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Im Westen was Neues

Unterwegs von Marokko bis Südafrika: Carlo Drechsel packt ein Surfbrett in seinen Bus und sucht auf großer Fahrt nach der Lässigkeit Afrikas. Das ist naiv, scheint zum Scheitern verurteilt - erstaunlich oft jedoch wird der Autor fündig.

Ein junger Surfer steigt ohne genauen Plan in einen alten Geländewagen. Von Europa aus fährt er durch Afrika, knapp 60 000 Kilometer, entlang der Westküste, von Marokko bis Südafrika. Klingt nach dem ultimativen Abenteuer. Klingt verrückt, gefährlich, naiv. Carlo Drechsel hat es gewagt. Im November 2014 treiben ihn Fernweh, Abenteuerlust, Neugier und die Flucht vor dem Alltag nach Afrika. Mehr als ein Jahr ist er unterwegs.

"Insight Africa" dokumentiert diesen Trip ins Ungewisse, der an vielen Stationen dem Scheitern nahe war. Etwa, weil Drechsel in Benin zunächst kein Visum für die Weiterreise nach Nigeria bekommt oder weil sein Auto in einem Fluss in Botswana stecken bleibt. Irgendwie geht es aber doch immer weiter, vor allem dank der Hilfe vieler Einheimischer, denen Drechsel auf seinem Weg begegnet.

Die Gastfreundschaft, mit der sie einen wildfremden Deutschen mit ungepflegtem Bart bei sich aufnehmen, ist den Menschen aus all diesen Ländern gemein - und wenn es ein Schlafplatz im Hof einer Familie ist, der ihm angeboten wird und den er sich mit zehn Kindern und einigen Ziegen teilt. Diese Freigiebigkeit überwältigt den Autor genauso wie die Wucht der Gegensätze - zum einen zwischen den einzelnen Ländern, aber auch innerhalb jeder Gesellschaft. Aus dem hoch entwickelten Marokko reist Drechsel ins vom Krieg gezeichnete Mali. Er streift durch das kulturreiche, offene Ghana weiter ins hochbewaffnete Nigeria mit seiner brutalen Millionenstadt Lagos. In Kamerun und Kongo trifft er wochenlang nur auf Einheimische, in Namibia wird er regelrecht überrannt von Deutschen auf Safaritour. Und als der Surfer das Kap der guten Hoffnung in Südafrika erreicht, drängeln die knipsenden Pauschalurlauber so sehr, dass ihm, der in dem Moment dasselbe will, ein ordentliches Abschiedsfoto misslingt.

Wo auch immer es den Abenteurer hintreibt, beobachtet er die Folgen des Kolonialismus, der Apartheid, der Kriege und sozialen Spannungen. "Ceuta war irgendwo, nicht relevant für mich", schreibt Drechsel, "jetzt, beim Anblick der Geflüchteten am Straßenrand, fühle ich anders - unmittelbarer." Eine Station weiter ist der Grenzübergang von Marokko nach Mauretanien aufgrund jahrzehntealter politischer Konflikte schwierig. In Namibia begegnet er einem Deutsch-Kanadier mit Hakenkreuztattoo.

Das Buch gibt private Einblicke in das Leben von Menschen, die sich ständig gegen Vorurteile wehren - und dabei bisweilen mit Humor überraschen. So wie eine Mutter in der Republik Kongo, die Drechsel von ihrem angeblichen Großfamilientraum mit zehn Kindern erzählt, nur, um zu sehen, ob er ihr das Klischee abnimmt. Mit seinen Beschreibungen erweckt der Autor ausdrucksstarke Bilder, in denen er das Erlebte detailgenau wiedergibt. Drechsels Sprache ist direkt und flapsig, wenn er beim Tanzen "einen expressiven Part shuffelt". Doch es passt zu dem heute 31-Jährigen, dass er flucht, Wellen "abfeiert" und sich daran berauscht, "was für ein Life" er doch habe. Man muss ihn mögen, andernfalls fühlt es sich unbequem und anstrengend an, ihn auf der Reise durch 18 Länder zu begleiten.

Mulmig wird dem Autor, wenn er alleine ist und den Weg nicht genau kennt. Kommt er unter Leute, fällt alle Anspannung von ihm ab

Lässt man sich aber auf seine Art ein, entsteht das Gefühl, ganz nah dran zu sein an seinen Begegnungen. Wenn ihm etwa Demonstranten in Burkina Faso erzählen, wie sie 2014 die Revolution im Land erlebt haben. Die Spannung in einem senegalesischen Wrestling-Stadion ist spürbar, auch das mulmige Gefühl, als Drechsel in der Wüste Malis von seiner geplanten Route abkommt.

"Insight Africa" hat Schwächen, erzählerisch wie inhaltlich - vor allem dann, wenn der Autor von sich berichtet. Aber er versteckt diese Schwächen erst gar nicht, will kein perfektes Märchen erzählen, sondern die Geschichte seiner Reise mit anderen teilen - ehrlich und ungefiltert, so wie er sie empfunden hat. Und will dabei zeigen, dass Afrika weit mehr ist als das Konstrukt, das viele Europäer sich von ihm zurechtlegen.

Carlo Drechsel: Insight Africa. Ein Roadtrip. Ein Surfbrett. Eine Geschichte. Verlag teNeues, Kempen 2018. 207 Seiten, 19,99 Euro.
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