Lena Puttfarcken

Freie Wissenschaftsjournalistin, Karlsruhe

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Artikel

Die Verantwortung des Lokaljournalismus

Die Corona-Pandemie ist eine globale Krise, aber die Auswirkungen sind sehr lokal: Wie viele Personen darf man aktuell wo treffen? Was geht nach einem negativen Test und was nicht? Das ist von Ort zu Ort unterschiedlich, und Informationen darüber finden sich am schnellsten bei den Lokalzeitungen.

Lokaljournalist*innen berichten seit über einem Jahr täglich die Fallzahlen und Maßnahmen. Sie übersetzen Beschlüsse der Bundes- und Landesregierungen fürs Regionale, und erzählen Einzelschicksale, die vor Ort passieren.

Mit diesem Alleinstellungsmerkmal wirbt auch der Branchenverband der Zeitungen. „Die Pandemie ist die Sternstunde des Lokaljournalismus", sagt Alexander von Schmettow vom Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger. „Lokalzeitungen können hier wirklich punkten und tun das auch."

Nur: Bei wem punkten sie?

Wie bildet man eine Debatte ab? 

Für diesen Text habe ich mit Vertreter*innen der „Sächsischen Zeitung" gesprochen, des „Mindener Tageblatts" und der „Kieler Nachrichten".

Was sie eint: dass die Artikel über Corona seit Beginn der Krise stark nachgefragt werden, bis heute. Das sehen sie in den Klickzahlen und auch teilweise in steigenden Abos. Die „Sächsische Zeitung" analysiert zudem jede Printausgabe, auch dort sind es die Corona-Texte, die besonders viel gelesen werden. Gleichzeitig sagten alle Vertreter*innen, dass sie die ganze Debatte abbilden wollten, Kritik an Maßnahmen genauso wie die Befürworter*innen strenger Regelungen. Die Lokalzeitungen als wichtiger Teil des demokratischen Diskurses vor Ort und Raum für Diskussionen.

Was sie trennt: wie sie diese Debatte abbilden.

Stefanie Gollasch ist seit Februar 2021 Chefredakteurin der „Kieler Nachrichten" (KN). „Wir verstehen uns als die verlässliche Nachrichtenquelle vor Ort, wo alle, die es möchten, erfahren können, wie es um ihre Heimatregionen steht", sagt sie. „Unter anderem liegt die Modellregion Eckernförde in unserem Verbreitungsgebiet. Da schauen wir sehr sorgfältig darauf, wie sich das Infektionsgeschehen dort entwickelt."

Viele der Berichte sind nüchtern, beschreiben und diskutieren Öffnungsschritte im Niedriginzidenzland Schleswig-Holstein.

Zuletzt gab es allerdings auch Kritik an der Berichterstattung der KN: Am 10. April erschien ein Artikel mit der Überschrift „Entscheidend sind die Symptome", online ist er mit „Mediziner aus Altenholz haben große Zweifel an PCR-Tests" überschrieben. Darin beschreiben zwei Ärzte die Corona-Lage in ihrer Gemeinschaftspraxis, die sie in der Nähe von Kiel betreiben. „Wir haben keinen einzigen Patienten mit einer Covid-19-Infektion verloren", sagt einer der beiden. Sie äußern auch Kritik an den PCR-Tests, die etwa das Bundesgesundheitsministerium als „Goldstandard" bezeichnet. Allgemein gelten PCR-Tests als sicherste Möglichkeit, das Coronavirus nachzuweisen.

Die beiden Ärzte haben eine andere Meinung zu den Tests:

Die PCR-Tests sehen beide kritisch: Der Nachweis sei zu sensitiv, zeige kleinste Bestandteile des getesteten Virus an und mache Menschen ohne jedes Krankheitssymptom zu Covid-19-Infizierten, die in Statistiken eingingen, welche Ängste schürten. „Unser ärztlicher Auftrag ist es, symptomorientiert mit vernünftigen Untersuchungen eine Erkrankung zu verifizieren oder zu falsifizieren."

Ärztliches Handeln folge klinischen Symptomen, nicht PCR-Tests. „Menschen, die asymptomatisch sind, können einander nur äußerst selten anstecken. Wenn Sie aber an einem Kind mit Windpocken, das voller Viren ist, vorbeigehen und tief einatmen, haben Sie ein großes Risiko, Windpocken zu bekommen."

Diese Behauptung bleibt im Text so stehen, es gibt keine fachliche Einordnung dazu. Dabei ist die Sache nicht so einfach. Denn es ist wichtig, zwei Arten von symptomlosen Personen zu unterscheiden:

die asymptomatischen Menschen, die zwar infiziert sind, aber zu keinem Zeitpunkt Symptome zeigen, und die präsymptomatischen Menschen, die nur zum Zeitpunkt des Tests keine Symptome zeigen, später aber schon.

Erstere, die asymptomatischen Personen, spielen laut RKI in der Ansteckung tatsächlich nur eine untergeordnete Rolle. Die zweite Gruppe aber eben nicht. Präsymptomatische Infizierte sind bereits einige Tage vorher ansteckend - bevor sie selbst Symptome entwickeln. Wartet man bis zu den Symptomen, haben die Infizierten vermutlich schon einige weitere Menschen angesteckt, im Büro oder zuhause in der Familie.

Weil niemand weiß, welche Infizierten später einmal Symptome entwickeln und welche nicht, ist es sinnvoll, so viele Infizierte wie möglich durch Tests zu finden und zu isolieren, bevor sie weitere Menschen anstecken können.

Corona-Beschränkungen nicht zu rechtfertigen?

Parallel erschien ein weiterer Artikel mit den beiden Ärzten. In dem geht es um die Belegung der Intensivbetten des Uniklinikums Schleswig-Holstein (UKSH) an den Standorten Kiel und Lübeck, von denen nur wenige von Corona-Patienten belegt seien. „Zwei Mediziner aus Altenholz warnen deshalb, mit einem drohenden intensivmedizinischen Kollapses Angst zu schüren", heißt es im Teaser auf der Website der „Kieler Nachrichten". Die Überschrift lautet: „Ärzte aus Altenholz: Beschränkungen sind 'schrecklich und durch nichts zu rechtfertigen'".

Darin sagen sie unter anderem: Das „Mantra des drohenden intensivmedizinischen Kollapses" sei nicht nachvollziehbar.

Hier könnte man differenzieren, dass die Lage vor Ort glücklicherweise kontrollierbar war, die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) gleichzeitig aber schon davor warnte, dass die Intensivstationen insgesamt eher überfüllt seien. Das passiert im Artikel selbst aber nicht. Nur in einem zusätzlichen Kasten wird auf die Zählung der DIVI hingewiesen, dass sich die „Zahl der Patienten mit Covid-19 auf Deutschlands Intensivstationen seit dem 10. März, dem Startpunkt der dritten Welle, von 2227 auf 4496 (9. April) verdoppelt" habe.

„Flut an Leserbriefen"

Nach den beiden Artikeln bekam Übermedien mehrere Hinweise von Leser*innen und auch die „Kieler Nachrichten" erhielten eine „Flut an Leserbriefen": Kieler Ärzt*innen äußerten sich darin sehr kritisch über die Artikel und die beiden Kollegen. Auch der Präsident der Ärztekammer Schleswig-Holstein kritisierte die beiden Ärzte scharf. Die Aussagen zu den Intensivstationen bezeichnete er als „unethisch und unhuman". Ein Hinweis auf die Kritik der Ärztekammer ist mittlerweile online in die Artikel über die beiden Ärzte eingebunden.

Andere Leserbriefschreiber*innen loben den „sachlichen Blick auf die Corona-Lage in unserem Bundesland" und fordern „bitte mehr davon" oder danken den beiden Ärzten „für ihren Artikel und die klaren Worte".

Mit den Ärzten aus Altenholz hatte die Redaktion im Zuge einer Recherche zu den Intensivstationen in Kiel Kontakt, darüber kam der Text zustande, wie sie die Auslastung der Intensivstationen des UKSH bewerten. „Wir bemühen uns, innerhalb eines gewissen Rahmens ein Spektrum an unterschiedlichen Meinungen abzubilden", sagt Chefredakteurin Gollasch.

Bhakdi im Interview

Sie erzählt auch, dass die „Kieler Nachrichten" vor ihrer Zeit als Chefredakteurin ein Gespräch mit Sucharit Bhakdi und seiner Frau Karina Reiß geführt haben. Gollasch sagt, sie hätte genauso entschieden, das Gespräch zu drucken. „Vor der Pandemie hatte Bhakdi eine hohe Reputation", sagt sie. „Deshalb kann man zumindest darstellen, dass es diese Meinung gibt und sie diskutieren."

Bhakdi ist Mikrobiologe und Epidemiologe, viele seiner Aussagen wurden in diversen Faktenchecks widerlegt (beispielsweise bei „Correctiv"). In dem Gespräch mit den „Kieler Nachrichten" im Sommer 2020 sagte er, dass eine Herdenimmunität bereits erreicht sei und er deshalb auch keinen Sinn für künftige Impfungen sehe.

Richtig ist: Eine Herdenimmunität wurde bisher nicht erreicht. Ob sie jemals erreicht wird, ist unklar.

Meinung ist nicht gleich Tatsache

Sucht man den Namen „Bhakdi" auf den Seiten des „Mindener Tageblatts", kommen: „keine Treffer".

Benjamin Piel, der Chefredakteur des „Mindener Tageblatts", sagt, er wolle schon ein Forum bieten für die Unzufriedenen. Aber: Sein Kriterium ist dabei, dass die Ansicht als Meinung formuliert wird, nicht als scheinbare Tatsache.

„Menschen wie Bhakdi einen Raum einzuräumen halte ich für falsch", sagt Piel. „Ich finde es problematisch, wenn man so tut, als habe Bhakdi denselben Stand in der Wissenschaft wie ein Christian Drosten." Auch er will unterschiedliche Ansichten in der Zeitung darstellen. Zu den Corona-Maßnahmen gebe es ganz verschiedene Positionen, über die sich streiten lässt. Meinungen sollten aber als Meinungen dargestellt werden, nicht als vermeintlich wissenschaftlich fundierte Aussage.

„Wir haben eine große Verantwortung in beide Richtungen", sagt Piel. „Wir möchten nicht verbergen, dass es Kritik an den Maßnahmen gibt. Aber genauso wenig würden wir Behauptungen verbreiten, für die es keine Belege gibt." Dieser Punkt ist Piel so wichtig, dass er nach dem Telefonat noch in einer Mail schreibt:

„Wenn wir anfingen, wilde und durch nichts belegte Theorien zu verbreiten, dann wäre die Wirkung vor Ort verheerend. Insofern haben wir immer und von Anfang an den Kurs gefahren: Lasst uns gerne über alle Maßnahmen diskutieren, aber lasst uns der Ansicht, die Pandemie gebe es in Wahrheit gar nicht, keinen Raum geben."

Er warnt außerdem davor, die Querdenker als eine Zielgruppe zu entdecken. Zwar gebe es einige Leser*innen, die Platz für diese Art von Themen einfordern und sogar ihre Abonnements kündigen, mit dem Vorwurf von Staatstreue. „Es wäre aber der falsche Weg, in dieser Sache nachzugeben", sagt Piel.

Meinung ist Meinung, Fakt ist Fakt

Eine Geschichte, in der PCR-Tests grundsätzlich angezweifelt werden, hätte Piel nicht gemacht. „Es gibt wissenschaftliche Positionen dazu, die man auch darstellen sollte", sagt er. „Man kann verschiedene Meinungen zu den PCR-Tests haben, sollte das aber auch als Meinung darstellen und nicht als Fakt." Er würde eher Artikel aufnehmen, die erklären, wie PCR-Tests funktionieren oder die eine bestimmte Kritik an den Tests mithilfe von Expert*innen fachlich einordnen.

Auch im Verbreitungsgebiet des „Mindener Tageblatts" gibt es Ärzte, die andere Auffassungen zu Corona haben als Expert*innen. Piel erzählt von einem pensionierten Arzt, der immer wieder Leserbriefe an die Zeitung schrieb und darin etwa PCR-Tests grundsätzlich infrage gestellt habe. In der Form wollte er das aber nicht drucken und hat lange gemeinsam mit dem Arzt nach einer Lösung gesucht, die Auffassungen in den Leserbriefen klar als Meinung darzustellen, nicht als Fakt.

Zudem gebe es in der Region einen Arzt, der sich immer wieder als Coronaleugner und Querdenker äußere. Die Redaktion überlegte lange, wie sie darüber berichten könnte. Schließlich entschieden sie sich für einen Bericht, in dem es allgemeiner um Ärzt*innen ging, deren persönliche Meinung mit der ärztlichen Sorgfaltspflicht nicht zusammenpasse. Wenn ein Arzt Maskengegner ist, gefährdet er letztendlich seine Patient*innen.

Nützt das, was wir berichten?

Dietrich Nixdorf, Leiter der Lokalredaktion Dresden bei der „Sächsischen Zeitung", arbeitet mit der Grundfrage: Nützt das, was wir berichten, den Menschen in unserer Region? Aber auch er will die Debatte in vielen Facetten abbilden. „Covid ist keine gerechte Krankheit", sagt er. „Nicht jede Entscheidung der Regierung ist für jeden logisch und gerecht." Deshalb gehe es oft auch um Einzelfälle und Einzelschicksale, über die berichtet werden könne.

Gleichzeitig betont er aber auch: „Wir möchten keine Umdrehung der Mehrheitsverhältnisse darstellen. Also nicht zwei Drittel der Seiten mit Querdenkern füllen, wenn sie gleichzeitig nur eine Minderheit in der Bevölkerung darstellen."

Nixdorf empfiehlt, nur Interviews mit Expert*innen zu führen, die Fakten beizusteuern haben und wirklich gut über ein Thema Bescheid wissen. Er warnt davor, mit scheinbaren Fachleuten zu sprechen, die abwegige Meinungen vertreten. Gerade in Interviews seien diese nur schwierig einzufangen. „Das macht die Einordnung für die Leserinnen und Leser sehr schwierig", sagt er. „Oft geht so etwas nicht gut aus."

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