Leo Allmann

Büchermensch und Online-Essayist, München / Augsburg

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Kolumne

Auf ein Wort: Unmündigkeit

Immanuel Kant betont in seiner "Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?" die "selbstverschuldete Unmündigkeit". Diese führt er auf eine Bequemlichkeit zurück, die seinerzeit bei weitem noch nicht so verführerisch und vielschichtig sein konnte wie heutzutage.

Im Zeitalter der modernen Massenmedien leben wir nahezu permanent vom fremden Mund ins Ohr. Nie hat der Mensch mit einer solchen Selbstverständlichkeit sich bevormunden lassen und der entsprechenden Hörigkeit sich ergeben. Nie ist er in einem so hohen Maße Massenmensch gewesen, sein dürftiges Ich durch ein gänzlich wesensfremdes Man vertreten worden. Die "schöne neue Welt" der vollkommen, sprich: vollkommen selbstlos, Glücklichen erscheint im 21. Jahrhundert noch gefestigter, als Aldous Huxley sie im zwanzigsten prophezeit hat. Doch immer noch genug spricht dafür, dass diese neue Selbstlosigkeit ebenso wie die alte Unmündigkeit eine selbstverschuldete ist, eine Wesensentfremdung, die wir zu verantworten haben; denn wir können schlechterdings auch anders.

Wir können anders als bloß zu konsumieren, uns von allem bloß berieseln und derart überfluten zu lassen, ganz gleich, ob es sich dabei um Nahrungs- und Genussmittel, Berufs- und Freizeitoptionen oder Gesprächs- und Lesestoff handelt. In jedem Fall sind wir vor allem die Gefragten, nicht die mundtot Gemachten. Im Ernst erhebt sich mit jedem dieser Angebote die Nachfrage: Ist "es" auch etwas für MICH, oder ist "man" nur etwas für ES? Anders gefragt: Will ich jedes Mal mündiger oder höriger werden?

Das gilt, wie gesagt, auch für den Bildungskonsum. Es ist nicht damit getan, "anspruchsvollere" Seh-, Hör- und Lesegewohnheiten so anzunehmen, dass man bloß von einer anderen Warte aus Ungewohntes verachtet wie gehabt. Dadurch "erhöht" sich nicht die Mündigkeit, sondern die Unmündigkeit. Wir laufen jederzeit Gefahr, beides zugleich zu steigern und dadurch das Projekt der Aufklärung immer hochmütiger zu vereiteln.

Der Königsweg zur eigenen Mündigkeit ist daher gesäumt von Vorschusslorbeeren für die unmündiger erscheinenden Anderen. Die Ungehörigkeit, so zu tun, als wäre allenthalben das Gespräch von Mund und Ohr zu Mund und Ohr bereits voll in Gang zu bringen, gehört in den Kanon der edelsten Tugenden aufgenommen.

QUELLEN
Huxley (1932/1953): Schöne neue Welt
Kant (1784): Beantwortung der Frage "Was ist Aufklärung?"
Legros (1997/2010): Was die Wörter erzählen