Lena Puttfarcken

Freie Wissenschaftsjournalistin, Karlsruhe

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Klimawandel-Szenarien: Deutschland im Jahr 2100

Ist das jetzt der Klimawandel? Diese Frage wurde in den vergangenen Wochen oft diskutiert. Auslöser war der außergewöhnlich trockene Sommer 2018. Nun lassen sich einzelne Wetterextreme wie die Dürre im Juli nicht auf den Klimawandel zurückführen. Aber wird ein Sommer wie der von 2018 in hundert Jahren normal sein? Und wie wirkt sich der Klimawandel langfristig auf Deutschland aus?

Dass es immer wärmer wird, gilt als weitgehend abgesichert. Seit 1880 hat sich die Erde mindestens um ein Grad erwärmt und wird sich auch noch weiter erwärmen. Hauptgrund dafür sei mit 95-prozentiger Sicherheit der Mensch, schreibt der Weltklimarat IPCC in einem Bericht.

Das gilt auch für Deutschland. Von 1881 bis 2016 stieg die Jahresmitteltemperatur in Deutschland laut Deutschem Wetterdienst um 1,4 Grad. Bis 2100 könnte Deutschland sich im Mittelwert insgesamt um 2,5 bis 5 Grad erwärmen, verglichen mit der vorindustriellen Zeit (1850-1900).

Aber was bedeutet diese Erwärmung für Deutschlands Wälder, Meere und Berge? Wie entwickelt sich das Wetter bis 2100 und, um zurück zur Anfangsfrage zu kommen: Wird ein Sommer wie der diesjährige bis zum Ende des Jahrhunderts Normalzustand sein?

Wie Deutschland sich durch den Klimawandel entwickelt, ob es trockener und wärmer wird, berechnen Forscher mit Klimamodellen, in denen sie Annahmen treffen, zum Beispiel, wie sich die Emission von Treibhausgasen entwickelt. Diese Annahmen werden Szenarien genannt. Das Ergebnis dieser Berechnungen sind Klimaprojektionen, die mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit eine mögliche Zukunft beschreiben. Sie sind keine eindeutigen Vorhersagen, können aber helfen, die Risiken des Klimawandels abzuschätzen.

Mehr Unwetter bis 2100

Zumindest in Süddeutschland wird es 2100 mehr Hitzewellen geben - in einem moderaten Klimaszenario fünf bis zehn Hitzewellen mehr pro Jahr. Im Norden Deutschlands verändert sich das kaum, berechneten Daniela Jacob vom Helmholtz-Zentrum Geesthacht und ihre Kollegen. Eine Hitzewelle definierten sie, wenn die Temperatur drei Tage hintereinander einen bestimmten Schwellenwert überschritt.

Dürren, die diesen Sommer besonders geprägt haben, sollen ebenfalls häufiger auftreten und auch länger andauern als bisher. Vor allem, wenn das Zwei-Grad-Ziel nicht eingehalten wird, dürften Dürren in Zukunft extremer ausfallen.

Der Niederschlag könnte bis zum Ende des Jahrhunderts zunehmen, vor allem in pessimistischeren Klimaszenarien. Unwetter sind im Jahr 2100 häufiger, vor allem Tage, an denen es außergewöhnlich stark regnet, was für Überschwemmungen und Wasserschäden sorgen kann. Starke Gewitter nehmen zwar ab, aber wenn sie auftreten, sind sie stärker als heute. Auch Hagel könnte öfter fallen.

Meeresspiegel steigt auch in Nord- und Ostsee

Aber die Erderwärmung beeinflusst nicht nur das Wetter, sondern trägt auch zum Meeresspiegelanstieg bei. Das liegt zum einen daran, dass das Landeis in der Antarktis und in Grönland schmilzt, und zum anderen daran, dass die Ozeane sich bei höherer Temperatur ausdehnen. Dadurch ist der Meeresspiegel der Nordsee in den vergangenen hundert Jahren um 20 Zentimeter angestiegen, der der Ostsee um 15 Zentimeter.

"Bis 2100 kann der Meeresspiegel immer schneller ansteigen", sagt Insa Meinke vom Norddeutschen Küsten- und Klimabüro des Helmholtz-Zentrums Geesthacht. So könnten die Pegel an der Nord- und Ostseeküste noch einmal um 30 bis 80 Zentimeter steigen. Die Nordseeküste ist nicht so dicht besiedelt, zudem gibt es stabile Deiche. Der Anstieg an der Ostsee könnte die Küstenlinie aber durchaus verschieben.

Auch Sturmfluten könnten durch den Meeresspiegelanstieg häufiger auftreten und noch höher auflaufen. "Eine Sturmflut, wie sie heute auftritt, könnte 2100 etwa einen Meter höher ausfallen", sagt Meinke.

Permafrost und Gletscher tauen

Die Gletscher in den deutschen Alpen sind durch eine weitere Erwärmung stark gefährdet. Bis 2100 könnten sie fast oder komplett verschwunden sein. Das Abschmelzen der Gletscher wirkt sich schon jetzt auf die Gebirgsflüsse aus, die im Frühling deswegen mehr Wasser führen als früher. Das wiederum verstärkt die Erosion.

Zudem gibt es auch im deutschen Hochgebirge Permafrostböden, die bei einer Erwärmung tauen. Momentan werden durch den dauergefrorenen Boden Schutthalden und Moränenzüge stabilisiert. Taut der Permafrost auf, kommt es in Zukunft häufiger zu Erdrutschen, die beispielsweise auch Infrastruktur wie Bergbahnen gefährden.

Klimawandel für Bäume zu schnell

Für die Wälder in Deutschland dürften vor allem längere Dürren schwierig werden. "Wenn es wärmer wird, ist das kein Problem, solange die Bäume ausreichend mit Wasser versorgt sind", sagt Michael Köhl, Forstwissenschaftler an der Universität Hamburg. Kurzfristig haben Bäume Strategien entwickelt, um mit Dürreperioden umzugehen. Dauert die Trockenheit aber zu lange an oder tritt mehrere Jahre hintereinander auf, bilden die Bäume keine Knospen mehr aus und treiben Früchte.

Durch die Erwärmung verschieben sich auch die Lebensräume von Baumarten. Das sei in der Theorie kein Problem. "Auch nach der Eiszeit gab es eine Artenverschiebung", sagt Köhl. "Aber der Klimawandel verläuft viel zu schnell. Bäume werden sehr alt, dadurch dauert die Anpassung an neue Gegebenheiten lang."

Langfristig könnte das bedeuten, dass es in Deutschland weniger Bäume gibt. Da die Wälder aber ein Fünftel der CO2-Emissionen im Jahr binden, wirkt sich das schlecht auf die Treibhausgasbilanz aus.

Zudem warnt Köhl vor einer Versorgungslücke der Holzindustrie. Die derzeitige Holzproduktion ist schon ausgelastet. Da Holz als nachwachsender Rohstoff beliebt ist, wird die Nachfrage eher noch zunehmen. Wenn der Waldbestand gleichzeitig abnimmt, muss in Zukunft wohl noch mehr Holz importiert werden.

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