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Schöne neue Arbeitswelt? Wie hängen Job und Gesundheit zusammen?

Foto von Monica Silvestre

Sie ist fast so etwas wie eine milde Krankheit. Irgendwann haben wir akzeptiert, dass wir mit ihr leben müssen. Und wir freuen uns über das Ende jedes Tages, den wir mit ihr verbringen. ­Arbeit. Warum wir überhaupt zur Arbeit gehen? Um unseren Lebensunterhalt finanzieren zu können. Dafür gibt uns jemand Geld, dem die Arbeit, die wir verrichten, von Nutzen ist. In etwa so beschrieb der österreichische Sozialphilosoph Frithjof Bergmann ­Arbeit im konventionellen Sinn. Ganz falsch klingt das nicht, aber ernüchternd. Warum? Weil viele Erwerbstätige mittlerweile ein anderes Verständnis von Arbeit haben als früher.

Heute wünschen sich viele von uns, dass Arbeit mehr ist als ein reines Mittel zum Überleben. Frithjof Bergmann war es auch, der diesem veränderten Verständnis von Arbeit bereits Ende der Siebzigerjahre einen Namen gegeben hat: „New Work" war für ihn „die Arbeit, die wir wirklich, wirklich machen wollen". Schon damals bahnte sich ein Wertewandel in der Gesellschaft an: hin zu Arbeit als etwas Sinnstiftendem, etwas, das uns glücklich macht.

Arbeit wird unwichtiger

Darum schlug Bergmann vor, nur zwei Tage in der Woche der drögen, aber notwendigen Lohnarbeit - etwa in der Fabrik - nachzugehen. Ohne finanzielle Einbußen zu haben, könnte man dann den Rest der Woche persönliche Projekte umsetzen, also die Arbeit, die wir wirklich gerne machen würden. Heute könnte das zum Beispiel ein Ehrenamt sein. Es geht bei „New Work" aber nicht nur um mehr Spaß bei der Arbeit. Bergmann gab dem Konzept bereits eine gesundheitliche Dimension, indem er erklärte: „Die Arbeit, die wir leisten, sollte nicht all unsere Kräfte aufzehren und uns erschöpfen. Sie sollte stattdessen mehr Kraft und Energie verleihen."

Dass reine Lohnarbeit auch heute für viele Erwerbstätige - vor allem für junge Menschen unter 40 - weiter an Relevanz verliert, zeigt eine aktuelle repräsentative Studie des Meinungsforschungsinstituts YouGov. Mit 48 Prozent gab fast jede und jeder zweite in Vollzeit beschäftigte Befragte an, lieber in Teilzeit arbeiten zu wollen. Drei Viertel der Befragten wünschten sich die Einführung einer Viertagewoche in ihrem Unternehmen - bei gleichbleibendem Lohn.

Produktiver durch 4-Tage-Woche

Dass dieses Konzept zur Zufriedenheit der Mitarbeitenden beitragen könnte, lassen erste Ergebnisse eines britischen Pilotprojekts vermuten. Seit Juni dieses Jahres arbeiten dort 3300 Angestellte von 70 Unternehmen versuchsweise nur vier statt fünf Tage die Woche. Und bekommen trotzdem ihren vollen Lohn. Unter den Firmen sind sowohl Marketingagenturen als auch Betriebe wie ein „Fish and Chips"-Laden. Die bisher ver­öffentlichten Fallstudien der teilnehmenden Unternehmen zeigen, dass Mitarbeitende nicht nur glücklich über mehr Zeit für die Familie oder Erledigungen sind, sondern in der kürzeren Zeit sogar produktiver arbeiten. Wie gut die Idee auf lange Sicht wirklich funktioniert, wird sich nach dem Ende der Studie im Dezember zeigen. Denn die Viertagewoche kann zumindest gesundheitlich Vor- und Nachteile haben.

Neben neuen Bedürfnissen sind aber auch Digitalisierung, Globalisierung oder Krisen Treiber neuer Arbeitsformen. So ist der Begriff „New Work" vor allem seit Beginn der Corona-Pandemie wieder in aller Munde. ­Einige Medien setzen ihn seither mit der Arbeit im Homeoffice und besonders vielen Videokonferenzen gleich und bezeichnen diese Entwicklung oft als „das neue Normal". Unternehmen locken Bewerberinnen und Bewerber mit „New Work" - und meinen damit oft Pizza für alle in der Mittagspause oder den Tischkicker im Büro. Solche inflationär gebrauchten, einseitigen Auslegungen neuer Arbeitsformen kritisierte bereits Bergmann als „New Work im Minirock".

Wie Arbeit glücklich macht, ist individuell

Dr. Elke Ahlers stimmt dem zu. Sie forscht an der Hans-Böckler-Stiftung in Düsseldorf zur Zukunft der Arbeit. „Nicht alles, was flexibel oder hybrid geschieht, ist ‚New Work'", sagt die Sozialwissenschaftlerin. Aber: Es könne „New Work" sein, solange es mit unseren Wertvorstellungen von guter und erfüllender Arbeit einhergehe. Die Ini­tiative Gesundheit und Arbeit (iga) hat elf Werte definiert, die Erwerbstätigen heute wichtig sind und somit neues Arbeiten bestimmen. Dazu gehören etwa Nachhaltigkeit, Gleichberechtigung, Sinn in der Arbeit, Selbstentwicklung oder Sozialleben.

Wer gerne auch bei der Arbeit soziale Kontakte pflegt, für den kann ein Kicker im Großraumbüro tatsächlich zur Zufriedenheit beitragen. Wer hingegen etwas besonders Sinnstiftendes bei der Arbeit tun will, dem ist mit einem solchen Spielzeug nicht geholfen. Ahlers hebt vor allem Autonomie und Flexibilität als Werte hervor, die neue Arbeit ­attraktiv machen. Etwa durch flachere Hierarchien oder die Chance, dort zu arbeiten, wo wir möchten: im Büro, zu Hause oder im Ferienhaus auf Mallorca.

„Für un­sere Gesundheit sind diese neuen Möglichkeiten tendenziell positiv zu bewerten", sagt Ahlers. Wenn sie mit Arbeitssouveränität einhergeht, ermöglicht uns die dadurch gewonnene Freiheit, andere wichtige Bedürfnisse zu befriedigen. Eine Regelung zur flexiblen Zeiteinteilung bei der Arbeit erlaubt es uns etwa, auszuschlafen, wenn nötig.

Auch wer aus der Distanz arbeiten darf und im Warmen überwintern kann, hat davon eventuell gesundheitliche Vorteile. „New Work ist dahingehend ein wichtiger Schritt zu einer menschengerechteren Arbeit", sagt die Expertin. Hauptsächlich kann also unsere psychische Gesundheit von neuen Arbeitsformen profitieren. Die wiederum wirkt sich auch auf unser körper­liches Wohlbefinden aus. Denn: „Wer seine Arbeit gerne macht, wird auch seltener krank", sagt Ahlers.

Burnout durch zu viel schöne Arbeit?

Doch der Spaß an der Arbeit und die starke Identifikation mit ihr haben auch ihre Schattenseiten. Autonome Arbeit kann ein Einfallstor für psychische Belastungen sein, wenn sie mit überlangen Arbeitszeiten, Selbstausbeutung und Erholungsunfähigkeit einhergeht. Warum? Wenn wir autonom arbeiten, etwas Sinnstiftendes tun und mit ganzem Herzen dabei sind, statt nur die Zeit abzusitzen, ist es eben unwahrscheinlich, dass wir nach acht Stunden den Stift fallen lassen. Oft beschäftigen uns Arbeitsthemen dann auch in unserer Freizeit, eventuell sogar nachts - und halten uns dann vielleicht vom Schlafen ab. Entgrenzung nennt man das. Statt Work-Life-Balance, also einem Leben, in dem sich Arbeit und Freizeit die Waage halten, ist Work-Life-Blending typisch für „New Work": ein Verschmelzen von ­Arbeit und Freizeit. Digitale Kommunika­tionswege sorgen zusätzlich dafür, dass wir rund um die Uhr erreichbar sind.

Für das Jahr 2021 führte der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) eine Umfrage unter Erwerbstätigen durch, die ihre Arbeit ins Homeoffice verlagert und deren Unternehmen die innerbetriebliche Kommunikation auf digitale Anwendungen umgestellt hatten. Jede beziehungsweise jeder dritte von ihnen gab an, im Zeitraum zwischen 18 und 23 Uhr oft bis sehr häufig noch zu arbeiten. Für die Zeit vor der Umstellung ins „neue Normal" hatten dies weniger als zehn Prozent der Befragten angegeben. Bei derselben Gruppe kam es nach dem Umzug vom Büro an den heimischen Schreibtisch auch weitaus häufiger zu Überstunden sowie zu verkürzten Pausen- und Ruhezeiten.

Präsentismus durch Homeoffice

Sozialwissenschaftlerin Ahlers stuft so ein Verhalten - vor allem, wenn es sich über ­eine längere Zeit zieht - als Risiko für die Gesundheit ein. Wer länger als acht Stunden arbeitet, bei dem lässt nicht nur das Konzentrationsvermögen nach. Auch die Fähigkeit, sich von der Arbeit zu erholen, sei dann eingeschränkt. „Länger als acht Stunden sollte man in der Regel nicht arbeiten", rät die Expertin deshalb. Gefährlich werden kann hier - wie erwähnt - auch Arbeit, die man mit viel Herzblut ausführt. „Wenn man nur die Arbeit als Sinnquelle sieht, führt das schlimmstenfalls zu einem Burnout ", sagt iga-Referentin Isabelle Woelk.

Und bei Überstunden hört es nicht auf. Die Möglichkeit, Arbeit auch außerhalb des Büros zu erledigen, senkt die Hemmschwelle, krank zu arbeiten und so unter Umständen noch kränker zu werden. Wer sich sonst hat krankschreiben lassen, um im Büro niemanden anzustecken, ist im Homeoffice eher dazu verleitet, trotz Krankheit zu arbeiten. Treffen sie ihre Mitarbeitenden nicht persönlich bei der Arbeit, haben Führungskräfte zusätzlich noch weniger Überblick über den tatsächlichen Gesundheitszustand der Belegschaft. Laut Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin tendierten Erwerbstätige, die zu ­Hause arbeiten, sogar schon vor der Corona-­Pandemie zu Präsentismus. Im Zeitraum von 2018 bis 2021 gingen jede und jeder zweite Beschäftigte manchmal, häufig oder sogar sehr häufig krank zur Arbeit. Das geht aus einer Studie des Instituts für Betriebliche Gesundheitsberatung und der Techniker Krankenkasse hervor. Ein Verhalten, das gesundheitliche Risiken birgt.

Der Studie eines Sitzmöbelherstellers zufolge beginnt ungesundes Arbeiten im Homeoffice bereits bei der heimischen Büroausstattung. Für die Erhebung wurden 2000 Arbeitnehmerinnen und -nehmer in Deutschland, Österreich und der Schweiz befragt, die von zu Hause arbeiten. 64 Prozent von ihnen klagten über gesundheit­liche Probleme durch die Tätigkeit im Heimbüro. Häufiger als psychische Probleme, Müdigkeit und Stress nannten die Befragten Rücken-, Muskel- und Kopfschmerzen. Kein Wunder: Zumindest gab etwa die Hälfte der Befragten an, zu Hause schlechtere Büro­möbel zu haben als am Firmenarbeitsplatz.

Was muss also geschehen, damit wir das Beste aus neuen Arbeitsformen herausholen können, statt uns nur selbst auszubeuten? Dr. Elke Ahlers sieht hier Angestellte und Unternehmen in der Verantwortung. „Beschäftigte müssen zunächst anerkennen, dass sie sich auf Dauer nichts Gutes tun, wenn sie bis nachts arbeiten. Das heißt auch mal ‚Nein' zu sagen", sagt Ahlers. In einer gut geführten Firma sollte es in Ordnung sein zu offenbaren, dass man überlastet ist oder für ein Projekt mehr Zeit braucht als zunächst geplant. Um sich wirklich erholen zu können, hilft es, sich bewusst Zeiten der Nicht-Erreichbarkeit zu organisieren.

Vorgesetzte müssen mit Mitarbeitenden sprechen

Oft betreiben Firmen nur sogenannte Verhaltensprävention. Das bedeutet, dass sie zum Beispiel mit einem Fitnessraum oder frischem Obst das Verhalten der Mitarbeitenden positiv beeinflussen wollen. Ein guter Anfang. Zum modernen betrieblichen Gesundheitsmanagement gehöre aber auch die sogenannte Verhältnisprävention. Dabei geht es darum, mit Beschäftigten ins Gespräch zu kommen und zu fragen: Was würdet ihr ändern? Wo braucht ihr Unterstützung? Haben wir genug Personal? Bräuchten wir Zusatzqualifikationen?

In der Realität werde laut Ahlers stattdessen oft auf Verschleiß gearbeitet - mit zu knappen Personalressourcen und zu engen Deadlines. „Mitarbeitende können sich noch so gesund ernähren und noch so viel Sport treiben: Wenn ihnen dauerhaft zu viel Arbeit zugemutet wird, werden sie trotzdem krank", sagt die Expertin.

Isabelle Woelk rät Unternehmen zwei ­Dinge: Zum einen zu hinterfragen, für welche Werte sie im Rahmen neuer Arbeitsweisen überhaupt stehen. Nicht jede Art von „New Work" sei auf jedes Unternehmen anwendbar. Zum anderen gibt sie zu bedenken, wie „New Work" für die Mit­arbeitenden eingeführt wird. Sollen diese zum Beispiel ein neues Programm bekommen, mit dem sie arbeiten, ist es hilfreich, die Beschäftigten mitbestimmen zu lassen, welches Programm ihnen tatsächlich die Arbeit erleichtert. Oft würden aber gute, moderne Entscheidungen der Belegschaft einfach über­gestülpt. So sorgt etwas Neues statt für Erleich­terung für Stress und Mehrarbeit unter den Mitarbeitenden.

New Work wird immer normaler

Vielleicht wäre auch eine Kultur des „Loud Leaving" - also des lauten, offensichtlichen Nachhausegehens - eine Möglichkeit für Unternehmen in Deutschland, etwas zu verändern. In Schweden etwa muss man sich rechtfertigen, wenn man länger bei der Arbeit bleibt. Vorgesetzte signalisieren dort, dass Überstunden nicht erstrebenswert sind, indem sie selbst mit gutem Beispiel vorangehen. Sie verlassen ihren Arbeits­platz pünktlich und machen darauf auch aufmerksam.

Die Expertinnen Woelk und Ahlers sehen großes Potenzial für eine gute Zukunft der Arbeit, wenn ihre Ausgestaltung mit Blick auf unsere Gesundheit weiter diskutiert und verbessert wird. Sie sagen auch, dass „New Work" im eigentlichen Sinne - wie von Bergmann beschrieben - nicht nur Menschen betrifft, die in Büros arbeiten. „Auch in Handwerksberufen mit Schichtbetrieb kann ein mitarbeiterfreundlicheres, gesünderes Arbeitszeit-­Management eingeführt werden", so ­Woelk. Laut Ahlers macht die fortschreitende Digitalisierung es zudem immer mehr Berufsgruppen möglich, zeit- beziehungsweise ortsflexibler zu arbeiten.

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