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Digitale Kompetenz: Die neuen Paten

Digitale Kompetenz ist wichtiger als je zuvor, wenn es um gesellschaftliche Teilhabe geht. Wie und durch wen können Senioren dabei unterstützt werden?


von Laura Patz, 30.09.2021


E-Mail, SMS oder ein Gruß per WhatsApp. Unzählige neue Wege, miteinander zu kommunizieren, gehören mittlerweile zum Alltag. Auch in der Medizin schreitet die Digitalisierung voran, denkt man nur an die Videosprechstunde beim Arzt, neue Gesundheits-Apps oder das elektronische Rezept, das spätestens 2022 in die Apotheke kommen soll. Wer damit aufwächst, für den ist das meiste selbstverständlich.

Älteren Generationen jedoch fehlt diese Intuition. Senioren, die sich nicht aktiv mit digitaler Technik auseinandersetzen, geraten da leicht ins Hintertreffen und büßen an Selbstständigkeit ein, mahnen Experten. Das wurde gerade durch die Pandemie deutlich. Impftermine etwa machten oft die online sehr viel fitteren Enkel für ihre Großeltern aus.

Unstrittig ist: Digitale Technik kann das Leben einfacher machen, gerade für Menschen, die schlecht zu Fuß oder anders gehandicapt sind. Doch damit alle profitieren, bleibt viel zu tun. 2020 etwa nutzte laut Umfrageportal Statista gut die Hälfte der über 70-Jährigen das Internet nicht.


Senioren digital fit machen

Handlungsbedarf sehen Allegro Sprute, Janina Stiel und Carsten Clanget. Sie wollen Älteren mehr digitale Souveränität ermöglichen: Allegro Sprute gründete als Schüler eine Lernplattform für Senioren. Carsten Clanget vermietet eigens für alte Menschen konzipierte Tablets. Janina Stiel hat eine Datenbank mitentwickelt, die digitale Lernangebote für Senioren listet. Was die drei motiviert, sich für 70 plus starkzumachen? Persönliche Erfahrungen. Warum in Deutschland aber noch viel mehr passieren muss, damit Ältere nicht zu digitalen Außenseitern werden, erklärt eine Digitalexpertin im Interview.


Der Tablet-Vermieter:

 Mit 70 plus schafft man das nicht mehr? "So kann man das nicht immer sagen", findet der 48-jährige Carsten Clanget, sondern die Aufgabe sei es doch, darüber nachzudenken, "wie wir es schaffen, dass ältere Menschen Technik sinnvoll nutzen können". Aus diesem Gedanken heraus hat sein Unternehmen 2013 ein einfach zu bedienendes mietbares Tablet auf den Markt gebracht. Das Besondere: Das Gerät funktioniert ohne WLAN - gut im Senioren- oder im Pflegeheim, wo es an einer stabilen WLAN-Verbindung oft hapert! Bei der Weiterentwicklung hält Clangets Team viel Rücksprache mit potenziellen Benutzerinnen und Benutzern, um die Bedienerfreundlichkeit weiter zu verbessern. Was bei den Senioren besonders beliebt ist? "Unsere installierten Spiele und Rätsel, um geistig fit zu bleiben!"


Die Bildungsvermittlerin:

Wer lernen will, den Computer zu benutzen, und ein Angebot in der Nähe sucht, ist hier richtig. Über die Eingabe der Postleitzahl werden lerninteressierte Ältere bei wissensdurstig.de fündig, verspricht Janina Stiel. Die gelernte Sozialgerontologin kümmert sich bei der BAGSO darum, Älteren den Zugang zu digitaler Kompetenz zu erleichtern - ob Computer-Kurs oder Handy-Sprechstunde. Über die Bildungs- und Freizeitangebote auf wissensdurstig.de sagt Janina Stiel: "Lernen verändert sich im Alter und sollte entsprechend gestaltet werden." Dazu gehöre Geduld sowie Raum für Wiederholungen und Austausch. Das Portal selbst will neugierig machen. Ansprechende Farben, hohe Kontraste und größenverstellbare Schrift sollen es den Lerninteressierten erleichtern, sich beim Klicken zurechtzufinden.


Der Handy-Erklärer:

Allegro Sprute war noch ein Teenager, als er mit einigen Mitschülern sein Unternehmen gründete. "Lerne Smart" ist eine Plattform im Internet, auf der Sprute älteren Menschen mit Erklärvideos zeigt, wie ihre Handykamera oder ein Videochat funktioniert. Angefangen hatte die Idee anders. Vor der Pandemie war Sprute noch mit dem Fahrrad zu den Senioren nach Hause gefahren und hatte sie dort persönlich unterrichtet. "Von anderen Vereinen haben wir uns abgehoben, da wir ausschließlich Einzeltraining gegeben haben", erklärt der heute 21 Jahre junge Gründer den großen Zulauf seines Angebots. Mittlerweile hält er "Lerne Smart" neben seinem Studium der Internationalen BWL am Laufen. Und auch er selbst zieht daraus viel positive Motivation: "Wenn Senioren plötzlich ihr Handy verstehen, gibt einem das ein ganz besonders gutes Gefühl!"



Warum die digitale Teilhabe immer wichtiger wird und Frauen oft locker mit der Technik umgehen, erklärt Digitalexpertin Dr. Helga Pelizäus im Interview.


Frau Dr. Pelizäus, wie steht es um die digitale Kompetenz der Generation 60 plus?


In Deutschland nutzen nicht annähernd so viele Menschen das Internet, wie es wünschenswert wäre. Die Digitalisierung durchdringt inzwischen alle Lebensbereiche. Und digitale Kompetenz ist heute für uns alle unabdingbar. Aber auch die technische Infrastruktur fehlt hierzulande vielerorts. Im Vergleich mit anderen Ländern sind wir Nachzügler.


Welche Länder kriegen das besser hin?

In Dänemark zum Beispiel gibt es für alle Generationen verpflichtende Kurse, die man besucht, um mit dem Internet richtig umgehen zu können. Mit Erfolg, wie eine Zahl aus dem Jahr 2018 zeigt: Damals waren schon mehr als 90 Prozent der 65- bis 74-jährigen Dänen online. In Deutschland gibt es zwar viele tolle Initiativen, die die Situation verbessern, doch leider noch nicht flächendeckend.


Was bedeutet das für die Zukunft?

Wir hinken hinterher, was den Einbezug älterer Menschen in die technische Welt angeht. Da besteht die Gefahr, dass Senioren zu digitalen Außenseitern werden. Mit Technikberatung für Ältere haben wir in Deutschland angefangen. Nun sollte es mit Angeboten weitergehen, die über das Bedienen der Geräte hinausgehen und den Lernenden einen kritischen Umgang mit Digitalem beibringen. Das sollte für alle älteren Menschen selbstverständlich und am besten kostenlos sein. Auch die technische Infrastruktur muss bei Bedarf umsonst zur Verfügung stehen. Ohne Internetanschluss ist man schon heute abgehängt, und in Zukunft wird es schlimmer sein.


Sie sehen also einen gewissen Zeitdruck zu handeln?

Ja! Die Corona-Krise hat deutlich gezeigt, dass diejenigen, die keinen Zugang zum Internet haben, doppelt benachteiligt sind: Als es die Kontaktsperren gab, konnten sie nicht auf Kommunikation im Netz ausweichen. Viele haben unter fehlender sozialer Teilhabe und unter Einsamkeit gelitten. Auch andere Vorteile digitaler Technik bleiben Offlinern verwehrt. Dabei kann sie den Alltag auf vielfältige Weise erleichtern.


Was genau meinen Sie?

Zum Beispiel das Ausfüllen von Onlineformularen, was bequem von zu Hause aus geht. Auch Onlineshopping spielt eine große Rolle. Diese Möglichkeit wird von denen, die davon Gebrauch machen, als ein neues Stück Freiheit wahrgenommen - gerade wenn man mobilitätseingeschränkt ist.Es gibt auch Ältere, die mit Tablet, Smartphone und Co. gut klarkommen. Man kann nicht einfach sagen, alte Menschen wären alle Technikskeptiker. Besonders ältere Frauen gehen teils relativ unbelastet und locker an die digitale Technik heran und können sie gut für sich nutzen. Und für die, denen früher der Zugang zu höherer Bildung verwehrt war, ist das Internet auch eine Chance zur Emanzipation.


Wie sieht es bei den Männern aus?

Männern wurde oft beigebracht, sie müssten die Dinge allein hinkriegen. Daher haben sie schnell das Gefühl, sie wären nicht gut genug, wenn sie etwa technische Probleme nicht selbst lösen können. Doch fast jeder braucht Unterstützung, um für den Alltag digital fit zu werden, nicht nur Ältere.


Wie sollte diese Unterstützung aussehen?

Momentan beruht das viel auf engagierten Einzelpersonen. Das halte ich für problematisch. Senioren mit dem Internet vertraut zu machen ist eine höchst verantwortungsvolle Aufgabe. Ich finde es toll, dass es so viel Ehrenamt gibt. Aber wenn diese Personen aufhören, verfällt auch ihr Angebot. Es sollten sich mehr Menschen hauptamtlich damit beschäftigen. Und es sollte Qualitätsstandards für digitale Lernangebote geben.


Was sollten die Qualitätsstandards sicherstellen?

Wichtig ist, dass jeder lernt, kritisch zu hinterfragen, was er im Internet tut, und wie die Informationen einzuschätzen sind. Es geht um digitale Souveränität. Das bedeutet nicht, die Komplexität des Ganzen durchschauen zu müssen. Aber zum Beispiel Gefahren im Internet einschätzen zu können.


Ist auch Geld ein Grund, aus dem Ältere das Internet scheuen?

Immer mehr Hochaltrige sind von Altersarmut betroffen. Die können sich das gar nicht leisten. Deshalb halte ich es für dringend notwendig, dass der Internetzugang für Privathaushalte bei Bedarf zum Beispiel von den Kommunen bereitgestellt wird.

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