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Mitten in Bogenhausen: Sehnsucht nach Papier

Mitten in Bogenhausen

Ein ganz wichtiges Buch fehlt in der Stadtteilbibliothek Bogenhausen: die "Encyclopedia Britannica", ein englischsprachiges Nachschlagewerk. Die veraltete Ausgabe wurde aus dem Bestand genommen. Eine "kulturfeindliche" Tat findet eine Bürgerin

Lebensqualität ist ein Begriff, den jeder etwas anders definiert: Für die einen ist es der Luxus, sich abends ein Gläschen teuren Weines zu genehmigen, für die anderen sind es vielfältige kulturelle Angebote, wieder andere verstehen darunter einfach nur Zeit, die sie mit der Familie verbringen können.

Etwas ferner liegt der Gedanke, Lebensqualität mit einer Enzyklopädie zu assoziieren; und doch knüpft eine Bürgerin aus Bogenhausen den Begriff an eine solche, genauer an die "Encyclopedia Britannica", ein englischsprachiges Nachschlagewerk. Seit die Stadtteilbibliothek Bogenhausen dieses Werk aus dem Bestand entfernt hat, sei diese "Lebensqualität aller Kulturbeflissenen" erheblich gesunken, erregte sich die Bürgerin kürzlich in einem Brief an den Bezirksausschuss Bogenhausen und an OB Reiter.

Nun darf man die "Britannica" nicht klein reden, immerhin geht es hierbei um Tausende von Seiten, Millionen von Buchstaben, 32 Bände, ja, insgesamt wohl zehn Zentner altehrwürdiges, wenn auch leicht angestaubtes Wissen. Ihre Empörung über den Verlust schrieb sich die ältere Dame mit deutlichen Worten von der Seele: "Das ist eine unverantwortliche, kulturfeindliche Tat, die nur von einem ungebildeten Ignoranten veranlasst worden sein kann", entrüstet sie sich und fordert "die umgehende Rücknahme dieser bildungsfeindlichen Maßnahme".

Die Stadtbibliothek Bogenhausen verteidigt sich, man habe "die nicht mehr genutzte und unzumutbar veraltete Ausgabe von 1989" zurecht aus dem Bestand entfernt. "Wir sind ja keine Archivbibliothek", sagte Leiterin Petra Bischof. Außerdem sei der Titel im Handel nicht mehr erhältlich, eine Neubeschaffung also ausgeschlossen. Seit 2012 wird die Enzyklopädie nur noch im Internet weitergeführt - und versucht sich dort als Konkurrenz zur kostenlosen Wikipedia.

Die "Britannica" sei damit keineswegs aus der Welt, erklärt Bischof weiter, beispielsweise beherberge die Stadtteilbibliothek Am Gasteig weiterhin eine Ausgabe des Nachschlagewerks. Doch die Wege zu anderen Bibliotheken seien insbesondere für Senioren und Gehbehinderte, zu denen sich die Bogenhauser Bürgerin zählt, weit beschwerlicher, konstatiert diese. Nun hätte man der Dame die schweren Schmöker ja theoretisch überlassen können. In der Praxis sei das aber schwierig, so die Bibliothek. Man sortiere täglich Bücher aus und könne nicht immer erst fragen, ob ein Bürger sich dafür interessiere. Schade eigentlich. Vermutlich wurde die Lexikonreihe auf einem der Flohmärkte gegen Spende abgegeben, vermutet Bischof.

Übrigens: Eine Studie des englischsprachigen Magazins Nature hat im Jahr 2005 festgestellt, dass sich die Artikel der angesehenen Britannica in der Qualität kaum von denen bei Wikipedia unterscheiden. Früher allerdings, als man sie noch druckte, waren sie viel schwerer.

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