Lena Frommeyer

Journalistin & Dozentin für Online-Journalismus

1 Abo und 3 Abonnenten
Artikel

Zu Besuch bei den Tee-Scouts: Heiße Ware

Image 1373224 860 poster 16x9 vrgg 1373224

Kennengelernt haben sich Stephan Suen (l.) und Jürgen Pitzschel während des Sinologiestudiums in Süddeutschland. Später gingen beide nach Hamburg, wo sie ihr Start-up Tea Addicts gründeten.

Zwei Hamburger Unternehmer haben in Deutschland die Wertschätzung für Tee vermisst. Nun mischen sie in der Craft-Tee-Szene mit und wandern für die besten Pflanzen bis ins chinesische Hochgebirge.


Fotos und Texte: Lena Frommeyer

Für guten Tee reist Jürgen Pitzschel um den halben Globus. Zuletzt saß der Hamburger Tee-Sommelier über 30 Stunden in drei verschiedenen Flugzeugen und musste dann noch mal zweieinhalb Tage mit Bus und Bahn fahren, bis er am Ziel war: Kunming im Südwesten Chinas. Hier, auf über 1600 Metern Höhe, werden die teuersten Pu-Erh-Tees der Welt produziert, hergestellt aus den getrockneten Blättern etwa eineinhalbtausend Jahre alter Teebäume.

Pitzschel und sein Geschäftspartner Stephan Suen sind nur an Sorten interessiert, die aus der Pflanze Camellia Sinensis hergestellt werden und damit als echter Tee gelten, die unter fairen Bedingungen und in Bioqualität gepflückt und verarbeitet wurden. Tee, der zu schade ist für die industrielle Abfüllung in Beutel. Von ihren Reisen bringen sie Pu-Erh und Oolong aus China mit, Sencha aus Japan, grünen Tropentee aus Malawi und Ceylontee aus Sri Lanka.

Ihre Entdeckungen verkaufen sie in ihrem Laden "Tea Addicts" in Hamburg. Verglichen mit den Teegroßhändlern in der Speicherstadt, sind sie die Punks der Branche. Ihr Geschäft ist im Künstlerquartier Gängeviertel, umgeben von Kulturflächen, einer Fahrradwerkstatt und einem feministischen Sexshop.

Handgefertigte Keramiktassen und Stahlbehälter mit Tee stehen vor unverputzten Wänden. Im Hintergrund brodelt Wasser, auf das Fiepen einer Stoppuhr folgt genussvolles Schlürfen. Pitzschel bereitet gerade weißen Tee nach der chinesischen Gong-Fu-Methode zu. Die Art der "Teezubereitung mit besonderer Sorgfalt" entstand wahrscheinlich im 18. Jahrhundert in Südostchina und wird vor allem bei halb- und postfermentierten Tees angewendet.

Das Siegel auf dem Papier verrät, dass dieser Bai Mu Dan sieben Jahre lang gereift ist. Für diesen weißen Tee werden die Blattknospe und die zwei obersten Blätter per Hand gepflückt und anschließend in der Sonne getrocknet. Nach einer kurzen Oxidationsphase, die für den Geschmack des Tees entscheidend ist, wird er in Form gepresst, zu so genannten Cakes. In Papier eingeschlagen sind die Teescheiben leicht transportierbar und können weiter reifen.

Die Teezubereitung ist für Pitzschel und Suen eine Kunst. Erst erwärmt Pitzschel die Kanne mit heißem Wasser, anschließend füllt er sie etwa zur Hälfte mit Tee, dann werden die Blätter "gewaschen". Dazu übergießt Pitzschel sie mit Wasser, das er sofort wieder ablaufen lässt. Danach folgt der erste von mehreren Aufgüssen bei exakt 80 Grad, bei höheren Temperaturen kann der Tee bitter werden. Der zweite Aufguss gilt als der beste.

Bei aller Liebe für Rituale sind die Teetrinker aus dem Gängeviertel jedoch völlig undogmatisch. "Jeder mag seinen Tee anders. Das soll schließlich Spaß machen", sagt Pitzschel, und Suen erzählt von seinem Vater, der morgens eine ordentliche Portion Tee in ein Glas und kippt den ganzen Tag lang Wasser nachgießt: "Grandpa Style".

Kennengelernt haben sich die Tea Addicts während des Sinologiestudiums in Süddeutschland, kurz bevor Pitzschel für ein Jahr nach Shanghai zog und dort mehr Zeit in Teehäusern verbrachte, als im Hörsaal. Suens Familie stammt aus Taiwan, Tee spielte bei ihm zuhause schon immer eine große Rolle. Später gingen die beiden nach Hamburg, wo es sehr schwer gewesen sei, Tee von guter Qualität zu bekommen und gleichzeitig etwas darüber zu erfahren, woher genau er stammt, wie er angebaut und wann er geerntet wurde.

"Irgendwann haben wir Tapetenstreifen auf den Boden gelegt und aufgeschrieben, was wir anders machen würden", sagt Stephan Suen. So entstand die Idee, Menschen für "echten Tee" zu begeistern und dabei an einen Tisch zu bringen. Alle zwei Wochen laden sie seitdem ein zum "T Club", bei dem Anfänger auf Tee-Geeks treffen und sich austauschen können. Auf ihrem Youtube-Channel diskutieren sie über Wassertemperaturen und Equipment. Außerdem bieten sie Workshops an. Mit Überzeugungstätern aus anderen deutschen Städten haben Pitzschel und Suen das Freie Tee Forum gegründet, eine Interessensgemeinschaft, die sich für Werte wie transparente Handelsketten und Qualitätsbewusstsein starkmachen möchte.

Bei der Auswahl ihrer Ware sind die zwei Unternehmer kompromisslos, sagen sie: Die Qualität müsse genauso stimmen wie die Chemie mit den Plantagenbesitzern. Bioqualität und faire Arbeitsbedingungen seien ihnen sehr wichtig. Das zeigen sie nicht über offizielle Siegel, sondern indem sie ihre Plantagenbesuche mit der Kamera festhalten und die Filme später auf ihre Website stellen.

Etwa 60 Teefarmen haben Suen und Pitzschel in den vergangenen drei Jahren abgeklappert. "In Taiwan gibt es eher kleine Familienbetriebe", sagt Suen. Die findet man aber nicht im Internet. "Ich peitsche also mit meinem Roller die Berge hoch und spreche jeden an, der vor seinem Haus sitzt." Wenn alte Frauen an Straßenkreuzungen die Ernte in Säcken verkaufen, sei das auch ein guter Anhaltspunkt. Dann fahre er nachmittags mit zur Plantage. So fallen Zwischenhändler weg und er kann mit den Pflückerinnen auf dem Feld sprechen.

Bei ihrer Suche nach guten Tees und korrekten Bauern haben die zwei Hamburger auch schon abenteuerliches erlebt: In Georgien wurde er einmal von bewaffnetem Sicherheitspersonal in Empfang genommen. "Das ist in ehemals kolonialisierten Ländern, die keine eigene Teekultur haben, nicht selten", erklärt er. "Viele Hersteller produzieren hier auf Masse für den Export und schützen sich vor unerwünschten Blicken."

In Hamburg dampft mittlerweile Oolong in der Glaskanne, eine Sorte, die in ihrer Herstellungsart zwischen grünem und schwarzen Tee liegt. Pitzschel nimmt den ersten Schluck. "Schmeckt ein bisschen nach Nuss", sagt er. "Irgendwie creamy greeny", meint Suen. "Schmeckt gut", würde wahrscheinlich sein Vater sagen. Recht haben sie alle drei. So demokratisch kann Genuss sein.

Zum Original