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Getötet, nur weil sie Frauen sind

Marcha patriotica ni una mas

"Es ist nicht die Stunde des Schweigens - Wir haben das Recht Angst zu fühlen, aber nicht zu schweigen." Das Plakat fordert Aufmerksamkeit für Gewalt gegen Frauen. Foto: MARCHA MATRIÓTICA, CC BY-ND 2.0, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

In den patriarchal und machistisch geprägten Gesellschaften, wie in Guatemala, Nicaragua oder Mexiko, werden Frauen täglich Opfer von Gewalt und Mord – nur, weil sie Frauen sind. Der so genannte 'Feminizid' bezeichnet den Geschlechtermord an Frauen, wobei Mord die extremste Form der Gewalt darstellt. Auch sexualisierte Gewalt, Misshandlungen oder erzwungene Suizide werden darunter gefasst. Die Täter stammen meist aus der Familie oder sind (Ex-)Partner.


Für viele Frauen gehört diese Art von Gewalt zum Alltag, da sie es oftmals nicht anders kennen. Von klein auf widerfährt ihnen oder ihren Müttern, Schwestern und Freundinnen psychische und physische Gewalt. Die Opfer stammen meist aus ärmeren und bildungsfernen Schichten und sind junge Frauen.


Staat und Justiz bieten nur wenig Schutz und Hilfe, obwohl die Zahl der Frauenmorde jährlich zunimmt. Yesica Sánchez, Anwältin der feministischen Organisation "Consortium" in Mexiko, bemängelt, dass den Frauen keine physische, psychische oder sexuelle Integrität garantiert werde. Teilweise würden die Täter und nicht die Opfer geschützt. Über 90 Prozent der Feminizide blieben straffrei, erklärt Elba Beatriz Núñez, Koordinatorin für Lateinamerika und Karibik bei der Nichtregierungsorganisation "Cladem".


Ein begünstigender Faktor dieser Straflosigkeit sei die Militarisierung von Gesellschaften wie in Mexiko oder Honduras. Nachdem 2006 der damalige, mexikanische Präsident, Felipe Calderón, mit Hilfe des Militärs einen blutigen Krieg gegen die Drogenbanden und die organisierte Kriminalität begann, gab es einen massiven Anstieg von Anzeigen gegen Soldaten im militarisierten Gebiet, u.a. wegen Vergewaltigung und Folter. Die meisten Feminizide fänden in den Monaten nach einem Putsch statt, sagt Claudia Herrmannsdorfer vom Frauenrechtszentrum in Tegucigalpa, Mexiko.


Fehlende finanzielle Hilfe


Frauenhäuser wie " Acción Ya" in Nicaragua berichten von wachsenden Aufnahmezahlen. Etwa 30 Frauen erbeten hier im Monat Schutz, so Martha Munguía, Direktorin dieses Zufluchtsorts. Das sind über 300 Frauen im Jahr. Hunderte weitere fänden in anderen Häusern Zuflucht, die sich aus Spenden finanzieren. Bündnisse zwischen den einzelnen Organisationen, so die Direktorin weiter, ermöglichten die Betreuung der Frauen sowie deren Unterkunft, Verpflegung, emotionale Unterstützung und Rechtsberatung. Diese Bündnisse reichten jedoch nicht aus, um die Frauenhäuser vor einer Schließung zu bewahren.


Beispiel: Ciudad Juárez


Traurige, internationale Berühmtheit erlangten die Frauenmorde der 1990er Jahre im nordmexikanischen Ciudad Juárez im Bundesstaat Chihuahua. Auch, wenn die Zahl der Morde seither abgenommen hat, scheint es, als ob immer noch ein Netz aus Drogenkartellen, Politik und Polizei systematisch junge Frauen entführt, vergewaltigt, ermordet und an abgelegenen Orten in der Wüste zurücklässt. Die Menschenrechtsorganisation "Amnesty International" schätzt die Zahl der Opfer auf 400, andere NGOs sprechen von etwa 1.000.


Nach den Tätern wird nicht ernsthaft gesucht, sodass auch nach über 20 Jahren die meisten Fälle unaufgeklärt bleiben. Den Grund dafür sieht die Journalistin Mariana Berlanga, die seit Beginn der Frauenmorde in Ciudad Juarez zu dem Thema recherchiert, in der Verknüpfung von Drogen- und Frauenhandel. Politiker seien meist in das mafiöse System verstrickt, sodass dadurch die Aufklärung der Verbrechen verhindert werde, so die Journalistin weiter. Im aktuellen Menschenrechtsreport 2014/2015 von "Amnesty International" wird das "nationale System für die Verhütung, Bestrafung und Beseitigung von Gewalt gegen Frauen" kritisiert, da es nicht konsequent angewendet wird.


Frauen helfen Frauen


Das "Netzwerk von Frauen gegen Gewalt" RMCV ("Red de Mujeres contra la Violencia") setzt sich für den Schutz von Frauen vor Machismo und für Höchststrafen für Täter ein. In Nicaragua stehe Feminizid an erster Stelle der nicht natürlichen Todesursachen bei Frauen, so die Organisation. Jedes Jahr werden weltweit zwei bis drei Millionen Frauen ermordet, weil sie Frauen sind. Zentralamerika gehört, den Vereinten Nationen (UN) zufolge, zu den Regionen, in denen es am häufigsten zu Feminizid und Gewalt gegen Frauen kommt. Nicaragua verzeichnet jährlich an die 10.000 Gewaltfälle gegenüber Frauen, bei denen die Hälfte auf sexuellen Missbrauch zurückgeht und über ein Drittel der Opfer unter 14 Jahren sind. Die Dunkelziffer ist deutlich höher, da nicht alle Feminizide angezeigt oder überhaupt statistisch erfasst werden.


Um diesem Problem entgegenzuwirken, fand im September 2015 in Aguascalientes, Mexiko, die 16. Internationale Konferenz zu geschlechtsspezifischen Statistiken statt. Vertreterinnen aus ganz Lateinamerika forderten die Aufnahme von Merkmalen, wie z.B. das Geschlecht, bei der Erstellung von Statistiken. Auf diese Weise soll Gewalt gegenüber Frauen belegbar, eine Politik der Geschlechtergleichheit entwickelt und die Öffentlichkeit für Feminizide sensibilisiert werden.


Männer gegen Machismo


Das "Männerwerk für Gleichheit" in Buenos Aires, Argentinien, hat 2015 zahlreiche Männer dazu bewegt, ein "Gelöbnis für Gleichheit" zu unterschreiben. Auch Vertreter der Regierung, Justiz und Privatwirtschaft haben versprochen, regelmäßig ihre Verhaltensweisen und Einstellungen gegenüber Frauen zu überprüfen. Damit soll erreicht werden, dass sich alle "persönlich verpflichten, die Diskriminierungen in allen Gesellschaftsbereichen zu bekämpfen", so UN-Koordinator René Mauricio Valdés. Auch das Nachbarland Bolivien zeigt sich willens, etwas zu ändern: Nach dem Weltfrauentag im Jahr 2013 hat Bolivien ein Gesetz zum Schutz der Frauenrechte verabschiedet und Feminizid als neuen Straftatbestand mit einer Mindesthaftstrafe von 30 Jahren ohne Recht auf Bewährung deklariert.


Autorin: Laurine Zienc
Foto: MARCHA MATRIÓTICA, CC BY-ND 2.0 Zum Original