Lena Puttfarcken

Freie Wissenschaftsjournalistin, Karlsruhe

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Artikel

Klimakommunikation - Besser über Klima sprechen

Warum sollte man mit Freunden und Familie überhaupt über die Klimakrise sprechen?

Wenn man seinen engen Freundeskreis verlässt und mit alten Schulfreunden oder der Familie über die Klimakrise spricht, geht das nicht immer gut. Entweder man stößt auf Gleichgültigkeit oder das Gespräch endet in einem Streit. Es ist nicht allzu gut erforscht, wie häufig Menschen sich überhaupt über den Klimawandel unterhalten. In den USA sprechen einer Studie zufolge zwei Drittel selten oder nie mit Familie oder Freunden darüber. Allerdings sind die Menschen in Deutschland einer Studie von 2017 zufolge besorgter über den Klimawandel als in den USA – direkt übertragbar sind diese Ergebnisse also nicht.

Dass sich gar nicht so viele Gespräche darum drehen, könnte daran liegen, dass viele falsch einschätzen, wie ihre Mitmenschen zu dem Thema stehen. Und: Viele überschätzen, wie wenige Menschen in einer Gesellschaft den Klimawandel leugnen. In einer Studie waren die Teilnehmenden weniger bereit, den Klimawandel anzusprechen, wenn sie das Gefühl hatten, die meisten im Raum hätten eine andere Meinung als sie. Selbst wenn das gar nicht zutraf.

Dieser Effekt heißt in der Psychologie „pluralistische Ignoranz“. Hier entsteht ein Teufelskreis: Weil wir so wenig mit anderen über den Klimawandel sprechen, schätzen wir die Meinung der anderen falsch ein. Und weil wir sie falsch einschätzen, trauen wir uns erst gar nicht, das Thema überhaupt anzusprechen. Diesen Effekt gibt es sogar in der Klimawissenschaft: Auch hier unterschätzen Forscher und Forscherinnen, wie besorgt ihre Kollegen über den Klimawandel sind. Auf einer gesellschaftlichen Ebene betrachtet ergibt sich daraus die sogenannte Schweigespirale, die die Kommunikationswissenschaftlerin Elisabeth Noelle-Neumann schon in den 1970er-Jahren beschrieb. Dieser Theorie zufolge haben Menschen Hemmungen, ihre Meinung zu äußern, wenn sie das Gefühl haben, dass die Mehrheit anders denkt.

Deshalb wäre es sinnvoll, das Schweigen zu brechen

Die leichteste Lösung, diesen Teufelskreis zu beenden, ist, das Thema einfach anzusprechen. Hinzu kommt: Menschen finden Informationen, die von engen Bekannten oder Familienmitgliedern kommen, erscheinen uns besonders glaubwürdig, zumindest in Bezug auf den Klimawandel. Eine Studie aus dem Jahr 2019 hat Gespräche über den Klimawandel im persönlichen Umfeld untersucht und herausgefunden: Häufigeres Sprechen über das Thema hat dazu geführt, dass sich die Menschen mehr über den Klimawandel informiert haben und überzeugter von der wissenschaftlichen Faktenlage waren. Auch in einer anderen Studie hat sich gezeigt, dass Gespräche untereinander ein wichtiger Faktor für die persönliche Wahrnehmung des Klimawandels sind. Wenn in meinem Freundeskreis zum Beispiel die Auffassung herrscht, der Klimawandel sei ein Problem, dann bin ich mir auch selbst stärker bewusst darüber.

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Warum reagieren Menschen gleichgültig, wenn man sie auf den Klimawandel anspricht?

Ein Gespräch über den Klimawandel zu beginnen, ist ja allerdings nur der erste Schritt. Häufig reagieren Menschen abweisend oder zumindest gleichgültig, wenn sie auf das Thema angesprochen werden. Eine Erklärung dafür ist, dass es sich oft nicht so anfühlt, als würde das Thema sie wirklich betreffen. „In der Diskussion wirkt der Klimawandel oft weit weg, sowohl zeitlich als auch räumlich“, erklärt Prof. Monika Taddicken, die an der Technischen Universität Braunschweig zu Wissenschaftskommunikation forscht. „Am schwierigsten ist aber diese lebensweltliche Ferne. Als Laie weiß ich gar nicht: Warum betrifft mich das? Was heißt das für mein Zuhause, meine Region? Was bedeutet es für mich konkret, wenn der Meeresspiegel steigt und es wärmer wird?“

In ihrer Forschung hat Taddicken immer wieder beobachtet, dass Menschen gar nicht so genau über den Klimawandel Bescheid wissen. Zwar verbinden viele mit dem Thema zum Beispiel Naturkatastrophen, die Erderwärmung und schmelzende Gletscher. Aber welche Phänomene genau zum Klimawandel zählen, war den Studienteilnehmenden nicht immer klar. „Ich glaube schon, dass die Leute ein Informationsbedürfnis haben und mehr über die genauen Zusammenhänge wissen wollen“, sagt Kommunikationswissenschaftlerin Taddicken. „Aber diesem Bedürfnis gehen sie nicht mehr aktiv nach, dafür ist das Thema zu vertraut. Wer hat nicht schon mal was über den Klimawandel gehört? Aber was das genau bedeutet, wissen viele gar nicht.“

Verschiedene Generationen sehen die Diskussion ganz unterschiedlich

Auch das Gefühl von Machtlosigkeit spielt eine wichtige Rolle. In Studien hat sich gezeigt, dass viele Menschen davon ausgehen, dass sie selbst nichts am Klimawandel ändern können – und Politik und Wirtschaft auch nicht unbedingt ausreichend handeln würden. Wer sich so fühlt, hat natürlich wenig Lust, das Thema ohne Ziel immer wieder zu besprechen. Hier sieht Taddicken unter anderem ein Generationenproblem. Denn ältere Menschen hätten einen ganz anderen Blick auf die Klimadiskussion als junge. „Für einige Leute ist das Thema sehr frustrierend. Sie haben den Eindruck, das alles schon einmal gesehen zu haben. Zum Beispiel hatten viele große Hoffnungen auf die Kopenhagener Klimakonferenz 2009, aber danach ist einfach gar nichts passiert.“

Die jungen Aktivisten und Aktivistinnen von Fridays for Future hätten dagegen einen ganz anderen Blick auf das Thema, sagt Taddicken. „Sie schleppen nicht diese Eindrücke mit sich herum – stattdessen haben sie einfach ein großes Fragezeichen im Gesicht. Sie fragen sich, warum nichts passiert.“ Ein Austausch zwischen den Generationen und vor allem Verständnis für beide Seiten könnte helfen, besser über den Klimawandel zu sprechen.

In diesem Artikel erklären wir dir mehr über Eigenschaften verschiedener Generationen.

Die gute Nachricht ist: Wie viel jemand über den Klimawandel weiß und wie sehr er sich selbst als betroffen einschätzt, hängt positiv zusammen – und zwar vermutlich in beide Richtungen. Das heißt auf der einen Seite, dass Menschen, die sich stärker vom Klimawandel betroffen fühlen, sich auch mehr darüber informieren. Aber wer mehr über den Klimawandel lernt, befürchtet danach auch einen stärkeren Einfluss auf sein eigenes Leben. Schon mehr darüber zu sprechen, kann also helfen zu zeigen: Doch, der Klimawandel betrifft uns alle.

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Warum enden Gespräche übers Klima oft im Streit?

Ist das Thema Klimawandel einmal angesprochen und das erste Desinteresse des Gesprächspartners überwunden, steht häufig schon die nächste Hürde an. Zumindest manche Menschen scheint das Thema sehr wütend zu machen, sie geraten in eine Verteidigungshaltung und argumentieren so emotional, dass man sich kaum noch dagegen wehren kann. Noch weniger ist eine konstruktive Diskussion möglich. Aber woran liegt das?

Der Klimawandel ist nicht das einzige wissenschaftliche Thema, das zu hitzigen Diskussionen führen kann. Auch Gespräche über Gesundheitsthemen, zum Beispiel Impfen oder Covid-19, lösen manchmal wütende Gegenreden aus. Der Jurist und Sozialwissenschaftler Dan Kahan erforscht das Phänomen, dass bestimmte wissenschaftliche Themen wie der Klimawandel zwar faktisch gut belegbar sind, aber die Gesellschaft trotzdem stark polarisieren. Kahan erklärt das unter anderem mit der Theorie der kulturellen Erkenntnis („cultural cognition“), die besagt, dass Menschen Risiken und damit zusammenhängende Fakten so bewerten, dass sie zu ihren Wertevorstellungen passen. Das heißt, bei einer Diskussion über den Klimawandel ist sich jeder sicher, dass er oder sie die Risiken richtig einschätzt. Wenn die Ansichten nicht zusammenpassen, kann es schnell zu einem Streit kommen.

Wir verteidigen unsere Weltsicht unterbewusst

Dieser Effekt kann so weit gehen, dass zwei Menschen nicht einmal dieselben Quellen für vertrauenswürdig halten. Laut Kahan orientiert man sich eher an wissenschaftlichen Experten und Expertinnen, die eher eine Position vertreten, die dem eigenen Weltbild entspricht. Das kann natürlich ebenfalls ein Streitpunkt sein: Ist meine Klimawissenschaftlerin kompetenter als dein Forscher?

Auch der Bestätigungsfehler („confirmation bias“) spielt bei der Erklärung eine Rolle. Wir glauben eher Informationen, die in unser Weltbild passen. Denn es ist kognitiv anstrengender, Informationen in unser Überzeugungssystem einzubauen, die alle anderen Überzeugungen bedrohen. Besonders stark wirkt der Bestätigungsfehler, wenn es um die eigenen Werte geht. Und Diskussionen um den Klimawandel drehen sich oft darum: Sind Flugreisen noch in Ordnung, was ist mit Fleischverzehr? Wie sieht mein Gegenüber den Kohleausstieg und andere politische Maßnahmen, die Teile der Wirtschaft bedrohen könnten? Im Zweifelsfall sind beide Diskussionspartner so festgelegt in ihren Ansichten, dass sich keiner vom anderen überzeugen lässt.

Warum es schwierig ist, Menschen bloß anhand von Fakten zu überzeugen, erklären wir hier.

Artikel Abschnitt: Wie kann ich konstruktiver das Thema Klimakrise ansprechen?

Wie kann ich konstruktiver das Thema Klimakrise ansprechen?

Zuerst einmal: Viel Verständnis für den Gesprächspartner mitbringen. Je nachdem, wie er aufgewachsen ist und das Thema Klimawandel wahrgenommen hat, ist es vielleicht gut nachvollziehbar, wenn er abwehrend reagiert. „Die älteren Generationen haben vielleicht noch das Spiegel-Titelbild von 1986 im Kopf, mit dem Kölner Dom unter Wasser“, sagt die Kommunikationswissenschaftlerin Monika Taddicken. „Oder denken beim Klimawandel an Katastrophenfilme wie ‚The Day After Tomorrow‘. Diese Dramatisierung hat diese Menschen stark geprägt.“ Und wer ausschließlich Weltuntergangsszenarien vor dem inneren Auge hat, wenn er an den Klimawandel denkt, hat vermutlich einfach nicht so viel Lust, darüber zu sprechen.

Ein konstruktiverer Ansatz ist es, weniger abstrakt über den Klimawandel zu sprechen. Was bedeutet er genau für mich, meine Zukunft und meine Region? „Man kann das Thema stärker in die Alltagswelt holen“, sagt Taddicken. „Muss bald vielleicht mehr gedüngt werden? Warum sind sinkende Grundwasserspiegel ein Problem?“ In ihren Studien hat die Forscherin immer wieder beobachtet, dass die Menschen an einem Punkt gedanklich stehenbleiben. „Sie denken an das Bild vom traurigen Eisbären, der auf seiner Scholle schwimmt. Der kann einem leidtun, aber da hat man selbst keinen Ansatzpunkt. Und versteht auch nicht richtig: Was hat das mit mir selbst zu tun?“ Um besser über den Klimawandel zu sprechen, braucht es konkretere, nähere Beispiele. Die meinem Gegenüber auch das Gefühl geben: Du bist nicht völlig machtlos, wir können etwas unternehmen.

Über Gefühle in der Klimakrise sprechen

Genauso wichtig in Gesprächen über den Klimawandel ist es, offen mit eigener Unsicherheit umzugehen. Die Klimawissenschaft ist komplex und basiert zu großen Teilen auf Modellen, die verschiedene Zukunftsszenarien berechnen. Taddicken empfiehlt, es offen anzusprechen, wenn man sich mit einer Sache nicht sicher ist. „Zum Beispiel kann ich in so einer Situation sagen: Ich weiß, dass ich das irgendwo gelesen habe und es sehr überzeugend fand. Aber ich kann auch nicht mehr genau sagen, wie das war. Vielleicht schauen wir einfach nochmal schnell zusammen rein“, rät sie.

Auch Fragen können helfen, ein Gespräch konstruktiver zu machen. Zum Beispiel: Wie fühlst du dich denn, wenn du an den Klimawandel sprichst? Vielleicht stellen sich so sogar gemeinsame Ängste oder Sorgen heraus, die verbinden können. Oder Lösungsansätze, an die man selbst noch gar nicht gedacht hat. Auch die eigenen Gefühle deutlich zu machen, anzusprechen, wenn die Klimakrise beispielsweise Angst einjagt, kann helfen, Verständnis zu bekommen. Selbst wenn zum Beispiel zwei Generationen ganz anders auf die Klimapolitik blicken, können sie sich trotzdem einigen, dass sie sich Sorgen machen, wenn schon wieder ein Sommer heiß und trocken war.

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