1 Abo und 0 Abonnenten
Artikel

Ein Experiment wird zum Evergreen

Das "Rock Requiem" von Guntram Pauli, Christian Kabitz und Klaus Haimerl, 1978 mutig als Amateurprojekt in der Christuskirche uraufgeführt, füllt auch heute noch die Hallen

Es beginnt wie die Geschichte eines ganz großen Hits: Guntram Pauli, damals 26 Jahre alt, sitzt im Jahr 1978 in einem kleinen, muffigen Kellerraum unter dem Gemeindehaus der Christuskirche in Neuhausen. Ein altes Klavier steht vor ihm. Pauli komponiert. Monatelang. Das heißt, eigentlich skizziert er grobe Akkorde über Texte. Im Grunde hat er überhaupt keine Ahnung von Kompositionslehre, er ist kein Komponist, er würde sich nicht einmal Musiker nennen, denn Pauli studiert Sport, weil da die Zensuren gepasst haben. Dass aus diesen intuitiven Skizzen ein musikalisches Werk werden sollte, das im Laufe der Jahre fast 200 000 Besucher anzieht, von dem 30 000 Tonträger verkauft werden und das 40 Jahre später immer noch die Hallen füllt - wie hätte es der junge Pauli ahnen sollen?

Der Hobbymusiker lebt Anfang der Siebzigerjahre im zweiten Stock des Gemeindehauses. Sein Vater ist der Pfarrer der Christuskirche. Christian Kabitz, der als Kantor den Chor leitet, wohnt auf dem gleichen Flur mit seinem WG-Mitbewohner Lothar Thorand, einem begabten Nachwuchsgeiger. Die Musik verbindet die jungen Männer in einer engen Freundschaft. Guntram Pauli spielt mit Klaus Haimerl in zwei "absoluten Amateurbands", wie er heute sagt, zu deren Auftritten der Geiger Thorand öfter Soli-Auftritte beisteuert. Sie alle fasziniert die Verbindung von Rock und Klassik. "Crossover" nennt man heute eine Komposition, die zwei so unterschiedliche Musikstile zusammenbringt. Ende der Siebziger, als die Grenzen zwischen Klassik und Rock sehr streng gezogen werden, existiert dieser Begriff noch nicht einmal.

Irgendwann wollen sie da etwas machen, beschließen die Freunde. Was dem Vorhaben aber lange fehlt, ist das richtige Thema. Den Anlass liefert am Ende ein tragischer Schicksalsschlag: Geiger Lothar Thorand stirbt 1975 plötzlich und viel zu jung an einem Aneurysma. Es ist Kabitz, der spontan die Idee hat, dem Verstorbenen ein modernes Requiem zu widmen. Damit wollen sich die Musiker ihren Traum von einer Rock-Klassik-Synthese erfüllen.

Drei Jahre dauert es, bis das Stück steht. Guntram Pauli verbringt Monate damit, passende Texte aufzutreiben. Sie entscheiden sich für klassische lateinische Messtexte, kombiniert mit moderner Rocklyrik. Pauli baut das melodische Grundgerüst und vertont die Texte mit Akkorden. Sein Freund Christian Kabitz arbeitet die klassischen Passagen aus und schreibt Partituren für Chor und Orchester. Nach anfänglicher Skepsis arbeitet auch Klaus Haimerl mit. Am 12. November 1978, dem Tag der Uraufführung in der Christuskirche, ist die Anspannung groß. Wie wird das musikalische Experiment, das sie bald "Rock Requiem" nennen, ankommen?

Doch gemeinsam mit anderen Band-Mitgliedern, dem Chor der Christuskirche und dem Orchester Bach-Collegium München reißen die Musiker das Publikum in der überfüllten Christuskirche mit. "Es war schlichtweg phänomenal", sagt Guntram Pauli fast genau 40 Jahre später, und es scheint, als hätte er immer noch nicht die passenden Worte dafür gefunden. Die Besucher sind begeistert, selbst Kritiker, die erst über "Pubertätsgeschrei" schimpfen, können sie überzeugen. "Danach dachten wir uns: Das kann es nicht gewesen sein", erzählt der Komponist.

Die Freunde wollen weitermachen. Eine Tonaufnahme soll her, richtig professionell im Studio produziert. Nur wie bezahlen? "Wir hatten ja nichts", sagt Pauli lachend. Die Studios winken reihenweise ab, eine so aufwendige Produktion, noch dazu als Doppel-LP, also 90 Minuten Aufnahme? Viel zu teuer, sagen die Insider der Szene, schlagt es euch aus dem Kopf! Die Musiker trotzen allen gut gemeinten Ratschlägen. Mit geliehenem Geld von Freunden und ohne Plattenfirma produzieren sie die Tonträger. Kosten: 130 000 Mark. "Es war ein Drahtseilakt ohne Netz", sagt Pauli rückblickend. Viel jugendlicher Leichtsinn war dabei. Aber es sollte gut gehen: Die Platten verkaufen sich bei Aufführungen auf Kirchentagen in den folgenden Jahren erstaunlich gut. Schon 1985 können sie die letzten Schulden begleichen.

Die vielen Aufführungen in den vergangenen Jahrzehnten waren jedes Mal ein Erfolg. Die Komponisten sind mit ihrem Stück alt geworden, einige Mitwirkende sind schon verstorben. Am Freitagabend feiert das Requiem in der Christuskirche den 40. Jahrestag. Eigentlich sollte dann wirklich Schluss sein. Seitdem das aber bekannt ist, häufen sich wieder die Anfragen. Guntram Pauli, heute 66 Jahre alt, zuckt mit den Schultern und lächelt: "Es wird wohl weiter gehen."

Für die Aufführung an diesem Freitag, 26. Oktober, gibt es von 19 Uhr an Restkarten an der Abendkasse. Beginn ist um 20 Uhr in der Christuskirche, Dom-Pedro-Platz 5.

Zum Original