Lars Sobiraj

Online-Journalist, Bergisch Gladbach

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Was können Eltern gegen Cyber-Mobbing tun?

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Dritte über das Internet fertig zu machen, ist unter Kindern und Jugendlichen weit verbreitet. Cyber-Mobbing funktioniert ganz ähnlich wie normales Mobbing. Der Unterschied ist lediglich, dass man sich dabei anderer Werkzeuge bedient. Die Täter haben im Internet den Vorteil, dass ihr Name häufig unbekannt bleibt. Auch erfordern virtuelle Angriffe weniger Mut.

Opfer von Cyber-Mobbing legen oft das gleiche Verhalten an den Tag. Möglicherweise möchte Ihr Kind plötzlich nicht mehr in die Schule, obwohl es ihm dort bisher gut gefallen hat. Treten körperliche Beschwerden wie Kopf- oder Bauchschmerzen gehäuft auf? Wirkt Ihr Kind dauerhaft niedergeschlagen? Gehen plötzlich gehäuft Schulbücher kaputt? Können Sie Beschädigungen an den Kleidern feststellen? Eventuell verlangt Ihre Tochter beziehungsweise Ihr Sohn plötzlich nach mehr Taschengeld. Das müssen nicht, aber das können Indizien für Cyber-Mobbing oder andere Probleme in der Schule sein.

Wichtig: Zeigen Sie aktives Interesse am Leben Ihres Kindes und an seinem Bekanntenkreis. Ist im Leben Ihres Kindes wirklich alles okay? Sprechen Sie über Freundschaften und Erlebnisse in der Schule mit Ihrem Kind. Nur so können Sie in Erfahrung bringen, ob alles in Ordnung ist.


Gesprächsbereitschaft signalisieren


Sagen Sie als erstes Ihrem Kind, dass an ihm nichts falsch oder schlecht ist. Es ist bei weitem nicht das einzige Opfer. Die schlechteste aller möglichen Reaktionen von Eltern ist es, Berichte von Cyber-Mobbing nicht ernst zu nehmen. Virtuelles Mobbing ist für die Betroffenen so schlimm und real wie echtes Mobbing. Eltern sollten dafür stets ein offenes Ohr haben.


Auch nach Ansicht von Kristine Kretschmer von mobbing-schluss-damit.de sollen Eltern ihren Kindern stets Gesprächsbereitschaft signalisieren. Was ihre Zöglinge als Mobbing empfinden, kann allerdings sehr unterschiedlich ausfallen. Was für Sie eine Lappalie wäre, wirkt für manche Kinder schon sehr bedrohlich. Sie müssen den Vorfall in jedem Fall ernst nehmen.


Keine Aktion ohne Information des Kindes


Berater und Therapeuten empfehlen immer wieder, alle Schritte zunächst mit Ihrem Kind abzusprechen. Im Idealfall sollte man zusammen einen Plan ausarbeiten, wie es jetzt Schritt für Schritt weitergehen soll. Wichtig ist es auch die Kinder daran zu erinnern, dass auch sie sich überall korrekt benehmen müssen. Die Regeln für Umgangsformen gelten im gleichen Umfang für das echte Leben wie für das Internet.


Nicht auf Angriffe reagieren


Nach Ansicht des Medienpädagogen Muuß-Merholz hat Cyberbullying „viel mit der Suche nach Aufmerksamkeit zu tun. Es funktioniert nicht, wenn ich versuche, jemanden bloßzustellen, und es reagiert keiner. Facebook ist eine riesige Resonanzmaschine, positiv wie negativ."


Heinz Thiery von bke (Bundeskonferenz für Erziehungsberatung) glaubt, dass die Täter von der Rückmeldung leben. Auch wenn die Beleidigungen einen noch so sehr zu einer Reaktion herausfordern, bringt es nichts darauf zu reagieren. Jede Antwort verlängert den Vorgang nur unnötig.


Lehrer und Eltern informieren


Kristine Kretschmer rät dazu das Problem am Ursprungsort zu lösen. Sollte der Psychoterror in der Schule begonnen haben, dann muss das Problem auch dort gelöst werden. Die Eltern des betroffenen Kindes sollen das Gespräch mit den Lehrern, der Schulleitung oder schulischen Beratungsstellen suchen. Viele Schulämter haben sogenannte Mobbing-Berater, die mehr als die meisten Pädagogen wissen. Sie können weiterhelfen, sofern es die zuständigen Lehrkräfte überfordert. Eine weitere Anlaufstelle ist auch der schulpsychologische Dienst.


Kontaktmöglichkeiten einschränken


Bei einer sehr ernsten Situation raten Experten dazu, die Handynummer und E-Mail-Adresse des Kindes auszutauschen, damit die Täter sie nicht mehr erreichen können. Wenn der Name der Kinder bekannt ist, von denen die Aktionen ausgehen, lohnt häufiger auch ein direkter Kontakt. Sofern deren Eltern das Verhalten nicht billigen, kann auch ein Gespräch mit den Eltern das Problem lösen.


Unangemessene Beiträge löschen lassen


Betreiber von Foren und Chats können aufgefordert werden, Einträge auf Anfrage zu löschen. In den meisten Fällen reagieren die Anbieter relativ zeitnah. Facebook hat selbst eine Hilfsseite zum Löschen von unangemessenen Nachrichten oder Pinnwand-Einträgen eingerichtet. Dort kann man im Detail nachlesen, wie derartige Mitteilungen gemeldet oder Kontakte blockiert werden können.


Keine falschen Geschenke


Ihr Kind ist niedergeschlagen und wirkt traurig. Es wäre nach Ansicht vieler Experten trotzdem ein Fehler, das Kind durch Süßigkeiten oder Geschenke „freizukaufen". Auch Forderungen nach zusätzlichem Taschengeld sollte man besser nicht erfüllen.

Facebook-Verbot sinnlos


Ein kompletter Ausstieg aus Facebook oder WhatsApp ist hingegen keine Option! Wer diese Netzwerke verlässt, ist auch bei seinen Mitschülern komplett out. Den Rat sein eigenes Profil einfach zu löschen, können sich die Eltern betroffener Kinder folglich sparen. Das geht an der Lebensrealität der heutigen Jugendlichen vorbei. Laut dem Diplompädagogen Jöran Muuß-Merholz sollten Eltern nicht mit einem Verbot von Facebook reagieren. Das könne „nach hinten losgehen". Einerseits wird das Opfer dadurch zusätzlich bestraft, obwohl es nichts zum Dilemma beigetragen hat. Andererseits könnte das Kind oder der Jugendliche dort auch Unterstützung, Trost oder Rat von Freunden und Bekannten erhalten. Wer sein Kind von Facebook abschneidet, schneidet es auch davon ab.


Möglich wäre es den alten Account vorübergehend ruhen zu lassen, um etwas Ruhe in die Angelegenheit zu bringen. Um weiterhin Nachrichten und Trost von Gleichgesinnten zu erhalten, könnte man das soziale Netzwerk mit einem Pseudonym besuchen. Wenn sich die Situation beruhigt hat, kommt wieder der herkömmliche Account zum Einsatz. In erster Linie darf es den Tätern nicht mehr möglich sein, Kontakt zum Opfer aufzunehmen. Sollten die Täter nicht zu ermitteln sein, werden sie ohne Reaktion schnell die Lust verlieren.


Im Extremfall: Anwalt & Polizei


Bei sehr schlimmen Fällen sollte die örtliche Polizei oder ein Rechtsanwalt hinzugezogen werden. Den Löschantrag beim Forum oder sozialen Netzwerk können Sie aber selbst durchführen. Der Anwalt kann beim Täter zivil- und strafrechtliche Konsequenzen androhen und den Betreiber auffordern, die Identität des Täters aufzudecken. Seriöse Anwälte bieten eine sogenannte kostenlose Ersteinschätzung an. Nach Ihrer Schilderung des Falls informiert Sie der Anwalt, welche Kosten durch seine Bearbeitung entstehen werden. Das heißt: Vor der ersten Handlung des Juristen können Sie abwägen, ob Sie das Kostenrisiko tragen möchten. Kann der oder die Täter ermittelt werden, müssen diese Ihre Rechtsanwaltskosten übernehmen. Cyber-Mobbing ist zweifelsohne so speziell, dass man in jedem Fall einen Fachanwalt für Medien- oder IT-Recht beauftragen sollte.


Nicht zu lange grübeln


Es bringt nichts zu lange über die Gründe nachzudenken. Manchmal ist es schlichtweg nicht zu klären, warum gerade Ihr Kind Opfer einer solchen Attacke wurde. Mobbing kann jedes Mädchen und jeden Jungen treffen. Mobbing ist ein Gruppenkonflikt. Wir sind mit unseren individuellen Eigenschaften alle Teil verschiedener Gruppen und ihrer Dynamik. Es bringt schlichtweg nichts, lange nach den Ursachen zu fahnden. Wir haben alle unsere Eigenschaften, die nicht immer bei allen Mitmenschen gut ankommen. Laut einer aktuellen Studie wurde bereits jeder siebte Jugendliche (14 Prozent) im Alter von 10 bis 18 Jahren im Internet gemobbt. Es kann also wirklich jeden treffen!

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