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Heim-Weh

Verschickt, verletzt, vergessen - für zahlreiche Kinder war der Aufenthalt in einem Kurheim nicht erholend, sondern traumatisierend. Jahrelang wurde totgeschwiegen, was auf den Kuren wirklich geschah. Nun sprechen Betroffene darüber. Sabine Schwemm ist eins von Millionen von Verschickungskindern.

 

Die Kinderverschickung in der BRD fand in der Nachkriegszeit bis in die 1990er Jahre hinein statt. Etwa acht bis zwölf Millionen Kinder wurden zu Kinderkuren in Kurheime "verschickt". Vor allem kranken oder unterernährten Kindern wurde eine Kur verschrieben. In drei bis sechs Wochen sollten sie sich erholen und Spaß haben. Stattdessen erlebten Viele die Heimzeit als traumatisierend. Der Umgang mit den Kindern war durch harte Erziehungsweisen geprägt - und in vielen Fällen durch körperliche und psychische Gewalt. Es kam mehrfach zu Todesfällen. Vereinzelt wurde bewiesen, dass in den Kurheimen eine Erziehung im Sinne der NS-Ideologie fortgeführt wurde. Träger*innen der Heime waren entweder Privatpersonen oder kirchliche und Wohlfahrtsorganisationen, manchmal auch Betriebs- und Kranken-Versicherungsorganisationen. Die "Initiative Verschickungskinder" setzt sich für die Aufklärung der Kinderverschickung ein.

 

Sommer in Bad Salzdetfurth

"Ich bin ein Verschickungskind", sagt Sabine Schwemm. Den Sommer 1968 verbrachte die damals Vierjährige im Waldhaus, einem Kurheim in Bad Salzdetfurth bei Hildesheim. Eigentlich sollte sie sich während der Kur erholen, mit anderen Kindern spielen und an Gewicht zunehmen. Das hatte man ihren Eltern zumindest versprochen. Als sie zurückkommt, hat sie jedoch nicht zu-, sondern abgenommen. Sie spricht kaum über das, was sie in dem Heim erlebt hat. Sie verdrängt jeglichen Gedanken an die Schikanen und die Gewalt, die ihr widerfahren sind - bis sie vor drei Jahren auf einen Blog stößt, der anhand von Erlebnisberichten über die Kinderverschickungen in der Nachkriegszeit aufklärt und zur Vernetzung der Verschickungskinder dient. Die Buchautorin Anja Röhl hat ihn erstellt, sie wurde selbst verschickt. Mittlerweile hat auch Sabine ihre Geschichte dort geteilt.

“Liebe Mutti, lieber Vati: aus Bad Salzdetfurth sende ich euch die herzlichsten Grüße. Ich bin hier gut angekommen. Die Fahrt war herrlich. Die anderen Kinder in der Gruppe sind auch alle sehr nett. Das Essen schmeckt gut. Nochmals viele Grüße, eure Sabine”, liest Sabine vor. Selbst geschrieben hat sie die Postkarte nicht. Eine der Heim-Betreuerinnen schickte sie ihren Eltern damals in ihrem Namen. Sabine zieht die Augenbrauen hoch. "Ich war damals vier Jahre alt, ich konnte diese Karte nicht allein geschrieben haben. Nichts von dem, was hier steht, ist wahr." Ihre Eltern ahnten damals nichts.

Sabine hat als Verschickungskind traumatisierende Erfahrungen gemacht, die sie noch immer beschäftigen. Heute setzt sie sich für die Aufklärung der Kinderverschickung ein.

Drangsaliert, ausgeliefert und allein

Sie erzählt von ihrer Zeit im Waldhaus: Die damals Vierjährige litt unter den anderen Kindern, die fast alle größer, älter und dementsprechend stärker als sie waren: "Die haben mich drangsaliert." Sie nahmen ihr ihre Sachen weg, hielten sie fest, nahmen ihr auch einmal ihren Teddy weg. Sie rissen ihm die Augen aus und warfen sie aus dem Fenster. "Ich habe dann ganz furchtbar geschrien, aber niemand hat mir geholfen." Die Betreuerinnen kümmerten sich nicht um sie. Sabine lebte in ständiger Angst vor den anderen Kindern – und vor den sogenannten “Tanten”, ihren Betreuerinnen. Bestrafungen für jede Kleinigkeit standen auf der Tagesordnung. Nachts machte sie aus Angst oft ins Bett und wurde dafür bestraft. "Ich musste dann stundenlang in dem kalten Waschraum in der Ecke stehen." Für die Betreuerinnen findet Sabine keine anderen Worte als "kaltherzig, grausam und verständnislos."

Vor allem eine Situation hat sich in Sabines Gedächtnis eingebrannt: Sie benutzte einmal heimlich eine Toilette im Keller, weil sie dringend musste. Hätte sie sich in die Hose gemacht, wäre sie bestraft worden. Aber die Toilette hätte sie auch nicht benutzen dürfen, sie war dem Personal vorbehalten. Das ließen die Betreuerinnen Sabine deutlich spüren: "Sie haben mich gegriffen, übers Knie gelegt und mir den Hintern versohlt. Danach wurde ich stundenlang in einen Kellerraum eingesperrt und durfte nichts essen." Die Betreuerinnen sagten, dass sie nie wieder nach Hause dürfe: "Ich dachte damals, mein Leben ist vorbei und ich sehe meine Familie nie wieder."

Zu Ende, aber nicht vorbei

Was danach passierte und wie sie wieder nach Hause kam, weiß Sabine nicht mehr. Ihre Erinnerungen sind wie ausgelöscht. Ihren Eltern erzählte sie damals kaum von ihrer Heimzeit, aus Angst davor, wieder bestraft zu werden. "Die hatten mir in dem Heim eingeredet, dass ich ein schlechter Mensch bin und Strafe verdiene." Jahrelang dachte Sabine, mit ihrer Erfahrung allein zu sein und mit niemandem darüber sprechen zu können: "Ich habe das alles ganz tief in mir eingegraben." Nur einer Freundin erzählte sie von der Zeit im Waldhaus. Aber die habe sie nicht verstanden. Erst Anja Röhls Blog zeigte ihr, dass es viele Menschen gibt, die auf den Kuren ähnliche Erfahrungen gemacht haben.

Bestärkt durch den Austausch mit den Anderen setzt sich Sabine heute für die "Initiative Verschickungskinder" ein, die aus dem Blog hervorging. Sie will helfen, die Kinderverschickungen aufklären und setzt sich daher bewusst immer wieder mit ihrer eigenen Heimerfahrung auseinander. Im Archiv in Hannover schaute sie sich die Waldhaus-Akte an. Darin liest sie, dass dort drei Kinder gestorben sind. Zwei Kinder sind mit Essensresten in der Speiseröhre tot aufgefunden worden. Sie sind vermutlich erstickt. Ein kleiner Junge wurde von den anderen Kindern mit einem abgerissenen Hockerbein erschlagen. Letzteres wusste Sabine schon. Sie hat einen alten Zeitungsartikel aufgehoben, in dem der Fall geschildert wurde. Er ist etwa ein halbes Jahr, nachdem Sabine selbst in dem Heim war, erschienen. “Immer, wenn ich diesen Artikel lese, nimmt es mich noch mit”, sagt sie. Man sei der Gewalt in dem Heim ausgeliefert gewesen, niemand habe den Kindern geholfen. Dieser Fall habe ihr aber auch gezeigt, dass sie noch glimpflich davongekommen sei. "Es gab Kinder, die gar nicht mehr zurückgekommen sind."

Sabine hat sich letztes Jahr entschieden, noch einmal nach Bad Salzdetfurth zu fahren. "Als ich wieder da stand, wurde mir klar, dass das früher war und heute eine neue Zeit ist. Ich bin nicht mehr das kleine Kind von gestern, heute kann ich mich wehren, heute kann ich dabei helfen, das alles aufzuklären."