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Richtig kontrolliert?

Das Bio-Kontrollsystem hat seine Schwächen. Vor allem bei Importen. Hier stehen sie...

Eigentlich war der Fall klar: Auf einem nicht bio-zertifizierten rumänischen Hof werden drei Laster mit angeblichem Bio-Getreide für einen großen deutschen Futtermittelhersteller gefüllt. Der Bioland-Bauer und Getreidehändler Klaus Engemann wird Augenzeuge des Vorgangs, stellt fest, dass der Erzeuger kein Bio-Zertifikat hat und speist die Information über seine Kontrollstelle GfRS wie vorgeschrieben in das Öko-Kontrollsystem ein. BioHandel wollte wissen, was daraufhin passierte. Das detaillierte Ergebnis der Recherche ist auf biohandel-online.de/bio-betrug nachzulesen. Hier das Fazit: Zwar haben die Kontrollstellen und -behörden formal korrekt reagiert. Gute fachliche Praxis der Öko-Kontrolle wäre es jedoch gewesen, wenn die verdächtige Lieferung gesperrt, analysiert und per Cross-Check bis aufs Feld zurückverfolgt worden wäre. Doch die offensichtlich konventionelle rumänische Gerste-Lieferung wurde aller Wahrscheinlichkeit nach an Bio-Tiere verfüttert. Der dahinter stehende und in flagranti erwischte rumänische Händler Adrian Radu meldet seine Firma Angelslofts SRL aus dem Kontrollsystem ab. Seine weiteren Bio-Aktivitäten aus den Jahren 2011 und früher wurden nie untersucht.


Bereits im November 2011 ist Adrian Radu mit neuer Firma, neuer Kontrollstelle und sehr günstigen Angeboten wieder auf dem Markt. Klaus Engemann und seine Kontrollstelle GfRS warnen alle Beteiligten. Doch im Juli 2012 fliegt Radu ein zweites Mal auf: Ein Rückstandsfund führt zu einem gefälschten Zertifikat. Im Oktober 2012 wird Radus neuer Firma Organic Welt von der rumänischen Kontrollbehörde die Bio-Zertifizierung entzogen.

BioHandel wollte wissen, was daraufhin geschah. Das frustrierende Resultat der Recherche: Weder die rumänischen Behörden noch Austria Bio Garantie als Kontrollstelle von Organic Welt informierten die Beteiligten. Erst Anfang März 2013 erhält die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) die Nachricht vom Entzug des Zertifikats. Die deutschen Kontrollbehörden geben sich nach unseren Recherchen damit zufrieden, dass offiziell nur zwei von Organic Welt gelieferte Partien beanstandet und aus dem Verkehr gezogen wurden. Die restlichen Bio-Geschäfte von Organic Welt wurden nicht aufgearbeitet – zumindest wurde nichts veröffentlicht.

Nicht nur Adrian Radu hat seine Erzeugnisse erstaunlich günstig angeboten. Die Bio-Müller Bernd Nagel-Held und Thorsten Eiling berichten von zahlreichen billigen Angeboten aus Rumänien oder der Ukraine. „Das kaufen die großen Industriemühlen und wir sind nicht wettbewerbsfähig“, erklärt Thorsten Eiling. „Da sagt mir mein Bäcker, Du bist fünf Cent teurer und ich muss das mühsam begründen.“ Zudem hätte dieses anonyme Importgetreide oft bessere Werte und Backeigenschaften als deutsches Getreide. „Das macht den Biomarkt kaputt.“


„Ware ohne Herkunftsnachweis – da haben wir kein Vertrauen zu“

Es gibt anscheinend genug Verarbeiter, denen es genügt, wenn die Zertifikate des Zwischenhändlers in Ordnung sind und eine Analyse bestätigt, dass die Ware schadstofffrei ist. Von welchen Betrieben das Getreide stammt, interessiert sie nicht. Die Papierform genügt. „Ware ohne Herkunftsnachweis, da haben wir kein Vertrauen zu. Bio muss transparent sein und Vertrauen schaffen“, sagt Thorsten Eiling. Größtmögliche Sicherheit gibt es für ihn nur dort, wo sich das Getreide lückenlos bis auf den Acker zurückverfolgen lässt. Am besten ist es, wenn der Käufer Acker und Erzeuger selbst kennt. Das ist machbar, kostet aber Geld. Bio-Müller Nagel-Held berichtet von einer namhaften deutschen Großbäckerei, die ihre Versorgung mit Bio-Backweizen neu ausgeschrieben hatte. Er bot an, das Getreide über eine bis zum Acker komplett nachvollziehbare Lieferkette zu besorgen und zu verarbeiten. „Ich bekam eine Absage, weil ich zu teuer war. Es hieß, die anderen könnten alle deutsche Ware bieten mit besseren Werten und zu niedrigeren Preisen.“ Der Bio-Müller ist sich sicher, dass hier einige Mühlen und Händler Importgetreide als deutsche Ware ausgeben und nennt das „deutsches Getreide mit Migrations­hintergrund“.

Noch haben Nagel-Helds Eickernmühle, die Eiling-Mühle und andere engagierte Verarbeiter genug Kunden. Viele von ihnen stammen aus dem Bio-Fachhandel oder sind konventionelle Markenhersteller mit langem Bio-Engagement. Transparenz ist ihnen wichtig, doch sie ächzen unter den Preisen, die manche Mitbewerber bieten können. Auch der Schweizer Lukas Kelterborn kennt das. Seit drei Jahren vermittelt er Getreide und Ölsaaten rumänischer Erzeuger an Bio-Suisse-Verarbeiter. Die Hälfte des Jahres verbringt er in Rumänien, hält engsten Kontakt zu den Erzeugern, bespricht mit ihnen die Anbau- und Ernteplanung und organisiert die Transporte. Das kostet Geld, doch den Abnehmern ist es das wert, sagt der Vermittler. „Meine Kunden sind froh, weil sie wissen, von welcher Farm das kommt.“ Auch Lukas Kelterborn kennt Kontrollstellen und Firmen, bei denen ihm manches seltsam vorkommt. Doch ihm ist eine andere Botschaft wichtig: „Es gibt ganz viele seriöse Biobetriebe und man sollte darauf hinweisen, was für eine Chance der Biolandbau für Rumänien darstellt.“ Auch im Interesse dieser Betriebe wäre es wichtig, dass das Kontrollsystem funktioniert.

Kontrollschwächen: Anderswo und hier

In den meisten EU-Staaten und Drittländern gibt es private Kontrollstellen, die die Betriebe kontrollieren und zertifizieren. Die staatlichen Kontrollbehörden überwachen die Arbeit der Kontrollstellen und sind beteiligt, wenn ein Betrieb dezertifiziert wird. Die Qualität des Kontrollsystems hängt wesentlich vom Engagement, dem Know-how und der personellen Ausstattung von Kontrollstellen und Behörden ab. Dass es da Unterschiede gibt, ist seit langem bekannt. 2012 kam ein Gutachten des europäischen Rechnungshofes zu dem Ergebnis, dass Behörden einiger Staaten ihre Aufsicht über die Kontrollstellen nicht ausreichend wahrnähmen. Der Informationsaustausch zwischen den Mitgliedstaaten sei unzureichend und die Behörden hätten Schwierigkeiten Bio-Erzeugnisse auf den Acker rückzuverfolgen, sowohl innerhalb eines Landes als auch bei grenzüberschreitenden Erzeugnissen. Die EU-Kommission und die Mitgliedstaaten erließen daraufhin detailliertere Vorschriften zur Kontrolle, die ab 1. Januar 2014 angewendet werden sollen (Verordnung EU 392/2013). Ob das hilft, ist fraglich. Denn detaillierte Regeln fördern auch das bürokratische Abhaken von Checklisten (siehe Interview auf Seite 14).

Bereits jetzt gibt es klare Vorgaben, die mangelhaft umgesetzt werden. Bisher hat die EU-Kommission nur in wenigen Mitgliedstaaten das Funktionieren des Öko-Kontrollsystems überprüft. Sie hat auch keine schnell wirksamen Möglichkeiten, die Mitgliedstaaten zu einer verordnungskonformen Umsetzung zu zwingen. Zudem ist die zuständige Abteilung in Brüssel chronisch unterbesetzt. Ihre Aufgabe wäre es auch, die Kontrollstellen in Drittländern wie der Ukraine, die Bio-Importe in die EU absegnen, zu überprüfen. In der Praxis findet das nicht statt.

Die EU-Kommission und manche Bundesländer würden die Öko-Kontrolle gerne den für die Lebensmittelkontrolle zuständigen Behörden übertragen. Öko-Kontrollstellenleiter Jochen Neuendorff hält davon nichts und verweist auf die Geflügel-Betrugsfälle mit überbelegten Ställen in Niedersachsen. „Der größte Teil der betroffenen Haltungen war konventionell, die rein behördliche Kontrolle hat da offenbar versagt. Besser wäre es bei der Bio-Geflügelhaltung bis auf weiteres auf das Tierwohl zu fokussieren und Kombi-Kontrollen durch Öko-Kontrollstellen und behördlichen Tierschutz durchzuführen. Aber dafür scheint die behördliche Personaldecke nicht zu reichen“ (siehe Interview Seite 14). Das macht auch ein Vergleich deutlich: Bundesweit arbeiten 2.400 Lebensmittelkontrolleure. Ihnen stehen 500 zugelassene Bio-Kontrolleure gegenüber, die den Drei-Prozent-Marktanteil der Bio-Branche kontrollieren.


Kontrollstellen: Es gibt viele gute, aber ...

Ein weiterer Punkt: Der Artikel 91 der EU-Verordnung 889/2008 schreibt auch vor, dass ein Unternehmen und seine Kontrollstelle unverzüglich die Behörden informieren müssen, wenn sie vermuten, dass ein importiertes oder eingekauftes Erzeugnis nicht der EU-Öko-Verordnung entspricht. Zum Beispiel: Ein deutscher Händler oder Verarbeiter kauft bei seinem chinesischen Partner Sonnenblumenkerne ein. Die Analyse zeigt eine Pestizidbelastung deutlich über dem Orientierungswert des BNN. In einem solchen Fall ist von einer illegalen Anwendung auszugehen. Der Händler müsste seine Kontrollstelle und diese die Kontrollbehörde und alle anderen Beteiligten informieren. Für die Kontrollstelle bedeutet das zusätzliche Arbeit, Ärger und Kosten, die sie entweder ihrem Kunden in Rechnung stellen oder abschreiben muss.

Solche Rückstandsfunde bei der internen Qualitätssicherung sind Alltag. Doch bei der BLE gehen im Jahr nur rund 160 Meldungen ein. „Einige Kontrollstellen sind da fleißiger als andere“ heißt es dazu bei der BLE. Anders gesagt: Es gibt deutsche Kontrollstellen mit Kunden, die große Mengen an Erzeugnissen importieren und kaum einen Belastungsfall melden. Stattdessen wird die beprobte Lieferung zurückgewiesen, der Lieferant womöglich nach mehreren Vorkommnissen ausgelistet und der Rest ist Schweigen. Niemand geht dem Verdacht der illegalen Anwendung nach. Die verdächtige Ware wird anderen Kunden angeboten und bleibt auf dem Markt. Die deutschen Unternehmen und ihre Kontrollstellen, die auffällig selten etwas melden, werden keiner Sonderüberprüfung unterzogen.


Kleiner Einschub: Das Obst- und Gemüsemonitoring des BNN ist das bisher einzige System im gesamten deutschen Lebensmittelhandel, bei dem die beteiligten Großhändler ihre Analysen koordinieren und alle Analysedaten mit Klarnamen der Lieferanten in eine Datenbank einstellen (siehe BioHandel 7/13). Eine vergleichbare Datenbank etwa bei der Fachgruppe Bio der Hamburger Getreidebörse würde betrügerische Getreideimporte deutlich erschweren.

Eine weitere Verbesserung schlägt Bio-Müller Bernhard Nagel-Held vor: Kontrollstellen und -behörden sollten stichprobenartig bei Importgetreide die Rückverfolgbarkeit kontrollieren. „Das würde das Ri siko für die Hehler, die solches Billiggetreide abnehmen ohne genau nachzusehen, unkontrollierbar machen.“ Sehr aufwendig und schwierig sei das, heißt es dazu auf Nachfrage in der BLE. Denn bei längeren Lieferketten würden oft in Silos Chargen mehrerer Lieferanten vermischt und Lotnummern geändert. Zudem müssten sich die deutschen Länderbehörden auf so ein Vorgehen einigen und dann die BLE damit beauftragen. Von sich aus dürfe die bundesweite Ökokontrollbehörde nicht aktiv werden, dafür fehle ihr die Kompetenz. Fazit: Auch unser föderalistisches Kontrollsystem macht es Betrügern einfacher.


Der Original-Beitrag erschien mit weiteren Informationen, einem Interview und einem Kommentar im Heft 10/13 der Fachzeitschrift BioHandel.