Lena Puttfarcken

Freie Wissenschaftsjournalistin, Karlsruhe

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Artikel

Weiß doch jeder, dass das nicht stimmt. Oder?

Jemand, nennen wir ihn Hans, liest einen Artikel, in dem es um Klimaleugner in der Politik geht. Um das Thema anschaulicher zu machen, wird ein Leugner zitiert. Der behauptet, die Sonne wäre für den aktuellen Klimawandel hauptverantwortlich, nicht die Emissionen des Menschen. In dem Artikel wird deutlich, dass die Aussage nicht stimmt. Sie kommt schließlich von einem Klimaleugner.

Einige Tage oder Wochen später diskutiert Hans mit einem Bekannten über den Klimawandel. Der Bekannte sagt, wie der Leugner damals, dass die Sonne schuld an der aktuellen Erwärmung wäre. Und Hans? Er streitet die falsche Information nicht ab, sondern stimmt dem Bekannten zu.

Offenbar hat Hans in der Zeit zwischen dem Artikel und der Diskussion vergessen, dass die Sache mit der Sonne eine Falschinformation war. Wie konnte das passieren?


Was im Gedächtnis hängen bleibt

Das erforscht der Psychologe Stephan Lewandowsky von der Universität Bristol. Er warnt davor, Aussagen von Klimaleugnern in den Medien so zu behandeln, als ob es sich um abweichende, kontroverse Meinungen handeln würde. „Klimaleugner konstruieren ihre Argumente möglichst so, dass sie in die Irre führen und verunsichern", sagt er. Leugner seien oft mit rechtspopulistischen Organisationen verbunden - und haben klare politische Ziele, sagt Lewandowsky.

Deshalb hoffen die Leugner sogar, dass ihre Aussagen einen Weg in die Berichterstattung finden, und damit in die öffentliche Diskussion. Denn das verunsichert die Menschen, verändert ihre Sicht auf die Klimapolitik und kann sie zum Beispiel davon abbringen, etwas für den Klimaschutz zu tun.

Aber warum kann das menschliche Gehirn so schlecht mit falschen Informationen umgehen? Dafür kehren wir noch einmal zu Hans zurück. Das Problem beginnt schon in dem Moment, in dem er den Artikel mit dem Zitat des Klimaleugners liest. „Um eine Aussage zu verstehen, müssen wir sie erst einmal glauben", sagt Psychologe Lewandowsky.

Wenn Hans also verstehen will, was der Leugner meint, muss sein Verstand die falsche Information zunächst als richtig akzeptieren. Das ist Teil des Verständnisprozesses. Erst dann kann Hans' Gedächtnis die Aussage mit einer Warnung versehen: Achtung, das ist falsch! Leider können solche Warnungen verlorengehen, sagt Lewandowsky. Gespeichert bleibt dann nur die falsche Information, ohne Warnung.


Da war doch was...

Als Hans mit dem Bekannten diskutiert, hat er also nicht mehr genau abgespeichert, dass die Information des Leugners falsch ist. Vielleicht ist er auch nicht mehr sicher, was der Hauptgrund für den aktuellen Klimawandel ist. Hier gibt es nun mehrere Möglichkeiten, warum er dem Bekannten zustimmt.

Wenn der Bekannte sagt, die Sonne wäre schuld, kommt Hans diese Information bekannt vor. Weil er sie in dem Artikel über Klimaleugner gelesen hat, aber daran erinnert er sich nicht mehr. Er weiß nur: Das hat er schon mal gehört. Für das Gedächtnis bedeutet Wiedererkennen, dass die Information glaubwürdig ist.

Eine zweite Möglichkeit: Vielleicht weiß Hans nicht, ob die Aussage des Bekannten stimmt. Aber eine andere Begründung kann er in dem Moment nicht liefern. Auch dann stimmt Hans zu. Denn klafft in einer Erklärung eine Lücke, füllt das Gehirn sie lieber mit einer falschen Information, als sie leer zu lassen. Und verfügbar ist die Falschinformation aus dem Artikel.

Oder es gab in dem Klimaleugner-Artikel zwar eine Erklärung, was wirklich hinter dem aktuellen Klimawandel steckt. Allerdings war sie komplex, viele Fachbegriffe kamen darin vor. Das Gehirn bevorzugt einfache Erklärungen, und greift meist lieber auf die verständliche, aber falsche Information zurück. Also auf die Aussage des Leugners.

Hab ich doch gelesen

Wenn Journalist*innen Argumente von Leugnern wiederholen, spielen sie ihnen damit direkt in die Hände. In den deutschen Medien passiert es immer wieder, dass Leugner einfach so zitiert werden, oder ihre pseudo-wissenschaftlichen Werke als Beispiele herhalten.

So hat die „Süddeutsche Zeitung“ im Februar 2020 darüber berichtet, dass die AfD-Fraktion im bayerischen Landtag einen Klimaleugner als Experten in einen Ausschuss einlädt.


In einem Absatz wird der angebliche Experte vorgestellt, anhand einiger Thesen, die er verbreitet:


„Sebastian Lüning heißt der Mann, ein Geologe, ein ‚Klimaleugner‘, wie Brunn [Abgeordneter der SPD, Anm.] sagt. Lüning ist Mitautor des Buches ‚Die kalte Sonne‘, Untertitel: ‚Warum die Klimakatastrophe nicht stattfindet‘. Darin vertritt er die Meinung, dass der Klimawandel in erster Linie nicht menschengemacht sei, sondern durch die Sonneneinstrahlung entstehe. Die Erderwärmung der vergangenen 150 Jahre führt er auf einen natürlichen Zyklus zurück und sagt voraus, dass die nächsten Jahrzehnte eher von einer Abkühlung geprägt sein werden.“


Zwar warnen Wörter wie „Klimaleugner“ davor, dass Lünings Aussagen nicht wahr sind. Außerdem folgt auf den Absatz eine Art Einordnung, dass diese Ansichten nichts mit dem wissenschaftlichen Forschungsstand zu tun haben:


„Lüning bewege sich auf ‚Fake-News-Niveau‘, sagt Brunn, den Boden seriösen, wissenschaftlichen Argumentierens habe er ‚komplett verlassen‘. Seine Aussagen stünden in klarem Widerspruch zu allen Erkenntnissen der Klimaforschung. Brunn nennt etwa die Behauptung, dass es in der Wissenschaft keine klare Antwort auf die Ursachen des Klimawandels gebe.“


Allerdings erklärt die Autorin nicht, was die wissenschaftlichen Fakten sind, die den Aussagen entgegenstehen. Stattdessen erwähnt sie noch eine falsche Behauptung und schafft damit Lücken im Gedächtnis der Rezipient*innen.

Unsinn? Ja. Erklärung? Nein.

Ein Artikel im Tagesspiegel aus dem Februar 2019 beleuchtet ebenfalls die Verbindungen zwischen der AfD und der Klimaleugner-Szene. Darin wird von einem Treffen mit dem klimapolitischen Sprecher der AfD berichtet.


„Karsten Hilse, von Beruf eigentlich Polizist, trägt Anzug und einen kleinen AfD-Anstecker am Revers. ‚Wir als Menschen beeinflussen die Temperatur nicht durch unsere CO2-Emissionen‘, sagt er. Und: ‚Was wir erleben, ist eine natürliche Rückerwärmung seit der letzten kleinen Eiszeit.‘ Klimaforscher wie Rahmstorf halten das für Unsinn. Aber Hilse ist es wichtig, dass diese Sicht der Dinge unter die Leute kommt.“


Zwar wird erwähnt, dass Klimaforscher*innen Hilses Aussagen für „Unsinn“ halten. Eine alternative, faktenbasierte Erklärung liefert der Artikel aber nicht. Die Gefahr: Die nachträgliche Warnung vor der Information könnte vergessen werden, die falsche Information bleibt im Gedächtnis.

Wer auf solche Aussagen achtet, findet sie in der Berichterstattung über Klimaleugner wieder und wieder. Ein weiteres Beispiel ist ein Artikel des „Spiegel“ aus dem Dezember 2019.


Es geht um die staatliche Förderung eines Vereins, der Klimaleugner-Aussagen verbreitet. Um zu belegen, dass der Verein den menschengemachten Klimawandel leugnet, zitiert die Autorin von dessen Website:


„Auf der Website von ‚Pro Lausitzer Braunkohle‘ heißt es: ‚In der Wissenschaft sind die Ursachen für den Klimawandel durchaus umstritten.‘ Außerdem sei die globale Mitteltemperatur ‚seit mindestens 15 Jahren nicht mehr angestiegen, obwohl die durch den Menschen verursachten CO2-Emission beständig zunehmen‘. Das ist schlicht falsch, wie Klimadaten zeigen. Demnach wurden in den vergangenen 20 Jahren so viele Wärme-Rekorde gemessen wie noch nie seit Beginn der Wetteraufzeichnungen.


Schließlich kommen die Autoren des Textes zu einem verblüffenden Fazit: ‚Unterm Strich ergibt sich für die Lausitzer Braunkohle eine klare, für viele aber sicher überraschende Bilanz: Die positiven Effekte für das Weltklima überwiegen sogar.‘“


Immerhin eine der Aussagen wird mit Fakten entkräftet, ein Link führt zu Klimadaten der NASA. Die anderen beiden Aussagen stehen für sich. Implizit klar in dem Zusammenhang: Sie sind falsch. Aber eine Woche, einen Monat später im Gedächtnis der Leser*innen? Bis dahin könnte die Warnung verloren gegangen sein, zurück bleibt die falsche Information.

Klimaleugner-Zitate als Schmuckelement

Das soll nicht heißen, dass Leugner niemals und unter keinen Umständen zitiert werden dürfen. Zur reinen Ausschmückung eines Berichts sollten solche Zitate jedoch nicht dienen. „Wenn man warnt, dass Klimaleugner täuschen wollen und man erklärt, auf welche Weise sie täuschen, kann es hilfreich sein, falsche Informationen zu zitieren“, sagt Lewandowsky.

Ein Beispiel dafür ist die „Correctiv“-Geschichte über die Heartland Lobby, die im Februar 2020 erschienen ist.


Der Artikel offenbart ein Netzwerk von Klimaleugnern, die strategisch Falschinformationen verbreiten. Er erklärt, was sie sich davon versprechen, und wer davon profitiert. Mit welchen Aussagen die Leugner das erreichen, wird kaum ausgeführt. Und wenn doch ein Argument genannt wird, wird es mehrmals deutlich von Expert*innen entkräftet.

Das „Wahrheits-Sandwich“

Es gibt einen Weg, Aussagen von Klimaleugnern so in Texte einzubauen, dass sie nicht falsch abgespeichert werden. Lewandowsky nennt ihn das „Wahrheits-Sandwich“. In seinem „Debunking Handbook“ (PDF) beschreibt er das genauer, in etwa funktioniert es so:

1. Die Wahrheit nennen: Es gibt einen menschengemachten Klimawandel, er gilt als wissenschaftlich erwiesen.

2. Das Gerücht ausführen: Klimaleugner verbreiten dazu falsche Informationen. An dieser Stelle kann ein Leugner zitiert werden, wenn nötig.

3. Wieder die Wahrheit: Erklären, warum und wie Leugner den Fakt bestreiten – etwa, indem sie nur ausgewählte Daten anführen und nicht alle („Rosinenpicken“).

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