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Mit diesen Plattformen könnt ihr euer Klimagewissen verbessern

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Wir verbrauchen zu viel Energie und fliegen zu häufig. Dass das schlecht fürs Klima ist, ist unbestritten - und trägt wohl auch zu dem schlechten Gewissen bei, das viele haben, wenn sie die nächste Flugreise buchen. Laut Bundesministerium für Umwelt ist jedem zweiten Deutschen Nachhaltigkeit bei der Reise wichtig.

Es ist dieses schlechte Gewissen, aus dem einige junge Unternehmen ein Geschäft machen wollen. Sie bieten Verbrauchern die Möglichkeit, ihre Klimasünden per Klick und damit per Spende ein bisschen besser zu machen.

Chris Kaisers Startup Bed'n'Tree mit Sitz in Radolfzell am Bodensee ist ein Beispiel dafür: Es pflanzt Bäume, wenn Nutzer über die Website Übernachtungen buchen. Dazu leitet es auf die großen Buchungsseiten wie Booking.com, Hostelworld oder Skyscanner weiter. Von der Provision, die Bed'n'Tree pro Buchung erhält, pflanzen die Macher nach eigener Aussage im Schnitt mindestens einen Baum. „Die Idee ist, Nachhaltigkeit so einfach wie möglich zu machen", erklärt Gründer Kaiser. Den Nutzer koste das nur einen Klick und der Preis für die Buchung verändere sich nicht. Das Geld fließe zu 100 Prozent in das Anpflanzen neuer Bäume. Kaiser arbeitet zusätzlich in einem anderen 50-Prozent-Job. Damit verdient er seinen Lebensunterhalt.

Auf die Idee für Bed'n'Tree kam Kaiser, als er in Thailand mit Elefanten arbeitete. Dabei sei ihm bewusst geworden, dass man dringend etwas tun müsse, um den Lebensraum der Tiere zu schützen, erzählt er. Für ihn die naheliegendste Möglichkeit: Wälder durch das Pflanzen von Bäumen wieder aufzuforsten. Dank Bed'n'Tree kann er das nun machen - und gibt an, seit der Gründung vor zehn Monaten knapp 78.000 Bäume in zehn Ländern gepflanzt zu haben. Mittlerweile böten ihm immer mehr große Firmen Kooperationen an, berichtet der Gründer: „Selbst, wenn das für manche Unternehmen vielleicht nur Marketing ist, ist es besser als nichts."

Andere Anbieter arbeiten ganz ähnlich:

Atmosfair oder Myclimate ermöglichen Nutzern, ihre durch Reisen verursachten CO2-Emissionen zu berechnen und mit einer Spende zu kompensieren. Die Suchmaschine und Google-Alternative Ecosia pflanzt für Suchanfragen Bäume. Beim norwegischen Startup Chooose kann man sich gegen eine Spende für einen bestimmten Zeitraum Klimaneutralität oder sogar Klimapositivität erkaufen.

Ecosia-Gründer Christian Kroll hat die Firma hinter seiner grünen Suchmaschine an eine Stiftung abgetreten. Auf Gewinne muss er jetzt verzichten. Was treibt ihn an?

„Falsche Botschaft in die falsche Richtung"

Peter Kolbe vom Umwelt-Reiseberater Climate Fair der Heidelberger Klimaschutz Stiftung sieht manche dieser Initiativen kritisch. „Das ist die falsche Botschaft in die falsche Richtung", sagt er. Die Option, Klimasünden einfach mit wenigen Klicks und ein paar Euro zu kompensieren, ließe die Leute glauben, sie könnten weitermachen wie bisher.

Mit der Plattform Climate Fair will Kolbe zum Umdenken anregen. Im ersten Schritt sollen sich Verbraucher demnach erst einmal fragen, ob ihre geplante Reise wirklich notwendig ist. Lässt sie sich nicht vermeiden, werden mit dem Tool von Climate Fair die sozialen und ökologischen Folgekosten einer Reise berechnet. Wer möchte, kann den kalkulierten Betrag dann spenden. Der Unterschied zu Anbietern wie Atmosfair oder Bed'n'Tree: Es geht weniger um eine einmalige Spende, die das Gewissen rein waschen soll, sondern darum, eine tief gehende Verantwortung für die Reise zu übernehmen. Dabei fließt das Geld nicht in sogenannte Entwicklungsländer, sondern in lokale und regionale Bürgerfonds in Deutschland.

Die Spender sollen selbst bestimmen, für welche Projekte die gesammelten Summen verwendet werden. Zur Auswahl stehen welche zur ökologischen Stromerzeugung oder zum Energiesparen. Konkret bekommen sie am Ende des Jahres E-Mails mit Informationen darüber, wie viel Geld in dem Bürgerfonds einer Kommune angespart wurde. Dann stimmen die Spender ab: Soll mit dem Geld nun die Installation einer Photovoltaik-Anlage auf dem Kindergarten finanziert oder ein Windpark außerhalb des Dorfes gefördert werden? Das soll laut Kolbe sicherstellen, dass die Kompensation kein einmaliger Ablasshandel ist, sondern ein längerfristiger Prozess, in den sich die Teilnehmer aktiv einbringen.

Dem Gründer ist wichtig: „Wir verkaufen kein gutes Gewissen". Auch würden sie keine Verschmutzungsrechte herausgeben, sondern teilnehmende Verbraucher in eigener Verantwortung schon heute eine Art CO2-Steuer zahlen lassen.

Um die Klimaerwärmung zu stoppen, sei es am wichtigsten, das Verbrennen fossiler Energien zu beenden und dazu auch den Energieverbrauch drastisch zu reduzieren. „Mit unserem heutigen Lebensstil können wir der Aufgabe Klimaschutz nicht gerecht werden", so Kolbe. Sein Resümee: Der Kompensationsgedanke ermuntere generell dazu, nichts oder nur Unwesentliches zu ändern. „Klimawandel ist eine hochkomplexe Angelegenheit", erklärt er. „Es gibt einen großen Wettbewerbsdruck, den notwendigen Klimaschutz auf ganz einfache Antworten zu reduzieren. Häufig sind diese dann ebenso einfach wie falsch."

Alle Spenden und Investitionen in Naturschutzprojekte fangen demnach freigesetztes CO2 nicht wieder ein und reparieren auch nicht die Umweltschäden, die zuvor angerichtet wurden. Außerdem schaffen sie erst in der Zukunft einen Ausgleich, manchmal über einen sehr langen Zeitraum von zum Beispiel 30 Jahren. Sie sind, so Kolbe, nur eine Notlösung, wenn man die Umwelt sowieso schon verschmutzt hat.

Für Bed'n'Tree-Gründer Chris Kaiser sind solche Maßnahmen dennoch der richtige Schritt. Denn Menschen, so sagt er, würden sowieso reisen: „Dann ist es deutlich besser, es wird ein Baum gepflanzt, als wenn nicht."

Mal eben schnell nach München fliegen - warum eigentlich? Das Flugzeug ist eine Dreckschleuder und es gibt gute Alternativen. Wir müssen unsere Gewohnheit ändern.

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