Lena Puttfarcken

Freie Wissenschaftsjournalistin, Karlsruhe

3 Abos und 2 Abonnenten
Artikel

Die Maskenpflicht als Drama bei "Spiegel" und "Zeit"

Maske tragen oder nicht? Diese Frage spaltet Deutschland im Sommer 2020 - zumindest, wenn man auf die Titelseiten von „Zeit" und „Spiegel" schaut (Ausgaben 34/2020). „Das Masken-Drama", titelt der „Spiegel", und darunter: „Sie ist nervig, verhasst und trotzdem unsere einzige Hoffnung". Die Überschrift der dazugehörigen Geschichte lautet: „Maskenstreit in Deutschland: Der Zünd-Stoff."

Nicht weit davon entfernt ist der „Zeit"-Titel: „Der Reizstoff: Keine Maßnahme gegen Corona polarisiert die Menschen so wie das Tragen der Maske."

Große Mehrheit findet Maskenpflicht okay

Keine Maßnahme polarisiert wie die Maskenpflicht - stimmt das? Ein Blick in aktuelle repräsentative Umfragen zeigt: Die Lebenswirklichkeit der meisten Deutschen bildet das nicht ab. Laut ARD Deutschlandtrend aus dem Juli 2020 haben sich 79 Prozent der Befragten mittlerweile an die Corona-Schutzmaßnahmen gewöhnt, also auch an die Maskenpflicht. Das ZDF-Politbarometer (ebenfalls Juli 2020) zeigt: 87 Prozent finden die Maskenpflicht beim Einkaufen richtig, 73 Prozent glauben, die Maske helfe viel oder sehr viel, um die Ausbreitung des Coronavirus zu verringern. Das COSMO-Monitoring (unter anderem von der Universität Erfurt), das regelmäßig Stimmungen zur Coronakrise abfragt, zeigt ähnliche Ergebnisse: 95 Prozent kennen die Verfügung der Maskenpflicht, 89 Prozent befolgen sie mindestens häufig.

Wieso „Zeit" und „Spiegel" sich dann für solch eine dramatische Aufmachung des Themas entschieden haben, ist vermutlich einfach zu erklären. Eine Schlagzeile wie „Große Mehrheit der Deutschen findet Maskenpflicht gut und befolgt sie" ist nicht aufregend - und dürfte an den Kiosken nicht besonders erfolgreich sein. Und natürlich ist es vertretbar, eine Titelseite so zu gestalten, dass sie sich gut verkauft, davon profitieren auch die Journalist*innen, die nicht über die Titel entscheiden.

Fragwürdig ist es trotzdem, das Thema Maskenpflicht als ein hoch umstrittenes darzustellen.

Wir müssen über Framing sprechen

Und es ist ein guter Anlass, um über das Konzept des Framings zu sprechen. Ein Wort, das spätestens seit der Debatte um das ARD-Framingmanual bekannt sein dürfte.

Framing im wissenschaftlichen Sinne bedeutet nicht, dass Informationen bewusst umgedeutet werden, um das Publikum zu manipulieren. Es geht eher darum, wie verschiedene Darstellungen dazu beitragen, die Aufmerksamkeit auf unterschiedliche Facetten eines Themas zu lenken.

Doreen Reifegerste ist Kommunikationswissenschaftlerin an der Universität Erfurt und beschäftigt sich mit Framing in der Gesundheitskommunikation. „Framing ist eine Einladung, worauf ich meinen Fokus lege", sagt sie. „Aber es ist nicht allmächtig. Man übernimmt nicht einfach jedes Framing, das ein journalistischer Beitrag nahelegt." Auch Voreinstellungen spielen eine Rolle: Wer vorher schon von einer Sichtweise überzeugt war, fühlt sich durch ein bestimmtes Framing des Themas bestätigt.

Negatives klickt besser

Die Titelseiten zur Maskendebatte von „Zeit" und „Spiegel" sprechen Reifegerste zufolge vor allem einen Frame an: den Konflikt-Frame. Dieser wird durch Wörter wie „Drama", „polarisieren" oder „verhasst" bedient, und soll das Publikumsinteresse an dem Thema steigern. „Texte mit Faktoren wie Negativismus und Konflikt werden im Internet häufiger angeklickt", sagt Reifegerste. Denn das Gehirn wolle eher über mögliche Risiken Bescheid wissen als die Information bekommen, dass alles in Ordnung sei.

Wer nur die Titelseiten von „Zeit" oder „Spiegel" wahrnimmt und nicht die zugehörigen ausgewogeneren Titelgeschichten liest, bekommt womöglich einen falschen Eindruck der Debatte. „Das Framing der Titelseiten könnte suggerieren, dass hier ein echtes Drama oder eine Spaltung vorliegt, was aber den Bevölkerungsumfragen zufolge nicht stimmt", sagt Reifegerste.

Die aktuellen Titel hat die Wissenschaftlerin nicht experimentell untersucht, aber aus ihrer Forschungserfahrung kann sie vermuten, was bei Rezipient*innen ankommt:

„Jemand, der sowieso schon mit der Maske oder politischen Maßnahmen hadert, könnte sich dadurch nochmal bestätigt fühlen. Und jemand, der das bisher nicht als Problem gesehen hat, könnte jetzt denken: Aha, da gibt es also Probleme."

Niemand wird jetzt automatisch den Frame, dass das ein großes Drama sei, für die Maskenpflicht übernehmen, aber: „Es ist eine Einladung, das so wahrzunehmen", sagt Reifegerste.

Es herrscht kein Gleichgewicht in der Masken-Frage

Interessanterweise widerspricht ein anderes Element auf der „Spiegel"-Titelseite dem Konflikt-Frame bereits auf den ersten Blick: das Titelbild, auf dem nur Menschen abgebildet sind, die eine Maske tragen. „Man würde erwarten, wenn es eine echte Spaltung gäbe, würde ein bestimmter Anteil der Personen keine Maske tragen", sagt Reifegerste. Stattdessen vermittelt dieser sogenannte Visual Frame eine einhellige Zustimmung zur Maskenpflicht. Gerade Menschen, die das „Spiegel"-Cover nur im Vorbeigehen sehen, könnten die Debatte also ganz anders wahrnehmen.

Es gibt noch ein weiteres kommunikationswissenschaftliches Konzept, das beide Titel bedienen: das der falschen Gleichgewichtung („false balance"). Das passiert, wenn Journalist*innen eigentlich neutral berichten wollen und deshalb allen Seiten gleich viel Aufmerksamkeit geben, auch wenn es dafür keinen Grund gibt. Gut zu erkennen ist das etwa am Teaser des „Spiegel"-Textes:

„Die einen lehnen den Mund-Nasen-Schutz kategorisch ab, die anderen verlangen, dass jetzt sogar draußen an Hotspots wie der Berliner Hasenheide Maske getragen werden muss."

Abgesehen davon, dass die Maskenpflicht auf öffentlichen Plätzen in anderen europäischen Ländern schon Alltag ist (z.B. in Frankreich, Spanien oder Italien) - in den Umfragen wird deutlich, dass Maskengegner*innen in Deutschland in der Unterzahl sind. Nennt man beide „Extreme" nebeneinander, suggeriert das eine ungefähre Gleichgewichtung, für die es in der Maskenpflicht-Frage keine faktische Grundlage gibt (also eine „false balance").

Insbesondere einige Absätze im „Spiegel"-Text sind ein gutes Beispiel für False Balance:

„Fragt man die Deutschen, wie sie es mit der Maskenpflicht halten, so ist eine große Mehrheit dafür. 73 Prozent waren bei einer Umfrage des Politbarometers für ZDF und ‚Tagesspiegel' im Juli vom Sinn des Maskentragens überzeugt, 87 Prozent hielten eine Maskenpflicht beim Einkaufen für richtig. Laut einer Infratest-dimap-Umfrage sagten 79 Prozent, sie hätten sich mittlerweile an den Mund-Nasen-Schutz gewöhnt.

Umfragen sind das eine, Verhaltensweisen das andere. Die Zahl derjenigen, die es mit der Maske nicht so ernst nehmen, scheint zu steigen. So jedenfalls beobachtet es die Chefin der McDonald's-Filiale im Berliner Hauptbahnhof, die ihren Namen nicht veröffentlicht sehen will."

Auf die Beobachtungen der Filialleiterin folgen Berichte von Vorfällen, in denen Menschen aggressiv wurden, weil sie eine Maske tragen sollten. In diesem Kontext wirkt es, als würden sie den repräsentativen Umfragen gegenüberstehen. Was eine solche Art der False Balance bewirken kann, hat der Journalismus in der Berichterstattung zum Klimawandel früher schon erlebt. Glücklicherweise sind die Zeiten vorbei, in denen jede Klimaforscherin einem Kohle-Lobbyisten gegenübergestellt wird, um beide Seiten abzubilden.

Wie eine faktenbasierte Ausgewogenheit in der Klimaberichterstattung aussehen könnte, hat John Oliver in der Sendung Last Week Tonight einmal gezeigt und 97 Klimawissenschaftler*innen drei Leugnern gegenübergestellt:

Die eigentlichen Geschichten sind viel unaufgeregter als die Titel

Die Aufmachung von „Spiegel" und „Zeit" wird den dahinter stehenden Texten in den Zeitschriften - wenn man von den wenigen Absätzen absieht, die das Konzept falsche Gleichgewichtung bedienen - im Übrigen gar nicht gerecht. Die Geschichten sind viel weniger konfliktträchtig: Sie beleuchten verschiedene Aspekte des Themas Maskenpflicht, beziehen wissenschaftliche Studien mit ein und berichten unaufgeregt über die Corona-Leugner, die auf Demos gehen oder Verschwörungserzählungen auf Facebook verbreiten.

„In beiden Artikeln kommen viele Frames vor", sagt Reifegerste. Es werden viele unterschiedliche Ebenen angesprochen, die das komplexe Thema Coronavirus und die Maskenpflicht von vielen Seiten betrachten.

Eine framinglose Welt sei nicht möglich, sagt Reifegerste. „Wenn ich einfach die Sichtweisen aus der Politik, von Gesundheitsinstitutionen, Pharmaunternehmen und so weiter übernehme, berichte ich nicht neutral über das Thema, sondern ich bestätige und multipliziere deren Frames." Deshalb ist es sinnvoll, immer wieder die eigenen Frames und die, die in der Berichterstattung auffallen, zu hinterfragen. Wessen Framing übernehme ich da eigentlich bei der Gestaltung eines Titels?

Die Maskenpflicht als höchst umstritten darzustellen, ist allerdings nicht einfach ein Framing, das das Thema spannender macht, es ist eines, dessen sich auch Verschwörungserzähler bedienen. Und diese wiederum bauen darauf, dass andere - am besten seriöse Medien wie „Zeit" und „Spiegel" - ihre Frames übernehmen und sie auf diese Weise weiter verbreiten.

Die Autorin

Lena Puttfarcken ist freie Wissenschaftsjournalistin und schreibt am liebsten über Klimakommunikation und Wissenschaftsleugner. Sie wurde an der Deutschen Journalistenschule ausgebildet und promoviert am Karlsruher Institut für Technologie über Wissenschaftskommunikation.

Zum Original