Lena Frommeyer

Redakteurin & Dozentin für Online-Journalismus

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Volker Schmidt rührt auf dem Hansaplatz in seiner Gulaschkanone. | © Lena Frommeyer

Kalt, feucht, windig: Der Winter ist für Obdachlose hart. Drei private Initiativen in Hamburg zeigen, wie Zusammenhalt jenseits etablierter Nothilfen funktionieren kann.

Von: Lena Frommeyer

Vor der Tankstelle an der Feldstraße sitzen zwei Männer und trinken Wein. Auf dem Kiez klappern Punks mit Kleingeld im Plastikbecher. In der Ottensener Fußgängerzone kniet ein Mann auf dem nassen Pflaster. Wer durch Hamburg läuft, begegnet Obdachlosigkeit. Jeden Tag, in jedem Stadtteil der Innenstadt.

Vor fünf Jahren wurde letztmals offiziell nachgezählt: 1.029 Menschen lebten damals in Hamburg auf der Straße. Heute dürften es weitaus mehr sein, was unter anderem mit der wachsenden Zahl an Flüchtlingen, der EU-Osterweiterung und steigenden Mietpreisen zusammenhängt. Die Politik kommt nicht hinterher, dauerhaften Wohnraum für jeden zu schaffen. In diesem Winter organisiert die Stadt mit 850 Schlafplätzen das größte Notprogramm aller Zeiten.

Jeden Morgen stehen die Obdachlosen dann wieder auf dem Bürgersteig. Menschen eilen an ihnen vorbei und viele schauen angestrengt in eine andere Richtung. Es gibt aber auch einige Hamburger, die sich für sie einsetzen. Die ihnen abseits städtischer und kirchlicher Projekte helfen.

Projekt 1: Der Mann mit der Gulaschkanone

Volker Schmidt ist ein fröhlicher Mensch. "Wehe, du isst vorher was", droht er, wenn man sich mit ihm an seiner mobilen Suppenküche verabredet. Dann lacht er schallend. Der Mann mit dem weißen Rauschebart verteilt auf dem Hansaplatz in St. Georg kostenlos warme Mahlzeiten. An zwei Tagen in der Woche darf er hier zur Mittagszeit stehen, jeden Montag und Mittwoch. Dann holt er mit dem großen Holzlöffel bis zu 120 Portionen Suppe aus der karminroten Gulaschkanone.

Dabei hat Volker Schmidt selbst nicht viel. Er habe zwar mal ein Haus besessen, sei dann aber "abgestürzt". Heute beziehe er Hartz IV. Engagieren will er sich trotzdem. Im März 2013 kam ihm die Idee mit der mobilen Suppenküche. "Ich wollte dort hingehen können, wo die Leute hungrig sind und ihnen helfen", sagt er. Schmidt recherchierte im Internet und kam in Kontakt mit einem Ex-Offizier in Dresden, dem er kurz darauf die ehemalige Feldküche abkaufte. Von seinem privaten Geld.

"Das ist hier alles noch Original DDR", sagt Schmidt und klopft mit der Faust auf die rot lackierte Stahlkonstruktion. Ein großer Kessel, geschweißt auf einen modernen Autoanhänger, beheizbar mit Feuerholz. Ein rostiger Schornstein reckt sich in den Himmel. Den Ofen aber darf er nicht benutzen. Der Suppenmann muss sein Essen mit einem Gaskocher warmhalten. Auflage der Behörde.

Schmidts Einsatz ging eine lange Debatte voraus. Nachdem er seine Feldküche gekauft hatte, sprach er mit der Stadt über sein Anliegen - und traf vor allem auf Ablehnung. Anwohner, Gewerbetreibende und Politiker befürchteten, dass mit der Suppenküche noch mehr Obdachlose zum Hansaplatz kommen würden und er weiter verwahrlose.

Volker Schmidt nahm ihnen nach und nach die Angst. "Ich wohne seit 14 Jahren an der Ecke. Ich kenne die Leute. Ich trinke hier oft selbst mein Bier. Ich weiß, wie man mit denen umgehen muss", sagt er.

Schließlich war die Stadt einverstanden - und gewährte sogar finanzielle Unterstützung. Zunächst allerdings nur für den vergangenen Winter. "Die Leute haben auch im Sommer Hunger", wandte Volker Schmidt ein. Er musste erst einen neuen Antrag stellen und darauf warten, dass der Ausschuss erneut tagte. Lange passierte nichts. Schmidt verwies auf seine Rechte. Er schrieb die Hamburger Verfassung per Hand ab, weil sein Drucker nicht funktioniert, und legte sie im Bezirksamt Mitte vor.

Als er Erfolg hatte, war der Sommer vorbei. Aber immerhin: Für den aktuellen Winter hält er eine neue Genehmigung in den Händen. Ein Etappensieg. Schmidt möchte gerne an mehr als zwei Tagen sein Essen verteilen dürfen. Und er will auch im Sommer vor Ort sein. Dafür kämpft er. "Nicht, dass meine Suppenküche wieder ein halbes Jahr vor meiner Haustür steht und vor sich hin rostet. Das wäre doch wirklich zu schade."

Es ist 13 Uhr. Schmidt rührt im Kessel, damit die Suppe nicht ansetzt. Heute gibt es einen Eintopf aus Tomaten, Brokkoli, Spargel und Reis. Die ersten Abnehmer schlendern herbei. Sie lesen, was auf seiner Tafel steht. "Alles umsonst", sagt Schmidt. Bekannte grüßt er im Vorbeigehen. "Moin." "Hallo." "Moin." Die Suppenküche macht nicht nur die Essenden, sondern auch ihn glücklich.

Projekt 2: Rucksack voll Hoffnung

Oft sind es simple Ideen, die Erfolg bringen. Wie die von Kamile Kantarci. Sie bepackt Rucksäcke mit nützlichen Dingen und verteilt diese an Obdachlose. "Ich habe das YouTube-Video eines jungen Mannes gesehen, der eine ähnliche Aktion in den USA durchführt", erzählt Kamile Kantarci. "Da dachte ich, das willst du auch machen."

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Kamile Kantarci, Gründerin von "Rucksack voll Hoffnung" in Hamburg  |  © Lena Frommeyer

Im Mai 2014 richtete die Hamburger Krankenschwester eine Facebook-Seite für ihr Projekt Rucksack voll Hoffnung ein. Ihr Bruder kreierte das Logo. Freunde machten sie auf Kiezhelden aufmerksam. Die Hilfsinitiative des FC St. Pauli unterstützt Privatmenschen dabei, soziale Projekte umzusetzen. Kamile Kantarci bewarb sich. Im September sammelte sie erstmals Rucksäcke und Sachspenden vor dem Millerntor-Stadion ein.

Wenig später verteilte Kamile Kantarci die Spenden in der Stadt. Die Rucksäcke sind befüllt mit Dingen wie Kosmetiktaschen, Zahnbürsten, Mützen, Handschuhen, Nagelsets und Schokolade. Den Moment, in dem sie den ersten Sack übergab, wird Kantarci nie vergessen. Die zwei Männer bei der Tankstelle an der Feldstraße brauchten einen Moment, bis sie verstanden, was sie wollte: "Sie haben mir erst nicht geglaubt, dass ich das ernst meine. Dann haben wir uns umarmt", erzählt sie.

Mitte Dezember, Kamile Kantarci steht wieder vorm Fußballstadion. Der FC St. Pauli hat gleich ein Heimspiel und der Platz vor der Südkurve ist voller Menschen. Der Berg aus Rucksäcken, Jacken und Schuhen wächst stetig. Auch Firmen bringen Dinge vorbei. Sechs freiwillige Helfer packen mit an.

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FC St. Pauli-Spieler Florian Kringe mit Helferinnen des Projektes "Rucksack voll Hoffnung"  |  © Lena Frommeyer

Florian Kringe, Spieler des FC St. Pauli, fährt mit seinem Wagen vor. Er öffnet den Kofferraum des Range Rovers. Bis an die Decke voll mit Kleidersäcken. Die Mannschaft hat von der Aktion erfahren und daraufhin im privaten Umfeld gesammelt. Helferin und Pauli-Fan Daniela Siems macht ein Foto. Sie ist wie viele über Facebook auf das Projekt aufmerksam geworden. "Ich habe gesehen, dass eine Freundin ihre Zeit gespendet hat. Das wollte ich auch."

Kamile Kantarci betrachtet den Spendenberg. "Die nächste Aktion ist gesichert", sagt sie. Dann macht sich die Hamburgerin wieder auf den Weg, um die Rucksäcke in ihrer Stadt zu verteilen.

Projekt 3: Suspended Coffee

Eine Tasse Kaffee ist voller Symbolik. Freunde laden sich gegenseitig dazu ein. Frisch verliebte beugen sich über sie. Sie steht für Interesse und Wärme. So zumindest sieht das Dominik Melchior. Der Barista mit Bart und Hornbrille arbeitet im Bio-Café Angekommen in der Langen Reihe, das bis vor Kurzem noch  Lohas Coffee hieß. Gäste können hier einen Kaffee für Bedürftige "zurückstellen lassen". Zwei bestellen, einen trinken. Der andere wandert als Kassenbon in ein Glas auf dem Tresen — bis ihn ein Obdachloser einlöst.

Suspended Coffee ist eine globale Bewegung. Wohlsituierte Italiener erfanden das System nach dem Zweiten Weltkrieg in Neapel. Nun lebt es weltweit wieder auf. "Deutschland ist Nachzügler", sagt Barista Melchior. Neben dem Angekommen bieten nur drei weitere Läden in Hamburg den Service an: der Veganimbiss Befried auf St. Pauli, das Café Rossio in Eilbek und das Cup&Cino in der HafenCity.

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Das Glas, in dem im Café Angekommen Bons für Obdachlose gesammelt werden  |  © Lena Frommeyer

An der Langen Reihe 25 stellen drei bis vier Gäste pro Tag einen Kaffee zurück. Manchmal auch mehr. Gerade liegen zwei Bons im Glas. Draußen ist es kalt geworden. "Dann ist die Nachfrage größer als sonst", sagt Melchior. Meistens sind es Hinz&Kuntz-Verkäufer, sie bieten erst im Café ihre Zeitschriften an und fragen dann nach einem Heißgetränk. Auch eine Frau, die jeden Tag an der Ecke um Geld bettelt, trinkt gerne einen Tee, um sich aufzuwärmen. Manchmal kommen auch Bedürftige aus anderen Stadtteilen.

Dass Menschen den Service des Café ausnutzten, komme nur selten vor, glaubt Dominik Melchior. Ihm sei lediglich eine Frau aufgefallen, bei der er vermute, dass sie nur schnorre. Sie trage jedes Mal andere Mäntel und Handtaschen. "Da frage ich mich schon, ob die das nötig hat."

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