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Mitten in Hadern: Dienstschluss im Waschkeller

Früher gab es Waschtage. Doch auch heute ist die Wäsche kaum mal so nebenher zu erledigen


Neun Monate. Diese Zeit verbringen wir in unserem Leben damit, unsere Wäsche zu waschen und zu bügeln. Das hat zumindest eine Studie des Wissensmagazins P. M. Fragen und Antworten 2014 ermittelt. In einem Wohnkomplex am "Haderner Stern" wird es allerdings zur organisatorischen Großaufgabe, auf diese neun Monate zu kommen, denn: Gewaschen wird dort nicht einfach so, wann und wie die Bewohner es möchten. Im Keller klärt ein Info-Papier über das Wichtigste auf: Waschzeiten werktags von 8 bis 20 Uhr. Manch einer liest gewiss diesen Hinweis, nimmt ihn aber ähnlich ernst wie die im Mietvertrag festgeschriebenen Ruhezeiten, "das schreiben die ja nur so".

Überrascht stehen diese Wäschewascher dann fünf Minuten nach 20 Uhr im stockdunklen Keller und ruckeln verzweifelt an der Waschmaschine, deren Trommel zwar nicht mehr rotiert, deren Türe sich aber auch nicht mehr öffnen lässt - Strom abgestellt. Kein Münchner macht so pünktlich Feierabend wie diese Waschanlage. Feiertagsdienst ist im Übrigen ganz unmöglich. Für die Vollzeit-Berufstätigen des Hauses beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Wer lange arbeitet, hat verloren, der hechtet abends schweißgebadet die Treppen hinunter, schmeißt das Zeug in die Trommel, wirft dem Zählautomaten auch noch schnell 2,50 Euro in den Rachen und betet mit Blick auf die Armbanduhr, es möge noch reichen.

Besonders Raffinierte waschen natürlich samstags und da nicht das ganze Haus den Samstag zum Waschtag ausrufen kann, gibt es neben den Waschzeiten-Überblicks-Papieren auch noch Wer-wäscht-wann-Terminlisten, in denen die Plätze zum sechsten Tag der Woche naturgemäß schnell ausgebucht sind.

Es geht aber auch anders im München des Jahres 2018: In einem Wohnturm im Münchner Olympiadorf beispielsweise sind die Mieter ebenfalls überwiegend viel beschäftigt. Feiner Unterschied: Neben Luxus-Apartments steht ihnen ein Rundum-Sorglos-Paket zur Verfügung. Das Wäschewaschen übernimmt hier auf Wunsch ein Concierge-Dienst. Das ergibt im besten Fall neun Monate mehr Lebenszeit. Klingt verlockend, hat aber auch seinen Preis. Zeit ist nun einmal Geld. Oder andersherum?

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