Lisa Berins

Journalistin, Kulturredakteurin, Offenbach

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Artikel

Being John Lennon: Vor 40 Jahren wurde der Musiker ermordet

Es war ein milder, aber stürmischer Winterabend in New York, als die Limousine vor dem Dakota-Building hielt. John Lennon und seine Frau Yoko Ono stiegen aus - sie kamen von einer abendlichen Session im Aufnahmestudio -, und gingen in Richtung des monumentalen Gebäudes. „Mr. John Lennon?", fragte jemand, ein junger Mann, Mitte zwanzig. Er hatte am Nachmittag schon vor dem Eingang auf den Beatles-Musiker gewartet, um sich die Platte „Double Fantasy" signieren zu lassen. Jetzt hatte er eine Ausgabe von J. D. Salingers Roman „Der Fänger im Roggen" dabei - und eine Charter-Arms Pistole des Kalibers .38. Er zielte auf Lennon, drückte ab: fünf Mal aus ein paar Metern Entfernung. Der Ex-Beatle taumelte die Stufen zur Pförtnerloge herauf, sackte zusammen. John Lennon starb am 8. Dezember 1980, wenige Minuten nach dem Attentat gegen 23 Uhr - im Alter von nur 40 Jahren.


Einige Stunden später lenkte Richard Kersten sein Taxi in die Haltebucht am Frankfurter Hauptbahnhof und hörte die Nachricht im Radio. Der 31-Jährige war gerade von einer Fahrt nach Offenbach zurück, eine lange Schicht lag vor ihm. Eigentlich. „Johns Tod hat mich dermaßen umgehauen", erinnert sich Kersten. „Ich konnte nicht mehr weiterfahren." An diesem Tag, in diesem Moment, wurde der Taxifahrer zum zweiten Mal von Lennon verlassen - diesmal für immer.


Richard Kersten kam von einer Fahrt nach Offenbach zurück, als er die Nachricht hörte

Warum musste John Lennon sterben? In einer im Oktober erschienenen Biografie will die britische Autorin und Journalistin Lesley-Ann Jones dieser Frage auf den Grund gehen, aber nicht nur: Das Buch mit dem Titel „John Lennon. Genie und Rebell" soll Leben und Tod des übergroßen Beatle begreifbarer machen; es soll den Mythos durchleuchten, Lennons wahres Ich zeigen. Liegt dort vielleicht der Schlüssel zum Tod des Musikers?


Ganz nah kommt die Biografin dem launenhaften, wankelmütigen, narzisstischen, scharfsinnigen, herrischen, verschmitzten; dem widersprüchlichen Liverpooler, der sich durchs Leben kämpfte, den sein Erfolg verstörte, der immer wieder mit der eigenen Vergangenheit brach, neu anfing. „Wer war er überhaupt?", fragt sich Jones. „Ich möchte die Widersprüche begreifen; herausfinden, wann und warum er starb. (...) Wir wissen bereits, dass es mehr als einen John gab, also wer oder was hat das Original getötet? Die verschiedenen Versionen seiner selbst?" Eine Ahnung schwebt über den knapp 500 Seiten: dass nämlich der eigentliche John schon viel früher starb als an jenem Wintertag vor 40 Jahren.


Wie ein Frankfurter Lehrer zu John Lennon wurde

1970 - das Jahr, in dem sich die Beatles trennten und massenhaft junge Fans in die Verzweiflung stürzten. Während Lennons Leben als Beatle beendet war - vielleicht also eine Version von ihm starb - wollte sich der damals Anfang-20-jährige Richard Kersten in Frankfurt nicht tatenlos damit abfinden, dass die Band nie mehr zusammen auf der Bühne stehen sollte. Kersten, 1949 im englischen Newcastle geboren und mit elf Jahren nach Frankfurt gezogen, hatte gerade einen Job als Lehrer angefangen, als sein zweites Leben begann - und er zu John Lennon wurde.


Mit seinem Freund Robby Matthes gründete er 1976 die Beatles Revival Band. Gitarrespielen hatte sich Kersten selbst beigebracht, das reichte nicht für George Harrisons Lead-, aber für Lennons Part allemal. Mit akzentfreiem Englisch und die Rhythmusgitarre schlagend, stand er also am Mikrofon, Matthes als Paul McCartney an seiner Seite. „Während wir die Songs spielten, haben wir gemerkt, wie gut die Beatles waren. Unerreichbar. Das war magisch", sagt Kersten.


War Magie im Spiel? Die Frankfurter Beatles Revival Band wurde zur Sensation

Ob wirklich Magie im Spiel war? Schon nach ein paar Auftritten galt die „kleine Partyband" als Sensation. Bei einem der ersten Konzerte im Frankfurter Sinkkasten „ging die Schlange drei mal um die Ecke", erinnert sich Kersten. Fans stürmten in die Hallen, in denen die Band bald auftrat. Die meisten Konzerte - ausverkauft. Kersten und seine Frankfurter Freunde durften in der Berliner Philharmonie mit dem Orchester spielen, tourten mehrmals durch die DDR. Ihr Auftritt im Ostberliner Friedrichstadtpalast wurde im Fernsehen ausgestrahlt - „sogar in der Tagesschau waren wir zu sehen", erzählt Kersten.


Wie hat es sich angefühlt, John zu sein? „Es war großartig", sagt Kersten. „Aber", fügt er hinzu. Dieses Aber hat ihm schwer zu schaffen gemacht.


Zur selben Zeit, Mitte der 70er, auf der anderen Seite der Erdkugel: Der echte Lennon war in New York zum Daddy und Hausmann geworden. Friedensaktivismus, Drogen-Exzesse, Frauengeschichten, Rockstar-Allüren und der große Rummel des Musik-Business - das waren Schatten der Vergangenheit. In den großen, luxuriösen Apartments im Dakota-Buildung, die er und Ono bewohnten, buk er Brot und kümmerte sich um seinen Sohn Sean Taro, wie er 1980 in einem Interview mit dem „Playboy" erzählte. Doch im Stillen arbeitete Lennon nach kurzer Zeit schon wieder an seiner musikalischen Auferstehung.


Lennons Interview mit BBC-Moderator Andy Peebles: Eine böse Vorahnung

Am 17. November 1980 erschien Lennons Album „Double Fantasy". Um die Platte zu promoten, gaben Ono und Lennon dem BBC-Journalisten Andy Peebles ein Interview. In Jones' Biografie erinnert sich Peebles an dieses legendäre Gespräch, in dem Lennon offen und frei über alles redete. Eine Beobachtung am Vortag hatte allerdings eine dunkle Ahnung geweckt. Peebles und sein Team waren zum Vorgespräch mit Ono geladen. „Als wir am Dakota ankamen, sah ich einen dicklichen Mittzwanziger draußen herumstehen. Ich schaute zweimal hin, weil definitiv irgendwas komisch an ihm war. Er war häufiger da, sollte ich später erfahren, um sich von John Exemplare von ,Double Fantasy' signieren zu lassen (...)." Es waren noch zwei Tage, bis das Unbegreifliche geschehen sollte.


In Frankfurt hatte zu dem Zeitpunkt der andere John angefangen, mit seiner Rolle zu hadern. „In der ,Bravo' gab es gerade ein Feature mit uns", erinnert sich Richard Kersten. Da sei dem Musiker bewusst geworden, dass etwas gewaltig in Schieflage geraten war. „Die jungen Fans kannten die echten Beatles gar nicht, für sie waren wir die Stars. Wir wurden wie die Originale verehrt. Aber das war falsch, wir waren doch nur eine Kopie!", sagt Kersten.

Mittlerweile hatte die Revival-Band Platten aufgenommen, auf denen sie Beatles-Songs auf Deutsch interpretierte. Ein kleiner Versuch der Abgrenzung, der aber für Kersten nicht weit genug ging: „Es waren einfach nicht unsere Songs, und ich war nicht John Lennon."


Vielleicht kann man am John-Sein nur scheitern

Nach vier Jahren stieg Kersten aus der Band aus, jobbte einige Zeit als Taxifahrer und widmete sich seinen eigenen musikalischen Projekten. Als John Lennon niedergeschossen wurde und Kersten die Nachricht im Radio hörte, gab es auch seine Version von John schon längst nicht mehr.


Wer ist dieser John Lennon - und wenn ja, wie viele? Ist es Vorsehung, dass man am John-Sein so leicht scheitert - selbst wenn man der echte ist? Auch 40 Jahre nach dem Attentat gibt es keine einfachen Wahrheiten zum Leben und Tod des Musikers, aber vielleicht eine Erkenntnis: dass am 8. Dezember 1980 zwar ein Stern erloschen ist. Dessen Strahlkraft aber, die reichte für mehr als ein Leben.


Von Lisa Berins


Der Frankfurter Musiker Richard Kersten

Der britisch-deutsche Musiker Richard Kersten wurde 1949 in Newcastle, England geboren. Als Elfjähriger kam er nach Frankfurt. Dort studierte er und wurde Lehrer. 1976 gründete er mit seinem Freund Robby Matthes die Beatles Revival Band. Nach seinem Ausstieg 1980 startete er eine Sololaufbahn, unter anderem mit den LPs „Ensenada Amiga" und „R.E.K. 1" sowie der Single „Computer haben Herzschmerz".

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