Kristin Oswald

Online-Redakteurin, Kultur & Geisteswissenschaften, Erfurt

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Artikel

Citizen Science und die Wurzeln von Kultur. Rückblick auf die Tagung „Bürger Künste Wissenschaft"

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Mit der digitalen Kommunikation, Big Data & Co. erlebt Bürgerforschung derzeit einen Aufschwung. Sie bietet viel Potenzial für Kultureinrichtungen, wenn es um Partizipation und neue Formen von Gemeinschaft und Kommunikation mit der Gesellschaft geht. Die Möglichkeiten und notwendigen Strukturen thematisierte die Tagung „Bürger Künste Wissenschaft", die vom 21. bis 23. September an der Universität Erfurt stattfand.

In vielen Kultureinrichtungen, vor allem Museen, wird es wieder größer geschrieben, die eigenen Sammlungen zu erforschen und zugänglich zu machen. Gerade Häuser und Institutionen mit regionalem Bezug können dabei mit Citizen Science ihre Bedeutung und Beziehungen ausbauen. Hier bietet sich ein guter Ansatzpunkt, um die Menschen vor Ort in die Forschung und Vermittlung zu integrieren, Bezug auf ihre individuellen Zugänge zu nehmen und neue Formen von Gemeinschaft aufzubauen.

Vereinzelte Häuser und Disziplinen lassen Laien bereits an der Entstehung von Fachwissen teilhaben. Über entsprechende Beispiele hinaus brachte die Tagung aber auch allgemeinere Aspekte auf die Agenda - zu den Strukturen des Kultur- und Wissenschaftssystems, Fachkommunikation oder Open Data. Sie dienten als Diskussionsgrundlage zu der Frage, wie Hobbyforscher nicht nur Wissenskonsumenten und Datensammler sein, sondern andere Perspektiven auf Forschung selbst aufzeigen können. Über den Mehrwert für die Institutionen hinaus ermöglicht es Citizen Science auch den beteiligten Bürgern, ihre Fähigkeiten auszubauen - und eröffnet damit sowohl den Einrichtungen als auch den Wissenschaftlern im Kulturmanagement neue Argumente für die Relevanzdiskussionen in der Gesellschaft.


„Genauigkeitsfetischismus der disziplinären Isolation"

Bürgerforschung ist nichts Neues. Vielmehr machte sie die Akademisierung, Institutionalisierung und eigenständige Formen der Wissensaufbereitung für aus Kultur und Geisteswissenschaften erst möglich. Diese private Beschäftigung ist nie abgebrochen, wird aber als Hilfsarbeit der professionellen Wissenschaft kaum noch einbezogen. Mit der beidseitigen digitalen Wissensweitergabe werden die Grenzen zwischen privater und akademischer Forschung sowie der breiten Öffentlichkeit nun zunehmend in Frage gestellt. Aus Kultur und Geisteswissenschaften nutzen bisher vor allem Museen die sozialen Medien für Marketing, Vermittlung und neue Formen bürgerschaftlichen Interesses. Doch da Forschungsvorgänge weiterhin primär in Fachpublikationen diskutiert werden, ist wirkliche Teilhabe nur schwer möglich. Citizen Science bietet hier Optionen, bürgerschaftliches Engagement, Wissen und Zeit umfangreicher als bisher für die Forschung nutzbar zu machen, macht aber auch angepasste Strukturen und Selbstverständnisse notwendig.

Nach Peter Finke, Professor für Wissenschaftstheorie und -geschichte, ist das ein grundsätzliches Problem. Die Ideen der interessierten und oft versierten Laien würden kaum ernst genommen und geschätzt, Methoden zugänglich gemacht oder die Entwicklung und Bearbeitung von Fragestellungen in ihre Hände gelegt. Auch die Motivationen und Bedürfnisse der Hobbyforscher würden kaum thematisiert. Die Wissenschaftler vergäßen, dass auch sie Lernende sind, die stets ihre Neugier behalten sollten. Ebenso wie die Einrichtungen würde die Bürgerwissenschaft sich selbst organisieren und in verschlossenen Zirkeln arbeiten und debattieren. Sie nähmen sich dabei der Aufgabe an, für die Gesellschaft und unter deren Einbeziehung tätig zu sein.


Ideenentwicklung fördern und zugleich Qualität sichern

Doch seien gerade die geisteswissenschaftlichen Fähigkeiten der Reflektion, Transdisziplinarität und des Weitblickes zentral, wenn es darum ginge, gesellschaftliche Veränderungen zu verstehen, Lösungsansätze zu entwickeln und das Wissenschaftssystem zu reflektieren. Trotz bestehender Grundlagen und Erfahrungen gibt es in Kultur und Geisteswissenschaften aber kaum übergreifenden Austausch über Citizen Science - obwohl man sich damit als zentrale Anlaufstelle für die Zusammenarbeit mit Laien etablieren könnte. Deshalb sei es notwendig, die Akteure zusammenzubringen, so betonte Lisa Pettibone von Bürger schaffen Wissen (GEWISS), und Frameworks zu schaffen, die Unterstützung gewähren und fachliche Kompetenzen bündeln. Dabei sind für akademische wie für Laienforscher eine angenehmes Umfeld und Selbstverwirklichung die stärksten Motive, um Input und neue Blickwinkel zu liefern. Diese zu schaffen, ist Aufgabe der Häuser und verantwortlichen Kulturmanager.

Die Beispielvorträge der Tagung machten deutlich, dass die Vermittlung von Methoden und Theorien den Bürgern hilft, die Komplexität von gesellschaftlichen Veränderungen verstehen und Ausdeutungen kritisch betrachten zu können. Zugleich erbringen Ehrenamtliche, Arbeitskreise und Vereine auf Basis thematischen und methodischen Fachwissens wichtige und vielfältige Zuarbeit zur Erfassung, Erhaltung und Vermittlung des kulturellen Erbes. Ohne Verständnis und Augenhöhe bei den Institutionen nehme dieses Engagement aber kontinuierlich ab. Die Referenten betonten, dass es eine zentrale Aufgabe ihrer Arbeit sein, die Balance zwischen den Ansprüchen und Bedürfnissen zu bedenken. Dies führe zu mehr Offenheit, Anerkennung und finanzieller Unterstützung.


Formen der (digitalen) Zusammenarbeit

Doch in Kultur und geisteswissenschaftliche Forschung gibt es viel Unwissen zu Citizen Science, wie der Vortrag von GEWISS zeigte. Trotz wachsenden öffentlichen Interesses an Wissenschaft sind diese Themen deshalb für viele Zielgruppen unattraktiv, öffentliche Debatten und Austausch finden zu selten statt. Hier setzt GEWISS an und beschäftigt sich mit dem strategischen Ausbau entsprechender Infrastrukturen und inhaltlichen Diskussionen mit den verschiedenen Stakeholdern. Neue Perspektiven und Formen der Wissensweitergabe können dabei innerhalb der Disziplinen und der akademischen Lehre für Impulse sorgen.

Formate, um Forschung für die interessierte Öffentlichkeit zugänglich zu machen, gibt es gerade im Digitalen immer mehr, wie Markus Neuschäfer aufzeigte. Mit ihnen bekommt der Austausch eine persönliche, orts- und zeitunabhängigere Qualität. Blogs, offene Bildungsmaterialien, Online-Kurse oder Open-Access können ein Ansatz sein, um die Expertise und Erfahrungen von Laien und Forschern zusammen zu bringen, gemeinsam neues Wissen zu generieren und beiden Seiten Rechnung zu tragen. Auch der sogenannte Online-Aktivismus kann in seinen Ausrichtungen und Motivationsansätzen ein Vorbild für Citizen Science sein. Ebenso gibt es in der Wikipedia-Community zahlreiche Kooperationspartner für bürgerschaftliche Projekte, deren Gemeinschaftsgefühl als Vorbild dienen kann. Bisher sehen zwar nur wenige Wissenschaftler ihre Aufgabe darin, Forschung auf diese Weise der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, bei Kulturinstitutionen wächst das Bewusstsein jedoch deutlich, so machte Julia Kloppenburg klar.


Museen als Austauschorte

Trotz umfangreicher Erfahrungen herrscht auch in Museen die Angst davor, die eigene Deutungshoheit aufzugeben, obwohl Citizen Science viel dafür leisten kann, gerade bei brisanten Themen neue Wege zu finden. Dabei stellt sich die Frage, ob Freundeskreise noch eine zeitgemäße Form sind, um Schwellenängste abzubauen, wie Anselm Hartinger, Leiter der Erfurter Geschichtsmuseen, während der Tagung betonte. Deshalb wollen die vorgestellten Projekte das klassische Ehrenamt mit den digitalen Communities vernetzen und neue Formen der Integration von Besucherwissen finden. Das Deutsche Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven etwa versucht, individuelle Erinnerungen zur maritimen Berufs- und Lebenswelt zu dokumentieren und in Forschung wie Wissenschaftskommunikation einzubeziehen, wie Ruth Schilling anhand der Neukonzeption der Dauerausstellung zeigte.

Ebenso setzt das von Julia Weinhold und Isabel Slawik präsentierte Konzept des Social Tagging bei individuellen Zugängen an. Hierbei werden Datenbanken durch Laiennutzer verschlagwortet, um möglichst viele Metadaten zusammenzutragen und sowohl den Fachwissenschaftlern als auch den Laien zugänglich gemacht. Mit vergleichsweise geringen Hürden lernen die Bürger dabei, wie Wissenschaftler sich mit Daten, Quellen oder musealen Objekten beschäftigen. Verschiedenste Arten von Datenbanken können hierbei in Zusammenarbeit mit Bürgern befüllt, genutzt und gestaltet werden. Durch automatisierte Kontrollverfahren wird die Qualität sichergestellt und die Analyse ermöglicht neue Einsichten und Forschungsansätze hinsichtlich Nutzerverhalten und beispielsweise Kunstwahrnehmung.


Barcamp

Sowohl während der Tagung als auch während des Barcamps bildete Raum für Gespräche und Diskussionen ein zentrales Element. Auch aus dem digitalen Raum gab es Input zu den diskutierten Themen, Beispiele wurden getwittert und Fragen gestellt. An den beiden ersten Tagen waren die Fragen zentral, wie man Citizen Science innerhalb der Forschung einordnet und entsprechende Projekte koordiniert, finanziert oder evaluiert. Auch ist unklar, wie Qualitätskriterien aussehen und wie man das Wissensmanagement für beide Seiten nachhaltig und zugänglich gestalten kann.

Während des Barcamps hatte jeder Teilnehmer die Möglichkeit, die für ihn wichtigen Punkte auf die Tagessordnung zu setzen, in den Sessions zu reflektieren und praxisnah zu besprechen, was bei den Teilnehmern für viel Begeisterung sorgte. Die Themen umfassten den Umgang mit Citizen-Science-Daten, partizipative Projekte in Museen, Fachcommunities im Netz, Reenactment und Oral History als Citizen Science-Formate oder einen Leitfaden für Citizen Science und daran geknüpfte politische Erwartungen.

Insgesamt zeigte sich, dass bereits viel gemacht und ausprobiert wird, es aber an übergreifendem Austausch und einer Fehlerkommunikation fehlt, die es allen Beteiligten ermöglicht, voneinander zu lernen. Dabei ist es die Aufgabe der Wissenschaft,

Frameworks zu schaffen und auf die andere Seite zuzugehen. Auf Dauer kommt man nicht an der Öffnung, Umstrukturierung und einem Umdenken der Institutionen vorbei, auch der externe Druck von Seiten der Gesellschaft und der Fördergeber wird wachsen. Es ist deshalb sinnvoll, die Chancen jetzt zu nutzen, anstatt die Veränderungen hinterher passiv hinnehmen zu müssen.

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