Kristin Oswald

Online-Redakteurin, Kultur & Geisteswissenschaften, Erfurt

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Artikel

Die re:publica 2014 und die res cultura. Ein Vergleich zwischen Kultur- und Netzgemeinschaft

Fachleute, die einige Tage in ihre Welt eintauchen können, ohne die Bedeutung ihrer Arbeit erklären zu müssen – dieses Bild trifft auf viele Veranstaltungen zu, bei denen sich über Spezialthemen und Leidenschaften – seien sie beruflicher oder privater Natur – ausgetauscht wird. Die re:publica ist inzwischen über dieses Format hinausgewachsen, nicht viele andere Special-Interest-Treffen in Deutschland können 6000 Besucher zählen. Dafür, wie sich Fachthemen entwickeln, zeigte sich die re:publica in diesem Jahr besonders vorbildhaft – auch für den Kulturbereich.

Diejenigen, die noch vor wenigen Jahren als Nerds bezeichnet wurden, nennen sich heute Netzgemeinde. Dieser Begriff ist keineswegs übertrieben: Eine Gemeinschaft als Gruppe von sozialen oder beruflichen Akteuren, die durch ein Wir-Gefühl miteinander verbunden sind, scheinbar eine gemeinsame Lebenskultur pflegen, sich gemeinsamen ethischen Normen und einer gemeinsamen Sache verpflichtet fühlen, in deren Sinne sie für alle zu sprechen glauben. Diese Definition lässt sich auch auf den Kulturbereich anwenden. Wie hier nicht zwischen den Künsten als öffentliches oder persönliches Interesse getrennt wird, unterscheidet die Netzgemeinde nicht zwischen on- und offline. Beide vertreten für alle Menschen den Anspruch, sich anhand ihres Bereiches bilden, entfalten und kreatives Potenzial nutzen zu können.


Ein Forum für Gesellschaftsthemen

Auf der re:publica als repräsentativem Treffen der Netzgemeinde wird deutlich, was man erreichen kann und auch, welche Probleme entstehen, wenn man versucht, die Grenzen zwischen sich und den anderen zu überwinden und für die eigene Sache zu kämpfen. Schon der Name (vom lat. res publica – öffentliche Sache) zeigt, dass hier eine Verbindung zwischen den Fachmenschen des Internets und der Gesellschaft geschaffen werden soll, denn das Netz verändert die Gesellschaft auch dort, wo Leben und Beruf scheinbar nichts mit dem Internet zu tun haben (ein Session-Beispiel finden Sie hier). Die wichtigsten Themen der Veranstaltung – Digitalisierung, Netzpolitik, Kommunikation, aber auch Geschäftsmodelle – greifen entsprechend gesellschaftliche Entwicklungen auf und versuchen, neue Wege zu gehen. Diese Intention der re:publica ist auch für einen Kulturbetrieb der Zukunft, wie ihn Klein und andere meist zu recht fordern, eine interessante Anregung. In einem größeren und freieren Format außerhalb des eigenen Hauses kommt ein enger und zugleich offener, inspirierender Austausch über Probleme und Möglichkeiten leichter zustande – mit Kritikern ebenso, wie mit Besuchern, Politikern oder Geldgebern.

Mehr als nur Marketing

Jene Aspekte, die derzeit am stärksten mit dem Internet verbunden werden, sind Kommunikation und Marketing. Gerade hier setzen viele der von den Onlinern entwickelten Werkzeuge an, um Neugier für ein Thema zu wecken und anspruchsvolle Inhalte zu vermitteln, ohne die eigene Fachkompetenz untergraben zu müssen. Die re:publica ist dabei eine Inspirationsquelle für die Vielfalt der Möglichkeiten solcher Projekte (hier und hier). Eine der wichtigsten Eigenschaften der Netzgemeinde ist darüber hinaus, dass sie die Anwendbarkeit ihrer Entwicklungen für verschiedenste Lebens- und Arbeitsbereiche sehr gut verdeutlicht. Grundlegend für diese geschäftliche Kommunikation, die zunehmend auch die digitale Gesellschaft ausmacht, ist dabei das indigene Eigene, Besondere an einem Unternehmen, einer Idee oder einer Institution und dessen Mehrwert für die Menschen offen und authentisch herauszustellen.

Diese Einstellung und die Umsetzungsmöglichkeiten, die dafür von der Netzgemeinde entwickelt werden, können dem Kulturbereich als Vorbild dienen. Denn einer der Kernaspekte und zunehmend eine Notwendigkeit in der Kultur ist es, das eigene Wissen in Form von Objekten, Aufführungen oder Inhalten so anschaulich und interessant zu vermitteln, dass dessen Bedeutung und Mehrwert deutlich werden. Möglich ist das – zum Beispiel dank entsprechender Online-Tools – auch mit den knappen finanziellen Ressourcen in der Kultur, die diese mit Authentizität und Leidenschaft ausgleichen kann.

Damit Kommunikation wie die der Netzgemeinde funktioniert, ist aber mehr nötig, als gutes Marketing. Vielmehr steht dahinter die Grundeinstellung, stets zuerst den Mehrwert einer Sache zu definieren. Erst wenn dieser klar ist, folgen die nächsten Schritte: Markt- und Bedarfsanalysen, den Antworten der Kommunikation zu lauschen und daraus Rückschlüsse zu ziehen. Entsprechende Markenentwicklung hilft auch Kultureinrichtungen, sich die Unterstützung der öffentlichen Hand zu sichern, die Aufmerksamkeit ihrer (potenziellen) Besucher zu erhöhen und diese aktiv in diese Entwicklungsprozesse einzubinden. Zudem ermöglicht die Öffnung, die eigene Arbeit mit anderen Augen zu sehen und kritisch zu reflektieren.

Reines Online-Marketing ist nur die Spitze des Eisberges jenes Denkmodells der Netzgemeinde, das tief in Betriebsklimata jeglicher Art hineinreicht (auch hier ein Session-Beispiel). Auch hier haben die Entwicklungen der Netzgemeinde neue Grundregeln geschaffen. Die erfolgreichen Betriebe der Online-Wirtschaft entstehen als Start-Ups aus einer Idee heraus, die Bedürfnisse der Menschen aufgreift und diese in den Mittelpunkt stellt. Dies gilt sowohl für die Kunden, als auch für die Mitarbeiter. Diese sollen stets ein Teil der Vision bleiben, um ihre Leidenschaft nicht zu verlieren. Führung verläuft meist weniger hierarchisch, um die interne Kommunikation und die Kreativität bei den Mitarbeitern zu verbessern und flexibel auf Veränderungen reagieren zu können. Dies gilt zum Beispiel in Hinblick auf die zunehmende Spezialisierung der Arbeitsbereiche, der mit strategischer Risikobereitschaft, Förderung der individuellen Fähigkeiten und Change Management-Prozessen entgegengetreten wird.

Diese Grundregeln werden gerade in der Kreativwirtschaft,  deren Teilmärkte tief in der Netzgemeinde verwurzelt und mit dieser eng verzahnt sind, schon vielfach umgesetzt. Auch auf viele klassische Kultureinrichtungen ist dieses Denkmodell anwendbar und die Diskussion darum nicht neu. Ihre Anwendung wird jedoch häufig aufgrund hierarchischer und bürokratischer Strukturen und vielleicht auch mangels Risikobereitschaft verhindert. Dem entgegenzustellen ist jedoch, dass der Erfolg der Unternehmungen der Netzgemeinde keineswegs zufälliger Natur ist. Vielmehr sind es geplante Veränderungsprozesse und das Nutzen des Potenzials der Mitarbeiter, die einen hohen Anteil am Erfolg haben.

Entsprechend der zahlreichen Bereiche, der die Netzgemeinden in der Zwischenzeit zugehörig sind, sind auf der re:publica Marketing-Spezialisten ebenso anzutreffen, wie Wissenschaftler verschiedenster Fachrichtungen, Personalmanager, Analysten, Kreative und natürlich Programmierer. Sie alle sind im weitesten Sinne auf gleicher Ebene tätig und tauschen sich hier aus. Dabei sind die Taktiken der Kommunikation offener, fachlich sehr anspruchsvoll und zeichnen sich weniger durch Konkurrenz, als durch Kooperationen, durch Offenheit für die Ideen, Erfolge und Tipps der anderen aus, von denen man selbst lernen kann.

Und was hat das mit Kultur zu tun?

Natürlich sind Kulturorganisationen eher selten Start-Up-Unternehmen. Nichtsdestotrotz sind deren grundlegende Ideen, quasi der arbeitsmoralische gemeinsame Nenner der Netzgemeinde, auch für Kulturinstitutionen interessant. Denn die Leidenschaft und Kreativität für ein spezielles Thema und die Bereitschaft, sich dafür einzusetzen, zeichnet auch hier die meisten Mitarbeiter aus. Sie bieten ein Vielfaches dessen an Innovationskraft, was bisher genutzt wird. Zudem arbeiten Online-Firmen, ebenso wie Kultureinrichtungen, zumindest zu Beginn, meist mit kleineren Budgets. Sie sind aber gerade deshalb Meister darin, Gelder auch für risikohafte Projekte und Ideen auf verschiedensten Wegen zu akquirieren – Erfahrungen, deren sich auch die Kultur bedienen kann. Zudem arbeiten sie in Hinblick auf Verwaltungs- und Bürokratieaufgaben sehr effizient, um den Großteil der finanziellen Mittel in das Herz der Projekte stecken zu können. Dies ist gerade im Kulturbetrieb ein viel diskutierter Punkt, für den sich ohne Umdenkprozesse in Hinblick auf Flexibilität, Strategien und (digitale) Werkzeuge aber nur schwerlich Lösungen finden.

Nun ist die Netzgemeinde keine heile Welt. So machen die Themen der re:publica 2014 auch deutlich, dass die zunehmende Bedeutung neuer Ideen eines kleinen Gesellschafts- und Wirtschaftsbereiches auch negative Facetten mit sich bringen kann (hier). In diesem Fall sind das auf den ersten Blick Online-Kriminalität oder Überwachung. Tiefer reicht aber, dass durch das Wachstum des Lebens- und Arbeitsbereiches Internet dessen Nutzung selbstverständlich ist und mit den genannten Problemen einhergeht. Die Netzgemeinde hat – wie die Kultur – eine zu kleine Lobby. Und ihre Anliegen werden – wie jene der Kultur – oftmals kaum ernst genommen. Der Grund dafür ist bei beiden Bereichen ähnlich: Die Aktivisten, jene also, die sich für die zentralen Anliegen auch politisch einsetzen, sind in der Unterzahl. Zugleich werden die möglichen Folgen in der Öffentlichkeit nicht wahr und ernst genommen. Es fehlen Wirkungsmacht und Durchsetzungsfähigkeit. Doch die Netzgemeinde arbeitet daran, über die Digitalisierung und deren aktuelle Handhabung für die Gesellschaft aufzuklären. Ihr Defizit: Das Thema ist noch vergleichsweise neu, Lobby-, Medien- und politische Arbeit müssen erst aufgebaut werden. Das kann man für den Kulturbereich nicht konstatieren. Vielmehr hofft man hier darauf, dass die Menschen von allein dessen Bedeutung erkennen und entsprechend handeln, wenn sich eine Kürzung oder Schließung ankündigt – wenn es aus politischer Sicht also eigentlich schon zu spät ist.

Zwar ist die re:publica, wie jede Fachveranstaltung, thematisch sehr spezifisch. Die Anzahl an Besuchern und Referenten aus Theorie und Praxis, Wissenschaft und Wirtschaft zeigt aber, wie groß, vielfältig und tief verzweigt das Thema Internet in unserer heutigen Gesellschaft ist. Die positiven Veränderungen und auch die Gefahren, die mit technischen Möglichkeiten einhergehen, betreffen dabei künftig Privatpersonen ebenso, wie Institutionen und Unternehmen. Die angesprochenen Aspekte und offenen Fragen – zum Beispiel nach dem Umgang mit Besucherdaten oder der Sicherheit digitaler Interna – werden deshalb auf die Agenda im Kulturbetrieben kommen müssen. Gerade in puncto Internet ist die zunehmende Aufgabenspezialisierung ein Thema der Kultur, dass in der Theorie/ Ausbildung wie in der Praxis eines höheren Bewusstseins bedarf. Um es professionell umsetzen zu können, braucht es Spezialisten, die sich tiefgehend auskennen. Es reicht heute nicht mehr, der Marketingabteilung, Pädagogik oder dem IT-Betreuer diese Aufgaben zuzuordnen. Der Input für die zugehörigen Umstrukturierungen und Neuausrichtungen kann gerade in Kulturbetrieben mit ihren passionierten und ideenreichen Mitarbeitern aus den unteren Ebenen kommen. Ihre strategische Planung ist aber eine Führungsaufgabe – auch wenn sie als Prozess des Umdenkens von allen Mitarbeitern unterstützt und getragen werden muss.

Die res cultura

Die Kultur- und Netzgemeinde haben gerade in Hinblick auf Kreativität und Visionen sehr viel gemeinsam. In Hinblick auf deren Nutzung aber scheinen viele Kulturinstitutionen jenen Schritt, für den die Netzgemeinde repräsentativ ist, noch nicht gegangen zu sein. Deswegen braucht es die kritische Reflexion der Gemeinsamkeiten und Unterschiede, der Vor- und Nachteile dieser spezialisierten und vielfältigen Fachwelten. Bevor dies von außen – zum Beispiel durch Politiker oder Geldgeber – durch Sparmaßnahmen erzwungen wird, kann es schon ein Schritt sein, das Gespräch mit denjenigen zu suchen, die bereits Experten für diese neuen Denkmodelle sind. Das offene, vor allem durch Austausch auf Augenhöhe und Kommunikationsfreude geprägte Format der re:publica ist hierfür sehr geeignet. Ein Besuch kann – wie dieser Beitrag zeigen wollte – einen Mehrwert für jede Führungskraft und jeden Mitarbeiter im Kulturbetrieb bieten, die von den Veränderungen der digitalen Gesellschaft betroffen sein werden: GründerInnen in der Kreativwirtschaft, MitarbeiterInnen von Pressestellen, Personalverantwortliche und KulturmanagerInnen. 
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