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"Schockiert und abgestoßen"

Der rechte Antaios-Verlag hat ein Buch der amerikanischen Feministin Camille Paglia herausgebracht – und verändert. Paglia wehrt sich 

 

Die Erfolge der Rechten haben einen bemerkenswerten Nebeneffekt: die Verbindung feministischer Ideen mit rassistischen Einstellungen. Die Ikone der neuen Rechten ist Camille Paglia, Autorin, Professorin an der Philadelphia University of the Arts und, so sagt sie selbst: Feministin. Ihre Arbeit wird seit dem Erscheinen ihres ersten Buches „Sexual Personae“ 1991 kontrovers diskutiert. Inzwischen wird sie in rechten Medien, von der rechtspopulistischen US-Website Breitbart über die deutsche Zeitschrift Sezession zustimmend zitiert. Camille Paglia befürwortet beispielsweise das Recht auf Abtreibung, bezeichnet sich selbst als Transgender, bekennende Lesbierin und linke Demokratin, aber sie stellt Kernthesen des Feminismus in- frage. Ihre Kritik an den vermeintlichen Dogmen einer Genderforschung, die die „Macht der Biologie“ außer Acht lässt, macht sie für die Rechten interessant. 


Nun hat der Antaios-Verlag die deutsche Ausgabe von Paglias 2017 erschienenem Buch „Free Women, Free Men“ herausgebracht. Götz Kubitschek, der mit seiner Frau Ellen Kositza um den Verlag einen Thinktank der neuen Rechten geschaffen hat, stellte die Ausgabe auf der Leipziger Buchmesse vor. Kositza und zwei weitere Antaios-Autoren haben Paglias Buch übersetzt, zugleich hat Antaios durch allerlei Eingriffe ein Buch geschaffen, das vieles ist, aber keine wortgetreue Übertragung des Originals. Aus Paglias Titel „Free Woman, Free Men“, freie Frauen, freie Männer, wird bei Antaios „Frauen bleiben, Männer werden“. Die meisten Essays erhielten neue Titel, zwei Kapitel wurden gestrichen. Statt Paglias Vorwort findet sich nun eine Einführung von Ellen Kositza, die Paglia als „Kampfhündin“ vorstellt und schreibt, sie sei 1996 auf einem „Grabbeltisch bei Karstadt“ auf eine dtv-Ausgabe Paglias gestoßen: „Lektüren, die dem Leben eine Richtung geben: Hier war so eine! Von Stund an verstand ich mich als Paglianerin.“ Wusste Camille Paglia davon? Ein Anruf in Philadelphia. 

 

SZ: Entsprechen die Änderungen des Antaios-Verlages Ihren vertraglichen Absprachen?

Camille Paglia: In den letzten 30 Jahren habe ich sieben Bücher herausgebracht, die in viele Sprachen übersetzt wurden. Noch nie bin ich einem Verleger begegnet, der ethisch so unsensibel gegenüber einem juristischen Vertrag ist oder so arrogant und respektlos gegenüber Schriftstellern und ihrer Arbeit. Der totalitäre Impuls, der zu dieser Invasion und Verstümmelung meines geistigen Eigentums geführt hat, ist mir unbegreiflich. Hiermit distanziere ich mich von allen Verbindungen zu dieser deutschen Ausgabe. Ich bin schockiert und abgestoßen von dem skrupellosen Verhalten meines deutschen Verlegers, der meine Worte ohne meine Erlaubnis verändert hat. Es ist bizarr und unmoralisch, meine Worte und mein Werk für ideologische Zwecke in der deutschen Politik auszunutzen und zu verzerren. 

 

Wie ist es denn überhaupt zur Zusammenarbeit mit dem Antaios-Verlag gekommen?


Keiner der führenden deutschen Verlage wollte mein Buch veröffentlichen. Genau da zeigt sich das Problem der politischen Korrektheit in Deutschland. Es ärgert mich, dass Menschen, selbst in Deutschland, Angst haben, abweichende Ideen von Feminismus zuzulassen und zu veröffentlichen. Ich bin eine liberale Demokratin, ich gebe meine Stimme den Grünen. Wenn die Ansichten einer Linken von anderen Linken unterdrückt werden, weil sie nicht konform sind, läuft etwas falsch. 

 

Waren Sie sich der politischen Einstellung des Verlages bewusst?


Nein, das habe ich erst erfahren, als das Buch bereits in Produktion war. Mein Literaturagent hatte Kontakte mit den Redakteuren, wir hatten nicht mit den Herausgebern zu tun. Die Redakteure waren kultiviert und wohlvertraut mit meinen Ideen – das war die Ebene der Diskussion. Zu keinem Zeitpunkt kam ein politisches Interesse zur Sprache. 

 

Beunruhigt es Sie, dass der neu entstehende rechte Feminismus Ihre Arbeit für seine Ziele benutzt?

Ich bin nicht verantwortlich für die politischen Ansichten von Menschen, die meine Arbeit lesen oder bewundern. Ich bin eine Intellektuelle, meine Ideen sollen Diskussionen anregen. Ich möchte die Politisierung dieser Ideen aufheben. 

 

Gibt es Ihrer Ansicht nach noch eindeutig linke und rechte Ideen?


Die heutige Besessenheit in vielen Ländern des Westens mit einer Dichotomie von links gegen rechts beeinträchtigt das Verständnis des Lebens selbst. Es ist überholt und es schafft mehr Probleme, als es löst, wenn man die Welt wie ein Schachbrett sieht und jede Idee oder Tatsache in ein starres System presst. Die Menschen machen sich mit diesen starren ideologischen Kategorien zu Gefangenen. Sie haben eine Albtraumvision der Welt geschaffen. Sich selbst sehen sie auf der tugendhaften Seite. Jeder, der auf der anderen Seite steht, befindet sich demnach auf der Seite des Lasters. Gut gegen Böse: Das ist eine Abstraktion von Kultur. 

 

Die neue Rechte hat Anfang des Jahres die „120 Dezibel“-Kampagne ins Leben gerufen, einen „Aufschrei gegen importierte Gewalt gegen Frauen“. Im Klartext ist es ein Manifest gegen Einwanderung, das eine drohende Islamisierung beschwört. Die Unterzeichnerinnen – und viele andere Vertreterinnen der neuen Rechten – verehren Sie. Stört Sie das nicht? 

 

In meiner Arbeit habe ich stets Respekt vor dem Islam gezeigt und ihn nie diffamiert, im Gegenteil: Seit über 25 Jahren fordere ich, dass die Bildung drastisch revolutioniert und reformiert wird und vergleichende Religion in den Mittelpunkt gestellt wird. Ich habe mich dafür ausgesprochen, dass das Studium der großen Weltreligionen – Christentum, Hinduismus, Buddhismus und Islam – auf den Lehrplänen der Welt stehen muss, damit die Welt verstanden wird. 

 

Müssten Sie diese Initiative nicht schon allein aus Ihrer eigenen feministischen Logik ablehnen? Sie kritisieren die „Infantilisierung“ von Frauen, etwa durch Gleich- stellungsbeauftragte oder Institutionen, die Frauen schützen sollen. Warum? 

 

Es wird sich nichts ändern, bis Frauen sich selbst stark genug fühlen, um ihre Wünsche zu kommunizieren und ihre eigenen Kämpfe auszutragen. Frauen müssen kommunizieren, was sie tolerieren oder begrüßen. Sie sind eigenständige Wesen. Frauen erwarten, dass es in jedem Unternehmen 

 

„Wenn die Linke sich solchen Themen nicht ehrlich stellt, wird die Rechte stärker.“ 

ein Büro gibt, wo man sich nach einem Vorfall beschweren kann. Aber ich lehne es ab, dass überall Autoritätsfiguren eingesetzt werden, die wie elterliche Stellvertreter agieren und anstelle der Frauen intervenieren sollen. 

 

Wie erklärt sich Ihrer Meinung nach die Entstehung eines rechten Feminismus? 

Wenn nur die Rechte den Problemen der Menschen eine Stimme gibt, dann ist die Unterdrückung der Meinungsfreiheit und des freien Denkens der Linken mitschuldig an einer politischen Bewegung nach rechts. Das gilt für viele Themen, nicht nur für den Feminismus. Eine Gegenstimme zum dominierenden Kanon ist längst überfällig.

 

Verstehen wir Sie richtig: Frauen finden links kein Gehör und wenden sich deshalb den Rechten zu?

In der westlichen Welt werden junge Frauen ermutigt, von der Schule auf die Universität zu wechseln und dann direkt ins Berufsleben einzusteigen. Es ist eine neue Entwicklung der menschlichen Geschichte, dass die Ehe und das Kinderkriegen auf die späteren Jahre verschoben wird. Heute dreht sich alles um die Karriere der Frau. Ich finde es legitim zu fragen, ob man Frauen auf die gleiche Bahn wie Männer zwingen sollte. Frauen tragen die Last einer Schwangerschaft, so habe ich es damals bereits in meinem Buch „Sexual Personae“ verhandelt. Der große Faschismus liegt nicht in der Gesellschaft, sondern in der Natur. 

 

Eine Formulierung wie „Faschismus der Schwangerschaft“ werden die Rechten nicht so gern hören.


Aber sie stimmt. Berufstätige Frauen sind unglücklich, das sollte die Menschen ins Nachdenken über das Ziel des Lebens bringen. Wir müssen nach der Rolle der Frau in der Welt fragen, herausfinden, was sie am glücklichsten macht. Man muss Frauen die Wahl lassen. Genau diese Fragen müssen von den Linken diskutiert werden, und zwar so, dass es dem Individualismus des modernen Menschen entspricht. Wenn die Linke sich solchen Themen nicht ehrlich stellt, wird die Rechte stärker. 

 

Camille Paglia hat inzwischen mit den Anwälten ihrer New Yorker Literaturagentur Janklow & Nesbit den Antaios-Verlag aufgefordert, jede weitere Veröffentlichung ihres Buches zu unterlassen und unverzüglich alle vorhanden Exemplare zu vernichten. Der Antaios-Verlag hat auf Fragen der SZ zu den Vorwürfen und Forderungen Camille Paglias nicht reagiert. 

 

Camille Paglias neue Essaysammlung „Provocations“ wird im Oktober in den USA im Pantheon-Verlag erscheinen. 

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