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"So was von deutsch!"

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Cafés, Pünktlichkeit, Bürokratie ? Wie Briten die Stadt Frankfurt erleben.

Auf dem zerschrammten Tisch im „Waxy's" stehen zwei Guinness. „Das ist schlichtweg das beste Bier, egal, was die Deutschen behaupten", brummt Michael McKinley. Sie sind immer noch „die Deutschen", auch nach 29 Jahren. McKinley kam mit seiner deutschen Ehefrau hierher, ursprünglich stammt er aus Belfast. „Der Anfang war hart", erinnert er sich. „Dienstleistungen hier sind so viel komplizierter. Als ich mit 24 aus London kam, hatte ich noch nie meine Steuererklärung geschrieben; kannst du dir vorstellen, wie das hier war?"

McKinleys Gegenüber Mark Gray ist seit 1989 hier. Beide sind gegen den Brexit, können aber verstehen, warum so viele dafür gestimmt haben. Sie glauben, dass es für die Briten, die jetzt nach Frankfurt kommen, viel leichter sein wird als für sie selbst vor knapp 30 Jahren. „Heute gibt es Internetseiten, die Events empfehlen oder Fragen beantworten. Das gab es natürlich nicht, als ich herkam", sagt Gray. Sein erster Eindruck damals? - „Alles voller Cafés mit Außenbereichen! Das hast du in London nicht; dafür ist das Wetter nie gut genug. Drei Tage 28 Grad nennen die da Hitzewelle. Freibäder findest du auch kaum." Und der Verkehr natürlich. Das Klischee der deutschen Pünktlichkeit, und sei es nur die Bahn, über die hier alle schimpfen. „Die würden sich in London umgucken", grinst McKinley. „Da ist jede Bahn schon grundsätzlich zehn Minuten zu spät."

Wenn man aus dem riesigen London kommt, sei man verblüfft über die Kompaktheit Frankfurts und die Infrastruktur in der Stadt. „Du fährst 30 Minuten durch London, und du bist immer noch in London", sagt Gray. „In Frankfurt bist du ganz schnell am anderen Ende der Stadt." Man staune über die Preise, denn in Frankfurt sei fast alles günstiger. Und über die deutsche Mentalität, aber was das angeht, eher negativ.

„Das hier ist eine Ellbogengesellschaft", meint Michael McKinley. „Wenn du in Irland jemanden anrempelst, entschuldigt der sich eher als du. Und wenn in London die Bahn kommt, rennst du nicht wie der Teufel zu den Türen, um der Erste zu sein. Das ist so was von deutsch!" Kennenlernen könne man die Deutschen auch schlecht, ergänzt er anschließend noch.

Rolf Birnbaum kennt das Problem. „Wenn du in London an einer Bar stehst und dein Glas ist halb leer, kommt garantiert jemand und fragt ‚How ya doing?' In Frankfurt kann man da lange drauf warten." Und noch dazu seien die Deutschen sehr schnell beleidigt. „Du sprichst jemanden mit „du" an, der ein „Sie" erwartet, und er ist sofort schlecht drauf." Birnbaum nennt sich selbst „London Boy", wohnt aber in Darmstadt. Und sitzt trotz seiner 38 deutschen Jahre in einem englischen Pub. Er glaubt nicht, dass der Brexit besonders viele Briten nach Frankfurt führen wird. „Die Londoner Börse schreit. Die lassen das ganze Geld nicht einfach so ziehen", meint er.

Ob es denn etwas gibt, das in seinen Augen in Frankfurt besser ist? - Ihm fällt spontan überhaupt nichts ein. „Aber es muss eine ganze Reihe von Dingen geben. Sonst wäre ich nicht mehr hier." Dann fängt er an zu lachen. „Das Essen war mal besser hier, aber da hat London in den letzten Jahren ordentlich aufgeholt!" Dieses Klischee wäre also schon mal vom Tisch.

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