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Dieser Mann sorgt für die Konservierung der Berliner Mauer

Der Architekt Günter Schlusche. Foto: Volkmar Otto

Eine Mauer kann baulich noch so perfekt sein. Sobald der Drang der Menschen nach bürgerlicher Freiheit größer ist, wird sie irgendwann überwunden werden und einbrechen, ist sich Günter Schlusche sicher. Es ist diese Devise, nach der der Architekt seine Arbeit gestaltet und politische Entwicklungen an der amerikanischen Grenze zu Mexiko oder in Ungarn beobachtet, wo auch heute noch Mauern gegen Menschen errichtet werden. In Deutschland gehört das zwar der Vergangenheit an, doch damit die Lehren aus der Berliner Mauer noch möglichst lange greifbar für die Nachwelt sind, sorgt Schlusche dafür, dass die Überreste des einstigen Grenzsystems so gut es geht erhalten werden.


Vorgefundenen Zustand bewahren

Der 69-jährige Architekt ist bei der Stiftung Berliner Mauer als Projektleiter für die Erweiterung der Gedenkstätte an der Bernauer Straße zuständig. In seinen Bereich fällt auch die Überwachung der Konservierung des Denkmals. Die erforderlichen Maßnahmen werden von ihm und seinen Kollegen je nach Bedarf beauftragt und an ausgewählte Fachfirmen vergeben - mitunter reisen die Konservatoren aus ganz Deutschland an. Zur Stiftung gehören ebenfalls die Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde, die Gedenkstätte Günter Litfin sowie die East Side Gallery. In der Regel fallen jährlich an allen Standorten derartige Arbeiten an, auf dem weitläufigen Gelände an der Bernauer Straße lasse sich jedoch am besten zeigen, wer oder was dem Denkmal zusetzen kann.

Gerade erst hat ein Konservator die Instandsetzung an einem freigelegten Keller eines Grenzhauses fertiggestellt, das Besucher auf dem Areal besichtigen können. An dieser Stelle seilten sich einst die Bewohner aus den Grenzhäusern ab oder sprangen aus den Fenstern in die Sprungtücher der West-Berliner Feuerwehr. Damit das alte Gemäuer geschützt wird, hat die beauftragte Firma oben drauf eine sogenannte Verschleißschicht aufgetragen. Der Aufwand war vergleichsweise gering. Je nachdem, was gemacht werden muss, kann ein Auftrag nach Angaben von Günter Schlusche schonmal eine höhere fünfstellige Summe kosten.

Ganz in der Nähe sind noch 220 Meter der Berliner Mauer erhalten. Besonders auf der Westseite haben Mauerspechte und Witterung für Schäden gesorgt, etliche Stahlbewährungen sind freigelegt. An dieser Stelle lässt sich laut Schlusche gut erklären, mit welchem Ansatz die Stiftung das Denkmal verwaltet. Vor einigen Jahren gab es weitreichende Diskussionen, ob man die Mauer in ihren einstigen Zustand zurückversetzen sollte oder sie so konserviert, wie sie gefunden wurde. Letzteres habe sich schlussendlich durchgesetzt, was Schlusche sehr begrüßt. „Wir wollten hier kein Disneyland aufbauen und nicht mutmaßen, wie etwas vielleicht einmal vor 40 Jahren aussah", sagt er.

Die freigelegten Stahlstäbe an der Bernauer Straße werden deshalb nicht mit Beton bedeckt, sondern lediglich vor heutigen Feinden geschützt, etwa vor Souvenirjägern, die sich ein Stück Geschichte sichern oder Menschen die an den Stangen ihre Kraft testen wollen. Dafür wurden Befestigungsbügel angebracht, Risse sind prophylaktisch mit einem neuen Konservierungspräparat behandelt worden. Die Rückseite der sogenannten Hinterlandmauer wird mittlerweile stabilisiert. Doch auch, wenn Witterung und Zeit gegen die Bausubstanz arbeiten, müsse niemand in naher Zukunft Angst haben, dass das Denkmal einstürzt. Die Belastbarkeit sei 2010 in einem Crashtest erprobt worden, der gezeigt habe, wie massiv die Mauer ist. Die vielen Graffitis an der Ostseite hingegen vernachlässigen die Fachmänner, da sie mit dem eigentlichen Verfall nichts zu tun hätten und man kaum hinterherkäme, weswegen sie nur alle paar Jahre entfernt werden.

Leitlinie für alle Konservierungsmaßnahmen ist ein Denkmalpflege-Managementplan, der 2010 von der BTU Cottbus im Auftrag der Stiftung Berliner Mauer erarbeitet wurde und der regelmäßig von einem Experten neu bewertet wird. Günter Schlusche und sein Kollege Axel Klausmeier haben zur Denkmalpflege der Berliner Mauer 2011 zudem ein ganzes Buch herausgegeben, in denen Experten aus der ganzen Welt zu Wort kommen.

Meistens sind es nur Kleinigkeiten, die die Konservatoren an der Grenzanlage instand setzen. Etwa winzige Farbcodierungen, die den Grenzsoldaten an der einstigen Lichttrasse zur Orientierung dienten und die dem normalen Besucher nur selten auffallen. Die Mauer sei eben ein unbequemes Denkmal, nicht die klassische Schönheit. „Und doch muss sie behandelt werden, als sei sie ein römischer Tempel", sagt Schlusche und lacht.


Wissen um die Umstände

Der Experte freut sich, dass sich das Verhältnis der Menschen zur Mauer mittlerweile gewandelt habe und die Überreste als schützenswert betrachtet werden. Das sei vor 20 Jahren noch anders gewesen. „Da wollten die meisten am liebsten alles entsorgen", sagt er. Heute kontaktieren ihn und seine Kollegen Institutionen aus der ganzen Welt, um ihre Fachexpertise zur Mauerkonservierung einzuholen. „Vor einiger Zeit wurden wir sogar von jemandem aus Costa Rica um Hilfe gebeten."

Vor etwa 50 Jahren zog Günter Schlusche aus dem ländlichen Niedersachsen nach West-Berlin. Weil er viele Freunde im Osten hatte, die zum Teil im Gefängnis saßen, wusste Schlusche schon früh um die Umstände in der DDR. „Das gesamte Ausmaß war natürlich auch mir nicht klar", sagt er heute.

Mit Konservierungsarbeiten ist er erst später in seinem Berufsleben in Kontakt gekommen. „Ich habe mich jedoch schon immer sehr für Geschichte interessiert und wie man die Spuren der Vergangenheit der heutigen Generation näherbringen kann", sagt er. Unter anderem war Schlusche mit der Planungs- und Baukoordination für das Denkmal für die ermordeten Juden Europas beauftragt. Obwohl er schon in den Ruhestand gehen könnte, möchte der Architekt der Stiftung noch eine Weile erhalten bleiben. „Mir macht diese Arbeit großen Spaß", sagt er und das wird schnell deutlich, wenn Schlusche über die Anlage läuft, um die verschiedenen Facetten der Konservierung zu erklären.

Jeden Tag ist er draußen unterwegs und begutachtet den Zustand seiner ungewöhnlichen Arbeitsstätte. Doch es ist nicht nur der bauliche Aspekt, der Schlusche reizt. „Die Dramatik der damaligen Zeit wird meinen Kollegen und mir täglich bewusst, da wir ständig mit Menschen zu tun haben, die geflohen sind oder die Familie bei dem Versuch dabei verloren haben", sagt er.

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