicht. Mit 27 Namen verbindet ihn eine persönliche Geschichte, viele seiner Freunde sind im Krieg neben ihm getötet worden. „Ich bin auf den Tod vorbereitet. Sobald du geboren bist, beginnst du zu sterben, das ist der Lauf der Dinge. Jeder hat ein bisschen Zeit, um sein Bestes zu geben. Und ich habe sogar mehr davon als erwartet.“ O’Donnalds Körper ist von Krebs zerfressen.

„Jede Geschichte ist anders und jede Geschichte ist wieder berührend, da stumpft man nicht ab“, sagt er, während sich sein Blick in der Ferne verliert. „Die Konfrontation mit dem Tod erinnert mich daran, dass nichts im Leben garantiert ist, dass jeder Tag ein Geschenk ist. Jeden Tag, den ich noch habe, möchte ich dafür nutzen, anderen ihre Trauer und ihr Grauen zu nehmen“. Winkend kommt die Witwe aus Minnesota auf O´Donnald zu. Sorgfältig steckt sie sein Blatt Papier in ihre Manteltasche. Darauf: Der abgepauste Name ihres toten Mannes.