Lena Frommeyer

Journalistin & Dozentin für Online-Journalismus

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Obike im Test: Eine Tour mit dem ausrangierten Leihfahrrad durch Hamburg

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Das O-No-Bike auf dem Deich

Die ganze Welt scheint Obikes zu hassen. Doch wie fühlt es sich an, auf so einem ausrangierten Leihrad unterwegs zu sein? Lena Frommeyer hat eine Tour unternommen.


Mein Obike quietscht. Jedes Mal, wenn sich die Pedalkurbel dreht. Es klingt wie ein Welpe, der vorm Supermarkt allein gelassen wurde. Erbärmlich. Ich wirke wohl ebenso erbärmlich, wie ich schwitzend und strampelnd auf dem Rad sitze: Wer mir entgegenkommt, schaut betroffen. Wer vor mir läuft, dreht sich irritiert um.

Mein gelb-graues Fahrrad erregt Aufsehen, im schlechtesten Sinn. Mit Tausenden Exemplaren hatte der Leihradanbieter Obike aus Singapur Anfang 2017 die Großstädte in 24 Ländern überschwemmt. Die Räder konnten mit einer App gemietet und an einer beliebigen Stelle in der Stadt wieder abgestellt werden. Über GPS ließen sich die Räder in der Stadt orten.

Der Markt schien vielversprechend zu sein. Auch andere asiatische Anbieter wie Mobike und Ofo stiegen ein und konkurrierten mit etablierten Verleihern wie den Mietfahrrädern der Deutschen Bahn oder dem Hamburger "StadtRad". Doch im Sommer 2018 meldete die Firma Insolvenz an.

Ist das Ramschrad tatsächlich so unfahrbar?

Seither sind die ehemaligen Leihräder in manchen Städten zum Problem geworden. In München lagen viele Exemplare schrottreif im Gebüsch und werden nun entsorgt. Wie zynisch - will die Sharing Economy doch eigentlich ein Statement gegen die Wegwerfgesellschaft setzen. In Hamburg wurden Tausende unbenutzte Modelle für etwa 70 Euro verkauft.

Die Motivation der Käufer ist unterschiedlich: Während sich die einen kein teures Rad leisten können, wollen andere einfach wissen, ob das Ramschrad aus Fernost tatsächlich so unfahrbar ist, wie es heißt. Und auch ich bin neugierig - und gebe einem ausrangierten Obike eine Chance.

Weil das Rad so unfassbar laut ist, spare ich mir auf meiner Tour durch Hamburg wenigstens das Klingeln. Tatsächlich dachte ich zuerst, dass das Obike gar keine Klingel hat. Bis ich schalten wollte und beim Drehen des Plastikrings am Lenker zusammenzuckte. Keine Schaltung also, dafür ein weiteres Geräusch.

Der massive Rahmen, die Vollgummireifen und der unerklärliche Widerstand beim Treten machen das Rad so schwergängig, dass es selbst bergab an Tempo verliert. Ich manövriere es durch die Kurven, Bordsteine hinauf. Der Ruf ist meinem Obike vorausgeeilt - in Prüfberichten, Fachartikeln, der Tagespresse.

Nachdem in Hamburg-Barsbüttel 10.000 Obikes aus einer Lagerhalle heraus losgeschlagen wurden, sprach die Hamburger Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz eine Warnung aus. Bei zwei Prüfstellen waren die Bandbremsen durchgefallen. Das Kieler Verbraucherschutzministerium ordnete daraufhin eine Rückrufaktion an und riet von der Benutzung ab.

Trotzdem: Mit einem Obike durch die Stadt zu fahren, ist laut Hamburger Gesundheitsbehörde nicht prinzipiell verboten.

Obike-Fans im alten Arbeiterstadtteil Wilhelmsburg

Immer, wenn die Sonne auf die Solarzellen am Rahmenschloss fällt, ertönt auf einmal ein nerviges Piepen. Der Theorie eines anderen Obikers zufolge könnte es sich um eine Art Diebstahlschutz handeln: Wer eines der Räder klaut, wird von dem Geräusch zermürbt und tut es nicht wieder.

Ich radele von der Hamburger Innenstadt zum Hafen und durch den Alten Elbtunnel. Bretthart bollert das Rad über die Fahrbahnschwellen. Auf der anderen Seite bin ich nicht mehr die einzige, die Obike fährt. Im alten Arbeiterstadtteil Wilhelmsburg rollen Handwerker und Studenten auf den Rädern durch die Straßen. Etwas ungelenk, aber auch glücklich sehen sie aus.

"Das Obike ist ein Artefakt der Zeitgeschichte"

Einer der Fahrer ist Marco Antonio Reyes Loredo. "Das Obike ist doch ein Artefakt der Zeitgeschichte", sagt der Kulturanthropologe. "Die Versinnbildlichung des südostasiatischen Turbokapitalismus, mit der man hier über die Straße rollt." Er ist so begeistert, dass er bald den ersten Obike-Klub Deutschlands gründen will.

Täglich fährt er mit seinem gelben Rad, das ihm ein Freund aus dem Lagerverkauf mitgebracht hat, durchs Viertel. Wenige Hundert Meter seien wie eine Königsetappe, sagt er. Trotzdem will er sein Zweitrad nicht missen. "Wenn ich anschließend auf mein anderes Fahrrad steige, fühlt sich das wahnsinnig gut und leicht an."

Die Bremsen sind gefühlt das einzige, was funktioniert

Außerdem sei er noch nie so oft angesprochen worden, wie auf einem Obike sitzend. "Ich habe keine Kinder und keinen Hund, um mit Leuten ins Gespräch zu kommen. Da tut's auch dieses Rad."

Wir fahren gemeinsam über den Deich. Marco Antonio Reyes Loredo auf seinem Obike und ich auf meinem. Zu zweit finde ich das alles irgendwie okay. Vielleicht bin ich aber auch einfach nur zu erschöpft, um Widerstand zu leisten.

Als es steil bergab geht, muss ich grinsen. Die Bremsen meines Rades, der Grund, weshalb es auf deutschen Straßen nicht mehr fahren soll, sind das Einzige, was zu funktionieren scheint. Noch. Die Kurbel hingegen quietscht immer lauter, bewegt sich immer schwerer.Ich stelle mein Rad in Wilhelmsburg ab, an einer viel befahrenen Kreuzung, nicht weit von meiner Wohnung entfernt. Ich schließe es nicht ab. Nach einer Nacht hat eine Spinne den Lenker an den Pfosten der Laterne gekettet. Nach einer Woche stehen die Vollgummireifen bis zur Felge im Laub. Wenn das Obike im Frühjahr noch da ist, werde ich vielleicht die Kurbel austauschen und mit ihm zum ersten Treffen des Obike-Klubs in Wilhelmsburg fahren. Mehr ist nicht drin.

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