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„Jedes Mal hoffst du, es klappt": Wenn die Kinderwunschbehandlung zur Endlosschleife wird

Wenn Paare auf natürlichem Weg keine Kinder bekommen können, versuchen es viele mit künstlicher Befruchtung. Aber was, wenn das trotz mehrfacher Eingriffe nicht klappt? Susanne Gonswa hat das erlebt.


Susanne Gonswa sitzt mit einem Becher Kaffee auf einer Parkbank in Berlin-Mitte. Die 45-Jährige ist sportlich gekleidet, die rötlichen Haare trägt sie zum Zopf. Sie erzählt, sie lacht, sie denkt nach, lacht wieder und erzählt weiter. So sei sie im Prinzip immer, aber lange Zeit, war das nur ein Teil ihrer Geschichte. Susanne Gonswa ist ungewollt kinderlos. Was sie drei Jahre in der Kinderwunschbehandlung durchgemacht hat, das wünscht sie keiner anderen Frau.


Blutuntersuchungen, Hormonbehandlungen, Spritzen, Medikamente, Eingriffe. Ständig unter Druck. Immer im Kopf: „Dieses Mal muss es klappen.“ Eigentlich wollte sie sich solch eine Behandlung nie antun. Aber als sie feststellte, dass sie auf natürlichem Weg nicht schwanger wurde, wollte sie nicht glauben, dass es bei ihr nicht funktioniert. Mit 40 Jahren landete Susanne Gonswa in einem Berliner Kinderwunschzentrum.

Die Webseite der Kinderwunschklinik sei einladend gewesen, die Räume hell und freundlich. „Die Ärztinnen und Ärzte sind am Anfang sehr zugewandt und haben viel Zeit für dich“, erzählt Gonswa. „Wir kriegen dich schwanger, kein Problem“ sei die Hauptbotschaft. Danach ist alles anders: „Sobald die Behandlung anfängt, bist du eine Nummer. Das ist eine Maschinerie“, sagt sie. Die Hormone setzten ihr zu. „Du bist nicht mehr du. Manchmal habe ich geheult, weil die Butter alle war“, beschreibt sie sich in schlechten Zeiten.

Mit ihrem Weg durch die Kinderwunschzentren ist Susanne Gonswa nicht allein. Das Deutsche IVF-Register veröffentlicht, wie viele Eingriffe jährlich in Kinderwunschzentren stattfinden. Im Jahr 2020 verzeichneten die 134 Kinderwunschzentren in Deutschland 116.306 Behandlungszyklen bei 62.431 Frauen.

Wie viele Eingriffe bei ihr in den drei Jahren stattgefunden haben, weiß Gonswa nicht. Auf die Stimulation folgen die Entnahme der Eizelle und Befruchtung, dann wird untersucht, ob die Befruchtung geklappt hat. „Jedes Mal hoffst du innig“, beschreibt Gonswa das. „Dann musst du da anrufen. Eine Sprechstundenhilfe geht ran, die unempathisch mitteilt: Hat übrigens nicht geklappt.“ Der nächste Termin wird vereinbart.


Susanne Gonswa betreibt den Podcast „Kinderwunschlosgluecklich“ für ungewollt Kinderlose. © privat

Auf der Parkbank sitzend beschreibt Gonswa, ihren Weg, in dem sie sich immer mehr verlor. Noch immer wird sie beim Erzählen teils traurig und zeigt die Wut über die Behandlung. Immer, wenn es nicht geklappt hat, sagte ihr jemand in der Kinderwunschklinik, es gäbe noch viele Möglichkeiten. „Dann machst du das alles mit“, erklärt Gonswa. „Man hat kein Stoppgefühl mehr. Du hast immer Angst, dass du eine Chance verpasst, wenn du das nicht auch noch über dich ergehen lässt“, erklärt sie.

23,3 Prozent der Eingriffe führen zu einer Geburt

Ein Blick auf die Zahlen des Deutschen IVF-Registers verrät: Bei 31,9 Prozent kommt es bei der künstlichen Befruchtung von frisch entnommenen Eizellen zu einer Schwangerschaft, bei 23,3 Prozent der Eingriffe zu einer Geburt. Eine Schwangerschaft bedeutet nicht gleich, ein gesundes Kind zu bekommen. Auch Fehlgeburten gehören dazu. Die Chancen auf eine Schwangerschaft steigen mit jedem Versuch. Allerdings stehen die Chancen schlechter, je älter die Frauen sind. Ab 35 Jahren nimmt die Wahrscheinlichkeit rasant ab.

Der Arzt Ulrich A. Knuth ist Vorsitzender des Bundesverbands Reproduktionsmedizinischer Zentren e.V. (BRZ). „Einer Frau in der Kinderwunschbehandlung zu sagen „Wir kriegen dich schwanger, ist nicht korrekt“, sagt er zu Gonswas Erfahrung. „Die Leute, die in den Praxen sitzen, unterliegen natürlich auch finanziellen Zwängen. Die stellen das vielleicht ein bisschen positiver dar.“ Knuth hat selbst in einem Kinderwunschzentrum gearbeitet. Für ihn sei der Standard der Beratung immer die Statistik des Deutschen IVF-Registers. „Das ist die Basis, auf der man gut und objektiv aufklären kann“, sagt er.

Susanne Gonswa sagt: „Ständig hörst du Geschichten, in denen es trotzdem klappt. Du siehst bei Instagram permanent, wer doch schwanger geworden ist. Du hörst nicht: Die hatte auch schon acht Fehlversuche. Darüber sprechen die wenigsten.“ Genau das ist ihre größte Kritik am System Kinderwunschbehandlung: „Hier liegt die Verantwortung bei den Ärztinnen und Ärzten, zu sagen: Passt mal auf, wir sollten mal überlegen, wie denn ein Leben ohne Kinder aussähe.“ Das fände nicht statt.

Ulrich Knuth vom Verband der Kinderwunschzentren sieht das ähnlich. Es sei Teil der Arbeit, die Paare darauf vorzubereiten, dass es auch nicht klappen kann. „Es gibt gute und es gibt schlechte Ärztinnen und Ärzte. Gute Mediziner nehmen sich die Zeit für Ihre Patientinnen und klären auf.“ Seine Empfehlung an Frauen mit Kinderwunsch: Sich mit anderen Paaren austauschen, informieren und im Zweifel eine andere Praxis suchen.

Kinderlose Frauen leiden unter dem gesellschaftlichen Tabu

Susanne Gonswa kritisiert nicht nur das System Kinderwunschbehandlung. Sie kritisiert die Stigmatisierung, die kinderlose Frauen erleben. „Sobald du kein Kind hast, bist du eine Karrierefrau.“ Das habe sie sich auch anhören müssen. Gonswa hat oft das Gefühl, eine Frau würde nur zählen, wenn sie ein Kind bekommt. „Mein Leben ohne Kind ist ja kein Trostpreis“, sagt sie.

Sie erzählt von einem besonderen Moment: Eine Nachbarin am Gartenzaun fing wieder mit dem Thema an. Es sei so leise in der Nachbarschaft, da fehle „was Kleines“. „Ihr müsst euch mal ranhalten“, sagte die Nachbarin. Da sei Gonswa der Kragen geplatzt. „Da habe ich ihr die Fakten an den Kopf geknallt: Weil es bei uns nicht klappt. Ich bin seit drei Jahren in der Kinderwunschbehandlung und wir wünschen uns das viel mehr, als du dir das wünscht.“ Seit diesem Moment spricht sie offen über ihre Kinderwunschbehandlung.

Im März 2021 hat sie ihren Podcast „Kinderwunschlosglücklich“ gestartet. Gleich in der ersten Folge erzählt sie eines ihrer schlimmsten Erlebnisse: In der dritten Kinderwunschklinik war alles sehr edel in Goldtönen eingerichtet. Als sie dann doch zur Ärztin reingerufen wurde, erfuhr sie harsch: „Bei Ihren Werten ist eine Kinderwunschbehandlung reine Körperverletzung.“ Damit meinte die Ärztin die mehr als 20 verschiedenen Blutwerte, die ermittelt werden, um die Erfolgschancen einer Kinderwunschbehandlung beurteilen zu können. Da begann Gonswa langsam zu realisieren, dass sie vielleicht kinderlos bleiben würde. 

Den Wunsch aufzugeben – das ist das Schwierigste

Doch selbst nach den deutlichen Worten der Ärztin in der schicken Kinderwunschklinik konnte die sonst so selbstbewusste Frau noch nicht aufhören. „Ich konnte den Wunsch nicht loslassen.“ Die teuren Medikamente hatte sie noch zu Hause, hat sich weiter jeden Tag Spritzen gesetzt. „Eines Morgens stand ich dann vor dem Spiegel und sah mich mit dieser Spritze und dachte: Was tue ich meinem Körper an? Was tue ich meiner Seele an?“, erinnert sie sich genau. Ihr Bauch fühlte sich an den Einstichstellen der Spritzen ganz taub an. Viele Frauen, mit denen Gonswa in ihrem Podcast spricht, haben diesen Moment nicht. Sie kenne Frauen, die trotz vieler Fehlgeburten weiter machten mit der Kinderwunschbehandlung. Sie ist sehr dankbar für diesen Moment, der sie befreit hat. 

Alles, was die 45-Jährige an diesem Nachmittag im Park erzählt, ist ein riesiges Tabu. „Das Thema muss sichtbarer gemacht werden, damit die Frauen sich nicht so allein damit fühlen.“  Mittlerweile wurden die Folgen des Podcasts „Kinderwunschlosglücklich“ 8.500 mal gehört. Gonswa bekommt Zuschriften über Instagram, spricht mit vielen Frauen. Viele haben noch nie über ihre Erfahrung gesprochen und tun das im Podcast zum ersten Mal.

Sie hat mit ihrem Podcast eine Plattform geschaffen, auf der sich ungewollt Kinderlose austauschen und Mut machen und auf der auch Mütter viel von Kinderlosen lernen können. „Ich erlebe viel Verständnis, wenn wir nur darüber sprechen, was wir erlebt haben“, sagt die Podcasterin zum Ende des Gesprächs.

Der Artikel erschien am 1.12.2021 auf Tagesspiegel Plus.






















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