Lena Puttfarcken

Freie Wissenschaftsjournalistin, Karlsruhe

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Artikel

So wird eine Demokratie widerstandsfähiger

Darum geht’s:

Durch diese Faktoren wird eine Demokratie angreifbar

Gerade in Zeiten von Wahlen sind Demokratien besonders verwundbar. Denn dann wird entschieden, wer die nächsten Jahre regieren wird, und Kandidaten und Parteien kämpfen gegeneinander. Demokratische Systeme haben verschiedene kritische Stellen, die entscheiden, wie widerstandsfähig – oder auch resilient – sie sind. Eigentlich wird der Begriff Resilienz in der Materialwissenschaft oder auch in der Psychologie verwendet, um auszudrücken, wie widerstandsfähig etwas oder jemand ist. Aber auch Demokratien können eben mehr oder weniger resilient sein, je nachdem, wie sie mit Erschütterungen umgehen.

Für die Widerstandsfähigkeit einer Demokratie ist wichtig, wie polarisiert eine Gesellschaft ist. Also wie unterschiedlich die Meinungen sind und wie stark sich verschiedene Seiten misstrauen. Sie wird unter anderem verstärkt, wenn nur wenige Parteien zur Wahl stehen. Auch wenn eine Wahl besonders umkämpft und es im Vorhinein sehr unklar ist, wer gewinnen wird, macht sie das attraktiver für den Versuch, die Gesellschaft weiter zu spalten. Wenn sowieso schon recht absehbar ist, wer die Mehrheit holt, lohnt es sich für Gegner der Demokratie nicht, die öffentliche Meinung zu beeinflussen.

Falschinformationen befördern Entfremdung und Zynismus

Desinformation und Hasskommunikation spielen bei der Spaltung und Polarisierung einer Gesellschaft eine wichtige Rolle, erklärt die Psychologin und Kommunikationswissenschaftlerin Dr. Lena Frischlich. Sie leitet an der Universität Münster eine Forschungsgruppe zu demokratischer Resilienz. „Hassrede und Verschwörungsmythen sind oft sehr verwurzelt in sozialer Ungleichheit und in Spannungen in der Gesellschaft, die es vorher schon gab. Man kann sich das als Eisberg vorstellen und die Spitze oben sind eben Falschinformationen und Hate Speech“, sagt sie.

Desinformation oder Fake News werden Informationen genannt, die absichtlich erfunden, verzerrt oder manipuliert wurden, um zum Beispiel Nutzer und Nutzerinnen sozialer Medien zu täuschen. Häufig drehen sie sich um besonders polarisierende, emotionale Themen, denn dadurch werden sie häufiger geteilt, verschickt und diskutiert, und erreichen so mehr Menschen.

Falschinformationen verbreiten sich in den sozialen Medien über Bots, also Computerprogramme, aber vor allem auch über Trolle – echte Menschen, die versuchen, dem Diskurs im Internet zu schaden. Ein Mittel dafür ist die Verbreitung von bestimmten Hashtags, die das Meinungsklima zu einem bestimmten Thema verändern. Damit können öffentliche Meinungen beeinflusst werden, etwa zu einer Kandidatin in einem politischen Wahlkampf. Ein Beispiel dafür ist der Hashtag #MerkelMussWeg, der im August 2017 aufkam. Er wurde verstärkt von Bots verbreitet, dann aber auch von Nutzern, die pro-russisch oder auch rechtsradikal eingestellt waren.

Außerdem können Falschinformationen negative Gefühle bei Menschen befördern: etwa Unwirksamkeit, Entfremdung und Zynismus.

Artikel Abschnitt: Darum sollten wir drüber sprechen:

Darum sollten wir drüber sprechen:

Viele dieser Faktoren waren bei der US-Wahl 2016 relevant – und sind es wieder

In den USA sehen wir gerade viele Faktoren, die einer Demokratie schaden können. Eine Studie von 2019 hat die US-Wahl 2016 hinsichtlich ihrer demokratischen Resilienz untersucht. Das Ergebnis: Vor allem die starke Polarisierung in den USA macht die Demokratie dort weniger widerstandsfähig. Der Kampf von nur zwei Parteien, bei dem am Ende ein klarer Sieger feststeht („Winner Takes It All“) hat den Diskurs sehr konfrontativ gestaltet. Das wiederum hat Desinformationskampagnen befördert. So wurden etwa während des Wahlkampfs bis zu einem Drittel der US-Bevölkerung in den sozialen Medien Beiträge von russischen Bots und Trollen angezeigt. Zudem räumte Facebook 2017 ein, dass während des Wahlkampfs politisch motivierte Werbung im Wert von über 100.000 US-Dollar ausgespielt wurde, die mutmaßlich aus Russland beauftragt worden war und sich um besonders polarisierende Themen drehte: zum Beispiel Rassismus, LGBTQ-Rechte und Waffen. Sowohl traditionell linke als auch rechte Gruppen wurden angesprochen – die Werbung hatte eher das Ziel, die Nutzer und Nutzerinnen noch stärker zu polarisieren.

Gemeinsames Mediensystem fehlt als Verhandlungsbasis

Eine andere Studie untersuchte Falschmeldungen zur US-Wahl 2016 – und fand dabei deutlich mehr Falschnachrichten, die pro Donald Trump argumentierten als pro Hillary Clinton. Diese Falschinformationen pro Trump wurden auch viel häufiger geteilt als diejenigen, die für Clinton als Präsidentin argumentierten. Durchschnittlich sah dieser Studie zufolge jeder US-amerikanische Erwachsene in dieser Zeit mindestens eine Falschmeldung zur Wahl und erinnerte sich auch daran.

Ein weiterer Faktor in den USA ist das geringe Vertrauen in die traditionellen Medien. Während des Wahlkampfs 2016 vertrauten einer Umfrage des US-Meinungsforschungsinstituts Gallup zufolge gerade mal 32 Prozent in die klassischen Medien. Aktuell sind es etwa 40 Prozent. „Dort fehlt eine gemeinsame Verhandlungsbasis, ein Mediensystem, auf das man sich einigen kann“, sagt Forscherin Frischlich. „In Deutschland hat man noch eher das Gefühl: Das Thema kam gestern in den Fernsehnachrichten, darüber kann man sich unterhalten. Das gibt es in den USA nicht in diesem Ausmaß.“

Auch bei deutschen Wahlen sind Falschinformationen im Umlauf

In Deutschland gibt es ebenfalls Trolle, die versuchen, mit Hashtags und Falschinformationen den öffentlichen Diskurs zu stören. Eine Studie aus dem Jahr 2019 hat etwa den Versuch von Trollen der sogenannten rechtspopulistischen „Identitären Bewegung“ untersucht, den Hashtag einer großen Hacker-Konferenz zu unterwandern. Dabei versuchten die Trolle zum einen, die Konferenzteilnehmer mit provokanten Aussagen zu reizen. Zum anderen gaben sie sich selbst als besorgte Teilnehmer aus und wiesen auf vermeintliche rechte Symbole in den Konferenzräumen hin. Die Fotos, die sie von diesen Symbolen verbreiteten, waren aber gar nicht auf der Konferenz gemacht worden.

Frei erfundene Geschichten sind bei der Verbreitung von Falschinformationen normalerweise nicht das Problem, weder in Deutschland noch in den USA, sagt Lena Frischlich. „Es geht eher um verzerrende Darstellungen und Informationen, zum Beispiel Politiker ins Lächerliche zu ziehen oder falsche Zitate zu verbreiten.“ Bei der letzten Bundestagswahl 2017 war recht früh zu erwarten, dass Angela Merkel als Kanzlerin wiedergewählt werden würde. Deshalb versuchten Trolle in den sozialen Medien eher, die Deutschen untereinander zu spalten. So teilten russische Bots Posts in den sozialen Medien, die zum Beispiel gegen den Islam hetzten und die Flüchtlingspolitik der Regierung kritisierten.

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Aber:

Die Demokratie in Deutschland ist deutlich resilienter als die der USA

„Verhältnisse wie in den USA halte ich in der nächsten Zeit nicht für realistisch“, sagt Forscherin Frischlich. Denn die deutsche Demokratie ist widerstandsfähiger als die der USA. Das deutsche Wahlsystem funktioniert ganz anders, so müssen sich Menschen in Deutschland nicht jedes Mal extra zur Wahl anmelden wie in den USA. Auch das politische System ist anders – es gibt deutlich mehr Parteien, die eine größere Vielfalt an Meinungen abbilden können. Hinzu kommt, dass in Deutschland nach einer Wahl die Machtverhältnisse alles andere als klar sind. Bis nach den Koalitionsverhandlungen ist oft offen, wer am Ende in der Regierung sitzen wird. Auch das wirkt einer Polarisierung der Gesellschaft entgegen.

Da sich die etablierten Parteien in Deutschland einander thematisch aber ein Stück weit angenähert haben, ist ein Problem hier eher die entstehende Politikverdrossenheit. Diese ermöglicht rechten Parteien wie der Alternative für Deutschland (AfD) dann, vor allem online mit populistischen Meinungen aufzutreten, die stark von den anderen Parteien abweichen. Trotzdem ist der Diskurs längst nicht so stark polarisiert wie in den USA. In deutschen Wahlkämpfen wird auch nach wie vor mehr über Themen gestritten als um Personen – in den USA geht es oft um einzelne Menschen, etwa um die Präsidentschaftskandidaten.

Digitale Zivilcourage hilft gegen Trolle

Hinzu kommt: Noch immer sind die Trolle, die online Einfluss auf Diskurse nehmen, eine kleine Minderheit. Sie sind zwar laut und können durch eine starke Vernetzung zum Beispiel Hashtags übernehmen oder Shitstorms auslösen. Aber meistens kommt ein Großteil der Desinformation von wenigen Accounts. Das war auch beim US-Wahlkampf 2016 so. Eine Analyse der geteilten Links auf Twitter zeigte, dass gerade einmal 0,1 Prozent der untersuchten Accounts 80 Prozent der Links zu Falschinformationen teilte. Und nur ein Prozent der untersuchten Nutzer konsumierte 80 Prozent der Falschinformationen. Vor allem, wenn die Trolle einer Öffentlichkeit gegenüberstehen, die medienkompetent ist und digitale Zivilcourage zeigt, können sie einen Diskurs deshalb meist nicht an sich reißen. Umso wichtiger ist es, über Desinformation und digitale Strategien von rechten Trollen Bescheid zu wissen und sich dagegen zu wehren.

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Und jetzt?

So lässt sich die demokratische Resilienz einer Gesellschaft stärken

Digitale Angriffe von Trollen und Bots auf demokratische Systeme dienen vor allem dazu, den Zusammenhalt einer Gesellschaft zu schwächen. Auch der demokratische Diskurs wird so geschädigt – denn wenn ein Teil der Gesellschaft nicht dieselben Informationen glaubt wie alle anderen, wird ein echter Austausch schwierig. 

Aber es gibt Wege, digitale Zivilcourage zu trainieren und eine Gesellschaft resilienter zu machen. Dafür ist vor allem eine kritische Medienkompetenz wichtig, sagt Frischlich. In einer Studie, an der sie beteiligt war, werden vier Faktoren dafür genannt:  

  • ein Bewusstsein dafür, dass Desinformation existiert und wie sie wirkt 
  • die kritische Betrachtung des eigenen Verhaltens in den sozialen Medien 
  • die Befähigung, aktiv an einem Diskurs über Desinformation teilzunehmen 
  • Vertrauen – die Kenntnis von vertrauenswürdigen Quellen, die dabei helfen, Desinformation zu identifizieren 

Mit dem letzten Punkt ist aber kein blindes Vertrauen in Medien, Regierung und Wissenschaft gemeint – im Gegenteil. „Wir brauchen kritische, aufgeklärte Bürgerinnen und Bürger, die Dinge hinterfragen“, sagt Lena Frischlich. „Aber es gibt einen schmalen Grat zwischen kritischem Hinterfragen und einem zynischen Misstrauen gegenüber allem, das einem von außen entgegenkommt.“ Glaubt man gar keinen Institutionen mehr, wirke sich das sogar schlecht aufs Wohlbefinden aus.  

Seit der US-Wahl 2016 haben die sozialen Netzwerke erkannt, dass sie Desinformation besser markieren müssen. Auf Facebook sollen Beiträge mit einem Hinweis gekennzeichnet werden, die von Faktenprüfern als falsch erkannt wurden. Auch die Reichweite solcher Beiträge soll automatisch eingeschränkt werden. Allerdings dauert diese Identifikation von Falschmeldungen bisher wohl sehr lange. Auf Twitter wurde die Retweet-Funktion zur Wahl geändert – nun bietet das Netzwerk jedes Mal die Chance an, einen Beitrag zu kommentieren, bevor man ihn teilen kann.  

Eine Studie aus dem Jahr 2020 hat gezeigt: Die Probandinnen und Probanden glaubten weniger Falschinformationen, wenn sie die Möglichkeit bekamen, sich kurz Gedanken darüber zu machen. Daraus leiteten die Autorinnen und Autoren ab, dass Menschen online vielleicht schon dann weniger Falschinformationen teilen, wenn sie aufgefordert werden, vor dem Teilen noch einmal über den Inhalt nachzudenken. Wie sinnvoll die aktuellen Maßnahmen sind, bleibt aber letztendlich abzuwarten. 

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