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Pädophilie: Wo Männer lernen, keine Kinder zu missbrauchen

Weg geht das nie. Eine pädophile Neigung ist keine Krankheit, keine Phase und auch nichts Psychopathisches: Pädophile Männer ( Frauen betrifft es extrem selten) haben sexuelle Vorlieben, die sie nicht ausleben können. Tun sie es doch, macht sie das zu Straftätern. Lange Zeit glaubten Mediziner, Pädophilie heilen oder gar verhindern zu können, dass sich das Verlangen auf sexuelle Handlungen mit Kindern überhaupt ausprägt. Heute sind sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sicher: Die Neigung bleibt ein Leben lang.

Eine Therapie kann nur eines leisten: helfen, das unbefriedigte Verlangen zu kontrollieren und damit zu leben. Viele Betroffene leiden selbst stark unter dem, was sie anmacht. Sie wissen, dass sie Kindern, würden sie es ausleben, erheblich schaden würden. Die meisten können sich überhaupt nicht damit identifizieren, selbst jemand zu sein, der von der Gesellschaft als "Kinderschänder" geächtet würde. Rational betrachtet wollen sie auf keinen Fall Kinder missbrauchen und kämpfen gegen ihren inneren Drang.

Ziel jeder Therapie: kein Täter werden

Effektive Hilfe gibt es für diese Männer erst seit wenigen Jahren. Das Präventionsnetzwerk Kein Täter werden bietet in ganz Deutschland anonym und unter Schweigepflicht Therapieplätze an. Die Voraussetzung: Die Männer müssen aus dem Dunkelfeld kommen - das heißt: Gegen sie darf kein strafrechtliches Verfahren wegen eines sexuellen Vergehens an Kindern vorliegen. Und die Diagnose muss wirklich Pädophilie lauten. Wichtig ist auch: Nur etwa 40 Prozent der sexuellen Übergriffe auf Kinder sind tatsächlich durch eine pädophile Neigung motiviert. Die Mehrheit geschieht aus anderen Gründen, etwa aus sexueller Hemmungslosigkeit, einer sadistischen Neigung oder als Folge ganz genereller Gewaltimpulse.

Laut polizeilicher Kriminalstatistik gab es im Jahr 2016 knapp mehr als 12.000 erfasste Fälle sexuellen Missbrauchs an Kindern - ohne die Täter dabei nach Motiv und Neigung zu unterscheiden. Auch wenn die Dunkelziffer deutlich höher sein dürfte und die Zahl erschreckend hoch ist: Sie ist im Verhältnis zur geschätzten Häufigkeit der Pädophilie niedrig. Hochrechnungen zufolge hat etwa ein Prozent der männlichen erwachsenen Bevölkerung pädophile Empfindungen. Das entspräche etwa 250.000 Männern in Deutschland.

9.500 Männer haben bisher Hilfe gesucht

Lange fehlte es dem Netzwerk an Therapeutinnen und Therapeuten. Und an Geld, um sich um die mehr als 9.500 Hilfesuchenden zu kümmern, die sich seit dem Start des Netzwerks im Jahr 2011 gemeldet haben. Bisher konnten davon 925 eine Therapie beginnen und 360 erfolgreich abschließen. Die Betroffenen werden trainiert, risikoreiche Situationen, in denen sie etwa Kindern allein begegnen, früh zu erkennen und ihnen auszuweichen. Sie werden ermutigt, sich auch vor der Familie und Freunden zu öffnen, ehe die eigene sexuelle Neigung durch Zufall auffliegt. Häufig ahnen Angehörige bereits etwas. Und es hilft während der Therapie, wenn Betroffene in ihrem engeren Umfeld offen mit dem Problem umgehen können.

Dass das Hilfskonzept wirksam ist, zeigte eine Nachuntersuchung aus 2017. "Bei nahezu allen der 56 befragten Therapieteilnehmer konnte nachhaltig eine Verhaltenskontrolle erreicht und damit maßgeblich sexueller Kindesmissbrauch verhindert werden", sagte Klaus Beier, Sprecher des Netzwerks, am Mittwoch auf einer Pressekonferenz in Berlin. Er ist Leiter des Institutes für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin an der Charité.

Pädophilie

Unter Pädophilie verstehen Psychologen eine "sexuelle Ansprechbarkeit auf den präpubertären Kinderkörper". Davon abzugrenzen ist eine Pädophile Präferenzstörung. Sie liegt vor, wenn die Ansprechbarkeit über einen längeren Zeitraum besteht, mit "sexuellen Fantasien, Impulsen oder Verhaltensweisen einhergeht und die betreffende Person darunter leidet".

Ein umfassendes Stück zu der Frage "Was ist Pädophilie" finden Sie hier.

Die Ursachen sind bis heute nicht abschließend geklärt. Zwar hat der Psychiater Richard von Krafft-Ebing den Begriff der Pädophilie schon 1886 geprägt - er vermutete eine biologische Ursache. Doch zahlreiche Untersuchungen bei pädophilen Männern erlauben keine eindeutigen Schlüsse. Zudem gibt es weder Zwillings- noch molekulargenetische Studien, welche die Frage der Vererbung klären könnten. Offiziell heißt es daher, dass sowohl entwicklungsbiologische, psychische und soziale Faktoren an der Entstehung von Pädophilie beteiligt sind.

Wer vermutet, pädophil zu sein, sollte sich professionelle Hilfe suchen. Denn nur Fachpersonal wie Ärzte, Psychologen und Psychotherapeuten können eine zuverlässige Diagnose stellen. Sollte ein Fachmann die sexuelle Störung diagnostizieren, besteht die Möglichkeit einer Therapie. Das Netzwerk Kein Täter werden beispielsweise bietet an zwölf Standorten in Deutschland kostenlose Beratung und Therapie unter Schweigepflicht an. Eine Liste aller Standorte finden Sie hier.

Auf der Onlineplattform Troubled Desire können sich Betroffene anonym informieren und über einen Fragebogen herausfinden, ob sie wirklich eine pädophile Neigung haben. Anschließend können sie sich auch hier spezialisierte Hilfe suchen.

Das Onlineportal für Kinder der Initiative Trau dich! informiert Kinder über ihre Rechte auf körperliche Selbstbestimmung. Kinder können sich selbstständig, anonym und kostenfrei über Beratungsstellen und andere Hilfsangebote in ihrer Nähe informieren. Durch eine Verknüpfung mit dem Kinder- und Jugendtelefon können die Kinder auch direkt telefonische Beratung in Anspruch nehmen.

Weitere Anlaufstellen sind die Projekte Save me online und Nina sowie Pro Familia oder Kinderschutzzentren vor Ort.

Pädophilie beschreibt etwas, das sich in der Gedanken- und Gefühlswelt eines Menschen abspielt. Wer über Sex oder eine Liebesbeziehung mit Kindern fantasiert, kann dafür nicht bestraft werden. Strafbar macht sich nach §176 des Strafgesetzbuchs (StGB), wer "sexuelle Handlungen an einer Person unter vierzehn Jahren (Kind) vornimmt oder an sich von dem Kind vornehmen läßt" und auch "wer ein Kind dazu bestimmt, daß es sexuelle Handlungen an einem Dritten vornimmt oder von einem Dritten an sich vornehmen läßt". Zudem ist imStGB nach §184b unter anderem das Erstellen, Besitzen und Weitergeben "kinderpornographischer Schriften" unter Strafe gestellt, eine Bezeichnung, die weder den Schaden, der dabei für Kinder entsteht, verdeutlicht, noch besonders präzise ist: Denn "Graphie" bedeutet bereits "Schrift". Und mit dem Wort "Schriften" sind im Sinne des StGB verwirrenderweise Darstellungen in Schrift, Ton und Bild gemeint, also auch Fotos und Videos.

Die bisher unveröffentlichten Ergebnisse der Nachuntersuchung liegen ZEIT ONLINE vor. Demnach gaben 55 der 56 Befragten an, auch durchschnittlich sechs Jahre nach der Therapie keinen Übergriff mehr auf ein Kind begangen zu haben - vor der Therapie hatte von ihnen etwa die Hälfte zugegeben, sich schon einmal an einem Kind vergangen zu haben. "Eine Rückfallquote von zwei Prozent ist eine enorme Bestätigung für unsere Therapie. Auch wenn wir nur eine kleine Anzahl Teilnehmer befragen konnten und die Zahlen durchaus angreifbar sind, ist das ein gutes Zeichen", sagte Beier.

Krankenkassen übernehmen die Kosten

Seit Anfang 2018 wird die Therapie im Netzwerk Kein Täter werden als Gesundheitsleistung von Krankenkassen anerkannt - weiterhin ohne die Patienten namentlich zu registrieren. Gleiches gilt für Jugendliche, an die sich das Projekt Du träumst von ihnen richtet. Dies sei überfällig gewesen, meint Monika Egli-Alge von der Deutschen Gesellschaft für Prävention und Intervention bei Kindesmisshandlung und -vernachlässigung (DGfPI). Für die Psychologin leisten Angebote wie dieses eine "wichtige Hilfe für Menschen, die aufgrund ihrer sexuellen Präferenz Hilfe suchen und sie im Gesundheitssystem nur selten finden". Unter anderem liege das daran, dass es nur wenige entsprechend ausgebildete Therapeutinnen und Therapeuten gebe. Und es gebe nicht wenige, die Pädophile nicht behandeln wollen. Denn die negative Grundeinstellung Betroffenen gegenüber sei unter ihnen fast genauso hoch wie in der Allgemeinbevölkerung.

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